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STUTTGART/Staatsoper: DON GIOVANNI – Himmel und Hölle der Frauen. Premiere

27.07.2012 | KRITIKEN, Oper

Staatsoper Stuttgart: „DON GIOVANNI“ 25.7. (Premiere) – Himmel und Hölle der Frauen


Verführer und Verführte – Shigeo Ishino (Don Giovanni) und Rebecca von Lipinski (Donna Elvira). Copyright: A.T.Schaefer

Mit einer Premiere als Spielzeit-Abschluss ohne direkt anschließende Folgevorstellungen (erst im Herbst) machte die Stuttgarter Oper in ungewöhnlicher Form auf sich aufmerksam, zumal als mediales Großereignis via Live-Übertragung auf 3sat, SWR3, Internet und einem Public viewing im Schlossgarten ins Rampenlicht einer breiteren Öffentlichkeit gerückt. Nur das Rundfunk-Programm blieb der zeitgleichen Übertragung der Eröffnungspremiere der Bayreuther Festspiele vorbehalten.

Wenn es auch einem weniger bekannten Werk zu wünschen gewesen wäre, auf diesem Weg vielleicht einen Initiationsschub zu erhalten, so bot sich Mozarts Dramma giocoso mit seinem universellen Thema und seiner musikalischen Popularität verständlicherweise für solch einen Zweck besonders an. Es spricht für die Hausregisseurin Andrea Moses, diesen erweiterten Rahmen weder für eine betont steife und ernste, noch eine gewollt komische Betrachtung des Stückes genutzt zu haben. Vielmehr fand sie zu einer durchgehend bewahrten Balance zwischen Tragik und Heiterkeit, wie es der Bezeichnung des Werkes als dramma giocoso entspricht. In dem von ihr geschaffenen Rahmen sind tiefe Betroffenheit wie auch befreites Lachen gleichermaßen möglich, ohne sich ins Pathos zu steigern bzw. über so manches Verhalten lustig zu machen. Dieser Rahmen ist- wie bei Frau Moses nicht anders erwartet – das Hier und Heute, Don Giovanni als ständig existierende Projektionsfläche für die Sehnsüchte der Frauen. Mit unverkrampfter Personenführung deckt sie die gegenseitige Abhängigkeit auf: der Verführer kann ohne das weibliche Geschlecht nicht leben, in seinem Herzen haben viele Platz; andererseits fühlen sich seine Eroberungen so magisch von ihm angezogen, dass sie trotz aller zwischenzeitlichen Verdammnis, kaum dass er am Ende tot ist, flehentlich an seiner Leiche knien und ihm Kranz und Blumen, die zuvor noch das Grab (hier der Souffleurkasten), des Komturs geschmückt haben, niederlegen und sich zuletzt gar noch um seinen Hut streiten. Sogar die betrogenen Männer zeigen sich betroffen, so sehr hat Don Giovanni auch zur Würze ihres Lebens und ihrer Beziehungen beigetragen. Zwar gelöst, aber doch auch ungewiss blicken sie alle am Ende des Moralgesanges in die Zukunft.

Ob die Geschichte nun so betont in und um ein Drugstore-Hotel herum angesiedelt werden muss, bleibe dahingestellt. Christian Wiehles drehbarer zweistöckiger Bühnenaufbau mit diversen Zimmern, der Bar und Garage des Hotels nebst verbindender Treppen bietet mit den gläsernen Schiebetüren im Laufe der Aufführung vielfältige Einblicke in das Gebaren der Personen. Die Charaktere werden z.T. bereits während der Ouvertüre vorgestellt, wenn Ottavio an der Bar lümmelt und mit jedem Streit bekommt oder Masetto zum Gläserputzen abgestempelt ist. Kein Wunder, dass ihre Angebeteten auf Don Giovanni aus sind, von dem sie das erhoffen, was ihnen die Partner nicht geben können: bei Donna Anna sind es tiefe Gefühle, bei Donna Elvira Schutz und Halt, bei Zerlina gesellschaftlicher Aufstieg. All das beleuchtet Moses in ihrer Inszenierung genauestens und vor allem unverkünstelt pendelnd zwischen Nachdenklichkeit und komödiantischer Lebendigkeit. Auch Wiehles keineswegs beliebige Gegenwartskostüme tragen ihren Teil dazu bei. Der Frauenverführer ist hier ein schon etwas reiferer Herr im weißen Anzug, Pelzmantel und Hut, der seine besten Zeiten hinter sich hat, versucht auf dieser Erfolgswelle weiterzuschwimmen und sich immer wieder mit der Pistole den Weg frei schafft. Unter der Moralpredigt des Komturs, der dazu wie schon in der Friedhofsszene leibhaftig auf seinem Grab steht, sieht er sein Ende selbst gekommen und gibt sich, angeschossen von Leporello, den Rest mit der Kugel. Shigeo Ishino gelingt es diesen schon etwas alternden Don auch mit voluminös kernigem und wo geboten einschmeichelnd geführtem Bariton den Wandel zwischen ungebrochener Siegessicherheit und bröckelndem Erfolg glaubhaft zu machen. André Morsch schafft es als Leporello in Jeans, Krawatte, Weste und Lederjacke trotz aller dienerischer Unterwürfigkeit mit Schmackes und Witz ins Zentrum der Vorgänge zu rücken. Sein lyrisch warmer Bariton glänzt vorerst im oberen Bereich, während die tiefen Register wie auch generell die Durchsetzungsfähigkeit noch wachsen dürften. Insgesamt ein schöner Erfolg für den noch jungen Sänger.

Rollengemäß unterschiedliche Farben bringen die drei Damen ins Spiel. Simone Schneider ist die damenhafte und gefühlsintensive Donna Anna in eleganten Mini-Kleidern, zerrissen zwischen Leid und Rachegedanken, klanglich mühelos beglaubigt durch ihren üppigen Zwischenfachsopran, der auch mit breiter gewordener Mittellage und Tiefe nichts an Koloraturgeläufigkeit eingebüßt hat und die Partie in all ihren divergierenden Ansprüchen ohne die geringsten Probleme bewältigt. Ähnlich gelagerte Mozart-Wonnen offenbarte auch die leuchtend klar und mit glänzender Höhe gesungene Donna Elvira der Rebecca von Lipinski. Damit schaffte sie einen wohltuenden Ausgleich zu ihrer passend als hysterische Nervensäge gespielten Verflossenen mit Sonnenbrille und Kopftuch. Die Zerlina der Pumeza Matshikiza hatte als Girlie im Glitzerfummel daherstöckelnd, so gar nichts vom traditionell liebreizenden Landmädchen, dennoch hätte ein weniger dunkler und nicht so gedeckter Sopran, der mehr zu Puccini passt, Mozarts transparentem Klangideal besser entsprochen. Dass Don Ottavio nicht die fade und manchmal auch musikalisch unzufrieden erfüllte Rolle sein muss, beweist der Brasilianer Atalla Ayan. Zu seiner feinen Studie eines Intellektuellen mit Gefühlshemmungen betört er mit einem schmelzvollen Latino-Tenor, dessen technische Verankerung es erlaubt, sowohl die Sanftheit des „Dalla sua pace“ als auch die Entschlossenheit in „Il mio tesoro“ gebührend auszukosten. Sehr wendig im Spiel und mit einem angenehm rustikalen Bariton, der noch der Festigung und Tiefenfüllung bedarf, empfahl sich Ronan Collett als Masetto aus dem Opernstudio (mit Übernahme ins Ensemble ab der kommenden Spielzeit). Der rollenerfahrene Matthias Hölle entspricht nun ganz der Würde einer Vaterfigur wie der des Komturs, auch wenn sein sämiger Bass an Substanz verloren hat und vor allem die Tiefe beim Strafgericht nicht mehr die gewünschte Durchschlagskraft aufweist.

Die kleine Formation des Staatsopernchores wurde von Johannes Knecht wie immer zuverlässig einstudiert und von Jacqueline Davenport für die angedeuteten Tänze beim Fest präzise stimmig vorbereitet. Bereits die fast brutal herab fallenden Akkordschläge, mit denen die Ouvertüre beginnt, signalisierten eine deutliche Vorwegnahme von Don Giovannis Untergang und darüber hinaus die Handschrift eines Dirigenten, der für eine durchweg spannende Mitgestaltung der Aufführung garantiert. Der Holländer Antony Hermus, der bereits die Aufführungen des koproduzierenden Theaters Bremen (Premiere war dort im Februar 2010) geleitet hatte, hielt das Staatsorchester Stuttgart zu wachem, gelegentlich auch brachial ruppigem Spiel an, fand aber auch zu empfindsam ausgehörten Ruhepunkten. Trotz der etwas unausgeglichenen Tempi zwischen extrem schnell und betont langsam entstand der Eindruck einer geschlossenen Wiedergabe.

Für den Multi-Media-Aufwand war es insgesamt nicht unbedingt ein Paukenschlag, aber ein sehr brauchbarer Beitrag fürs laufende Repertoire sowie auch eine willkommene Ablösung der todlangweiligen Neuenfels-Variante von 2002.

Ungetrübt starke Zustimmung mit verdient abgestuften Ovationen.

Udo Klebes

 

 

 

 

 

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