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STUTTGART/Gaisberg/ Evangelische Kirche: SWR-Vokalensemble – Creed. KLANGIDEE MIT GROSSEM NACHHALL

02.07.2016 | Konzert/Liederabende

Stuttgart/ Gaisberg/Evangelische Kirche:

SWR Vokalensemble in der evangelischen Kirche Stuttgart-Gaisberg am 2. Juli 2016/STUTTGART

Finnland stand diesmal auf dem Programm des SWR Vokalensembles Stuttgart unter der einfühlsamen Leitung von Marcus Creed. Einojuhani Rautavaara gilt als der wohl bedeutendste lebende finnische Komponist. Von ihm erklang gleich zu Beginn „Canticum mariae virginis“ (1978) mit den versierten Solisten Eva-Maria Schappe und Wakako Nakaso (Sopran). Gregorianische Melodiebildungen und mittelalterliche Verfahren stachen bei dieser Wiedergabe deutlich hervor, der Chor besaß eine durchsichtige polyphone Klarheit. Ganz allmählich und geheimnisvoll entwickelte sich ein zehnstimmiger Kanon, der immer großflächiger und mächtiger wurde. Themenvergrößerung und andere kontrapunktische Finessen prägten sich immer tiefer ein. Das in Quart-Parallelen daherkommende „Gaude“-Motiv besaß eherne Kraft und leuchtende Klarheit. Die Sinnlichkeit der Gesangslinien stand so deutlich im Mittelpunkt. Eindrucksvoll wurde auch Rautavaaras dreiteilige Komposition „Cancion de nuestro tiempo/Lied von unserer Zeit“ auf Gedichte des spanischen Lyrikers Federico Garcia Lorca vom SWR Vokalensemble Stuttgart interpretiert. Im ersten Satz „Fragmente des Leidens“ behauptete sich der Litaneiton neben fast schon surrealistisch-drängenden Bildern und Klangflächen. Chromatische Bewegungen verdichteten sich so immer mehr – und die achtstimmig aufgefächerten Soprane und Altstimmen beschworen ein bewegendes Tongemälde. Auch die „Erste und letzte Meditation“ und die ergreifende „Schlaflose Stadt“ (Sarajewo-Notturno) gefielen bei dieser Wiedergabe aufgrund der starken gesanglichen Intensität mit kontinuierlichem Pulsieren und schrillen Schreien. Die Solisten Eva-Maria Schappe, Wakako Nakaso, Barbara van den Boom (Sopran), Alexander Yudenkov (Tenor) sowie Philipp Niederberger und Mikhail Shashkov (Bass) imponierten einmal mehr mit enormer gesanglicher Souveränität.

 
Noch eindrucksvoller wirkte fast noch die Komposition „Orpheus singt“, die Rautavaara im Auftrag des Südwestrundfunks und der Ludwigsburger Schlossfestspiele schrieb. Inspiriert haben den Komponisten hier die berühmten Sonette von Rilke. Ineinandergreifende Bilder vermischten sich dabei mit Signalen und geheimnisvollen harmonischen Fragen, auf die es nicht immer klare Antworten gab. Intervalle, Umkehrungen, klangliche Vergrößerungen und Verkleinerungen zeigten einmal mehr die überragenden musikalischen Fähigkeiten des SWR Vokalensembles Stuttgart unter der Leitung von Marcus Creed. Die Tonarten Es-Dur und A-Dur weisen hier in sphärenhafter Weise auf den Quintenzirkel hin. Dazwischen faszinierte noch „Nächte, Abschiede“ für gemischten Chor und vier Solisten a cappella von Kaija Saariaho. Die gut aufeinander abgestimmten Solisten Wakako Nakaso (Sopran), Wiebke Wighardt (Alt), Rüdiger Linn (Tenor) und Mikhail Nikiforov (Bass) akzentuierten die von der Elektronik inspirierte Geräuschkulisse des Flüsterns, Wisperns, Atmens, Zischens, Stöhnens, Skandierens. Auch die Glissando-Einwürfe blieben stark im Gedächtnis. Wunderbar war dann die Wiedergabe von „Der Liebende“ (1893/1912) für gemischten Chor von Jean Sibelius, wo das SWR Vokalensemble Stuttgart mit großer gesanglicher Reife aufwartete. Spätromantisch und lyrisch strömten dabei die eingängigen Melodien hervor. Zwischen modal gefärbtem cis-Moll mitsamt Kadenz und leuchtkräftigem A-Dur im Mittelteil schwankte das Klangbild hin und her. Und auch die schwebende Verschiebung der Septakkorde wurde ganz hervorragend herausgearbeitet. Eigenwillige monotone Rhythmik und edles Pathos vereinigten sich hier zu einem berührenden Klangkosmos voll weiträumiger und zerklüfteter Gliederungen. Selbst die Stimmungsumschwünge meisterte das SWR Vokalensemble ohne die geringsten Intonationstrübungen. Der „Mondbrief“ für gemischten Chor a cappella von Riikka Talvitie aus dem Jahr 2003 wirkte bei dieser Interpretation vielgestaltig aufgrund der sich kunstvoll und terrassenförmig aufbauenden Clusterbildungen. Intervallkonstruktionen und motivisch-rhythmische Formen vermischten sich zu einem berührenden Gemälde.

„Lust“ für gemischten Chor von Jukka Linkola entführte das Publikum schließlich zwischen Ostinato-Formen und wilden Rhythmen in die Welt der Tonalität und Populärkultur mit jazzartigen Anklängen. Fetzige Synkopen, Blue Notes, laszive Chromatik und polyrhythmische Textur verbanden sich bei den einzelnen Sätzen „Das rote Band“, „Der Vogel“, „Hasenweihnacht“, „Abendlied“ und Coda zu einer elektrisierenden harmonischen Reise. Die ausgezeichneten Gesangssolisten Barbara van den Boom (Sopran), Judith Hilger, Julius Pfeiffer (Alt), Johannes Kaleschke, Frank Bossert (Tenor) sowie Philipp Niederberger und Torsten Müller (Bass) entwickelten hierbei ein inspirierendes vokales Feuerwerk. Als Zugabe begeisterte noch „Finlandia“ von Jean Sibelius mit blühender Melodik und strahlenden Volksweisen.

Alexander Walther

 

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