Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/Liederhalle: ABSCHLUSSKONZERT DES MUSIKFESTES / Gaechinger Cantorey

12.09.2016 | Konzert/Liederabende

Abschlusskonzert mit Händel beim Musikfest Stuttgart

ÜBERREICH AN EMPFINDUNG

Abschlusskonzert des Musikfests der Internationalen Bach-Akademie mit Georg Friedrich Händels „L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato“ am 11. September 2016 im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART

Anstelle einer musikalischen Einleitung entschied sich Rademann für zwei Concerti grossi und das Orgelkonzert op. 7 Nr. 1. Dadurch wird dieses „pastorale Oratorium“ sinnvoll ergänzt. Es ist ein Plädoyer für das richtige Maß im Leben. Die Gaechinger Cantorey unter der einfühlsamen Leitung von Hans-Christoph Rademann interpretierte gleich zu Beginn das Concerto grosso op. 6 Nr. 1 in G-Dur überaus reich an Ausdruck und Empfindung. Das scharf umrissene Kopfthema stach leuchtkräftig hervor. Energisch behaupteten sich die reizvollen Concertino-Episoden. Zart umschattet gefiel dann das Adagio, wobei das Duett der beiden Geigen sehr kraftvoll wirkte. Die Fuge des Allegro wirkte hier sehr erfrischend – und der beschwingte Tanzschritt des abschließenden Allegro prägte sich bei dieser Wiedergabe tief ein. Das ausdrucksvolle und feierliche Larghetto des Concerto grosso op. 6 Nr. 3 in e-Moll imponierte mit seinem breitflächigen Thema, das Rademann mit seinem facettenreichen Orchester minuziös auslotete. Munter wirkte das Allegro mit seinem eckigen Thema und seinen kapriziösen Überraschungen. Mit Dudelsack-Bässen verzauberte eine Polonaise die Hörer. Rhythmische Widerborstigkeiten beherrschten den Tanz-Charakter. Die chromatischen Spitzfindigeiten des Orgelkonzerts op. 7 Nr. 1 in B-Dur gefielen mit ihrem populären Fugenstil. In Händels „L’Allegro, Il Penseroso ed il Moderato“ geht es um die Macht der Musik, was Hans-Christoph Rademann mit der hervorragenden Gaechinger Cantorey intensiv herausstellte. Gegen nagenden Kummer werden im zweiten Teil „soft Lydian airs“ empfohlen, wobei Händel den Solosopran mit vielen raffinierten Sechzehntelnoten ausstattet.

Die Sopranistinnen Gillian Webster und Gerlinde Sämann wurden jedenfalls den hohen gesangstechnischen Anforderungen ihrer Partien bestens gerecht. Die goldenen Regeln des Zusammenlebens werden hier spürbar thematisiert. Der Schlusschoral bestach im Beethovensaal jedenfals durch ergreifende Intensität und machtvolle Schwere. Der originalgetreue Nachbau einer Truhenorgel aus der Werkstatt des Händel-Zeitgenossen Gottfried Silbermann ergänzte die fulminante Leistung des Ensembles. Die bildhafte Musiksprache Händels kam nicht nur beim Zusammenprall der beiden Accompagnato-Rezitative im ersten Teil voll zur Geltung. Die Oboe strahlte beim Allegro der Sopranarie „Come rather goddess“ hell auf. Im dritten Teil vernahm man bei dieser transparenten Wiedergabe sehr deutlich, wie geschickt der Komponist dem Tenor beim „Allegro“ und „Penseroso“ das Fagott hinzufügte. Eine Szene aus Shakespeares „Tempest“ wird hier harmonisch äusserst vielschichtig beschrieben, was Hans-Christoph Rademann mit der Gaechinger Cantorey eindringlich betonte. James Gilchrist vermochte als Tenor mit weichem Timbre und ebenmäßiger Stimmführung sein Publikum zu überzeugen. Andreas Wolf (Bass) glänzte mit gesanglicher Grundgewalt und schauspielerischem Ausdrucksvermögen, das sich dem Orchester bestens anpasste. Da geriet bei den einzelnen Nummern glücklicherweise nichts aus dem dynamischen Gleichgewicht. Händel wirkte bei den Glockenspiel-Passagen aber auch als Pionier der „modernen Musik“. Polyphone und kontrapunktische Höhepunkte waren im ersten Teil der Chor „Or let the merry bells ring rounds“, im zweiten Teil „These pleasures, Melancholy“ mit einfühlsam gestalteten Sopran-Einlagen sowie am Schluss der ergreifende Chorus in Moll „Thy pleasures“, wo Hans-Christoph Rademann als Spezialist der originalgetreuen Interpretation die einzelnen Klangschichten der Komposition sensibel offenlegte. Hier kam der Zauber der für Georg Friedrich Händel so typischen wechselnden Stimmungen sehr schön zum Vorschein. Dass Händel aber auch ein leidenschaftlicher Lebemensch war, machte diese lebensbejahende und erfrischende Wiedergabe einmal mehr deutlich. Alles war überreich an Empfindung – gerade wegen der bewegenden Schlichtheit. Die beiden ersten Teile verdeutlichen ein allegorisches Streitgespräch, das um zwei gegensätzliche Gemütshaltungen kreist. Dem heiteren „Allegro“ wird das Gedankenvolle „Penseroso“ gegenübergestellt. Im dritten Teil triumphiert eine gemäßigte Gemütshaltung. Grandios gestaltete Andreas Wolf die Bassarie „Mirth, admit me of thy crew“ als rasende Jagd mit Solohorn.

Für alle Beteiligten gab es Ovationen im Beethovensaal.

Alexander Walther

 

Diese Seite drucken