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STUTTGART/Schauspielhaus: THE FAIRY QUEEN von Henry Purcell. „Die Tiere sitzen im Orchester“

31.01.2016 | Oper

STUTTGART/ Schauspielhaus: „The Fairy Queen“ von Henry Purcell: DIE TIERE SITZEN IM ORCHESTER

Koproduktion von Oper und Schauspiel Stuttgart mit Purcells „The Fairy Queen“ am 31. Januar 2016 im Schauspielhaus/

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Caroline Junghanns, Alexander Sprague, Mark Milhofer, Josefin Feiler, Michael Stiller, Mirella Bunoaica, Arnaud Richard, Lauryna Bensziunaite.  Copyright: Julian Roeder

Das war eine richtige Doppelhochzeit mit Hochzeitstorte im Schauspielhaus Stuttgart zwischen der Oper Stuttgart und dem Schauspiel. In der Regie von Calixto Bieito ging im Zauberwald die Post ab. Drei Liebespaare werden in William Shakespeares „Sommernachtstraum“ gnadenlos im Bühnenbild von Susanne Gschwender und den witzigen Kostümen von Anja Rabes in einen Irrgarten der Gefühle geschickt. Pucks Zaubertropfen zwischen Hirschgeweihen bringen selbst Oberon und Titania völlig durcheinander. Elfen und Nachtwesen huschen hier atemlos vorüber, im Orchester sitzen plötzlich Musiker mit Tierköpfen. Züchtige Betschwestern verteilen Kleider an die Frierenden. Und der Gefühlshaushalt der Protagonisten gerät selbst bei der abwechslungsreichen Choreografie von Beate Vollack völlig durcheinander. Der Tanz wird so zum verbindenden Element zwischen Sängern und Schauspielern. Auch für Lysander, Demetrius, Hermia und Helena vermischen sich Rausch und Realität in bemerkenswerter Weise. Irrungen und Wirrungen der Liebe werden dabei auf die Spitze getrieben. Traum und Albtraum vermengen sich zum Kosmos einer verlorenen und dann wiedergefundenen Zeit, die nicht mehr aufzuhalten ist.

Dies ist auch der Ausgangspunkt für Henry Purcells Musik, die Shakespeares Stück kongenial illustriert. Calixto Bieitos Inszenierung spielt virtuos mit satirischen Momenten. Zu Beginn erlebt man im Foyer zu den Klängen von „Dancing Queen“ der schwedischen Popgruppe Abba eine bejubelte und im Konfetti-Regen endende Hochzeit mit. Die Mischform aus Schauspiel und Oper findet im Innenraum ihre weitgehend geglückte Fortsetzung. Der „Orpheus britannicus“ kommt voll zu seinem Recht. Es ist dem Regisseur ein sehr surrealer Theater-Abend gelungen, in dem sich Sprachen und Gesang auf verrückte Weise mischen. Diese moderne Liebesgeschichte wird so zum dadaistischen Fest und zum barocken Spektakel zugleich. Es geht immer wieder ums Heiraten in allen möglichen Variationen. Nach der großen Hochzeitsparty tritt das Publikum in dieser fantasievollen Inszenierung ein in das faszinierende Reich der Nacht und der Phantasien auf einer großen grünen Drehbühne. Dieser seltsame tierische Nachtclub ist keineswegs zu bremsen. Exotische Akzente erinnern an China, der Esel verliebt sich rettungslos in Titania: „Keine Maus störe dies geweihte Haus“. Etwas deplatziert mischen sich die riesigen rosafarbenen Hasen unters Volk. Die Gattungsgrenzen geraten in die Schwebe. Einzelne Personen stehen in der Drehbühne, richten ihre Spritzpistolen forsch aufs Publikum. Da kommt Stimmung auf. Zuletzt führt der Schutzgott der Ehe das zerstrittene Königspaar Oberon und Titania in Stuttgart wieder in glanzvoller Weise zusammen.

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Hanna Plaß, Manolo Bertling, Caroline Junghanns, Maja Beckmann, Josefin Feiler. Copyright: Julian Roeder

Aber auch musikalisch hat diese Aufführung viel zu bieten. Dirigent Christian Curnyn, der selbst am Cembalo sitzt, lotet vor allem die zahlreichen rhythmischen Reize von Purcells Musik filigran und ausgesprochen stilvoll aus. Der von Johannes Knecht wieder einmal prachtvoll einstudierte Staatsopernchor Stuttgart und das Staatsorchester Stuttgart zeigen sich in Bestform. So kann sich der Zauber der Chaconne voll entfalten. Gavotte-artige Passagen lassen die einzelnen Paare stürmisch aufeinandertreffen. Und die markante Trompetenmelodie in „Hark! hark! the echoing air“ sticht strahlkräftig hervor.

Modal gefärbte Harmonik und atemberaubende Chromatik werden zudem vom versierten Sängerensemble ausgezeichnet herausgearbeitet. Dies gilt nicht nur für die wunderbar wandlungsfähige und stimmlich klangfarbenreiche Sopranistin Lauryna Bendziunaite (Mystery), sondern ebenso für Mirella Bunoaica (Night), Josefin Feiler (Spring), den exzellenten Tenor Mark Milhofer (Queen of Secresie), den facettenreichen Bassbariton Arnaud Richard (Hymen) und den strahlkräftigen Tenor Alexander Sprague (The Indian Boy). Klangsensibilität wird bei Christian Curnyns Interpretation großgeschrieben. Er arbeitet außerdem harmonische Differenzierungen und die Auseinandersetzung mit der englischen Tradition eindringlich heraus. Die tschilpende Melodie der „Sänger des Himmels“ erreicht eine ungeahnte Intensität. Und der „Echo-Tanz“ in Teil zwei entfaltet seine magische Ausdruckskraft. Streicher, Oboen und Fagott liefern sich hier immer wieder einen spannungsvollen Wettstreit – unterbrochen von interessanten „Pianissimi“ der einzelnen Oboe mit fast geisterhaften Effekten. Der lebhafte Rhythmus der „Sinfonie, während derer die Schwäne erscheinen“ ist in geheimnisvoller Weise herauszuhören. Reminiszenzen an die zwei großen Drachen, die eine Brücke über den Fluss schlagen sollten, werden dabei glaubhaft verdeutlicht. Mystisch erklingt weiterhin der sphärenhafte Feenchor, den der Dirigent Christian Curnyn in bewegender Weise gestaltet. Purcells dramatisches Einfühlungsvermögen kommt vor allem bei der Passage „I’m drunk, drunk, as I live, boys, drunk“ in herrlicher Weise zum Vorschein.

Die Tücken der poetisch gestalteten Trunksucht werden von Calixto Bieito nuancenreich auf die Bühne gebannt. Klarheit, Strahlkraft, Zartheit und Eigentümlichkeit von Purcells Musik kommen hier jedenfalls nicht zu kurz. Man hört die Vögel buchstäblich singen, wenn sie durch die Lüfte fliegen. Die Lieder dringen in die Seele der Zuhörer ein. Diesen Aspekt unterstreichen in wundersamer Weise aber auch die Schauspielerinnen und Schauspieler bei dieser Koproduktion. Allen voran Susanne Böwe als psychisch hin- und hergerissene Titania, Johann Jürgens als wandlungsfähiger Demetrius, Caroline Junghanns als hymnisch-exaltierte Hermia sowie die wirklich herausragende Maja Beckmann als Puck, die die Bühne auf den Kopf stellt. Auch Hanna Plaß als Helena sowie Manolo Bertling als Lysander und der ins musikalische Geschehen stark involvierte Michael Stiller als Oberon runden das Ensemble in hervorragender Weise ab. Dieser Aufführung liegt die überarbeitete Version der „Fairy Queen“ aus dem Jahre 1693 zugrunde, deren musikalische Nummern mit wenigen Kürzungen erklingen.

Das Publikum spendete dem gesamten Team Ovationen und tosenden Schlussapplaus. Eine herausragende Produktion und ein Erfolg für den Regisseur Calixto Bieito.

Alexander Walther         

 

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