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STUTTGART/Ballett: GALA FÜR CHRISTIAN SPUCK – DREIFACHER ABSCHIED

Stuttgarter Ballett: „GALA FÜR CHRISTIAN SPUCK“ 7.7. 2012– Dreifacher Abschied


Abschied für Christian Spuck,William Moore und Katja Wünsche. Foto: Stuttgarter Ballett

Beim Stuttgarter Ballett wurden schon viele Feste gefeiert, aber eines wie dieses meinte Reid Anderson bei seiner von spürbaren Emotionen getragenen Begrüßungsansprache, hätte es doch noch nie gegeben. Eine Gala, die dem als Ballettdirektor nach Zürich wechselnden Christian Spuck zwar seitens des Hauses gewidmet ist, aber kein Geschenk für ihn sei, denn er sollte sich zum Abschied nach 17 Jahren in Stuttgart, elf davon als Hauschoreograph, mit einem von ihm ausgewählten und zusammen gestellten Programm selbst beschenken. Mit einem Großteil der Compagnie, hauptsächlich jenen Tänzern, mit denen er als Tanzschöpfer bevorzugt oder zumindest öfters zusammen gearbeitet hatte, erlebte das Publikum auf diese Weise eine Auswahl an Kreationen, die so gar nicht der typischen Zusammenstellung einer Gala entspricht. Im Mittelpunkt standen zudem auch die beiden Ersten Solisten Katja Wünsche und William Moore, die sich gemeinsam mit Christian Spuck vom Stuttgarter Publikum verabschiedeten, um ihm als Bestandteil seines neu aufgebauten Ensembles nach Zürich zu folgen.

Wohl wissend, dass es der stimmungsmäßigen Abwechslung bedarf, um bei Häppchen nach einer gewissen Zeit keine Ermüdung hervorzurufen, setzte er aus seinem eigenen (mittlerweile aus 37 Werken bestehenden) Oeuvre sowohl auf eine nachdenkliche als auch heitere Note. Dass er sich nicht nur mit eigenen Werken feierte, sondern auch die Wiederbegegnung mit Kreationen von Kollegen wünschte, die parallel mit ihm in Stuttgart groß geworden sind, spricht für seine gesunde Selbsteinschätzung wie auch für seine Offenheit und seinen Horizont, der Künstler neben ihm nicht als Konkurrenten, vielmehr als Bereicherung seiner eigenen Entwicklung betrachtet. Als Einstieg und Ausgangspunkt wäre die Auswahl einer Choreographie von John Cranko, dessen Handlungsballette Spuck als 1995 von Marcia Haydée als letzter engagierter Tänzer studiert hatte und prägend für das Konstruieren seiner eigener Arbeiten sind, sicher eine schöne und liebenswerte Geste gewesen, auf der anderen Seite wäre dies aber bei aller Zeitlosigkeit des Stuttgarter Ballett-Begründers ein Fremdkörper in einem Tanz-Reigen gewesen, dessen Schöpfungen ausschließlich in den letzten 20 Jahren und bis auf eine alle in Stuttgart entstanden sind, Also sozusagen ein Abend made in Stuttgart!

Der Auftakt mit Ouvertüre und des Pas de deux von Lulu und Schwarz nebst integriertem Männer-Ensemble ließ sofort den Wunsch nach einer erneuten Wiederaufnahme von Spucks erstem und bis heute auch erfolgreichstem Handlungsballett über den Frank Wedekind-Stoff „LULU“ aufkommen, so verführerisch glitt Alicia Amatriain um den Körper des geschmeidig partnernden Evan McKie inklusive des nach ihr gierenden Jungen-Corps.

Den Durchbruch als hauptberuflicher Choreograph verschaffte Spuck bereits im Jahr 2000 „DAS SIEBTE BLAU“, in dem er die traurige Grundstimmung des live auf der Bühne gespielten Streichquartetts „Der Tod und das Mädchen“ von Franz Schubert mit einer dynamisch mitreißenden und markante Stopps und Zäsuren setzenden Choreographie gleichermaßen intellektuell und emotional auffüllte. Mit Wünsche und Moore an der Spitze mehrerer Paar-Kombinationen ist das auch nach Spucks Weggang eine Empfehlung fürs Repertoire.

Nicht fehlen durfte an diesem Abend ein Ausschnitt aus seinem 2006 als Vorfeld-Startschuß für Gauthier Dance im Theaterhaus geschaffenen „DON Q.“, in dem Spuck durch die kammerspielartige Verdichtung großen Welttheaters einen guten Spürsinn für die Bedeutung im Kleinen und das Spiel mit Requisiten zeigte. Die von enormer menschlicher Größe und Vertrautheit geprägte Partnerschaft von Egon Madsen und Eric Gauthier machte auch an diesem Abend wieder verstehen, warum dieses Stück ein richtiger Dauerbrenner geworden ist. Im ersten Teil haben diese drei Reminiszenzen Beiträge aus der nachfolgenden Stuttgarter Talentschmiede umrahmt. Marco Goeckes „ÄFFI“ bedeutete für William Moore den entscheidenden Schritt seiner Entwicklung in Stuttgart und zeigt den Briten heute in derart blendender Form, als wären die dauernervösen Motionen und er eine untrennbare Einheit. Faszinierend!

Demis Volpi vereint Spuck’sche Raumerforschung und Goeckes Bewegungs-Nerv zu einem eigenen Stil. Den ungewöhnlichen, die Konfrontation mit dem eigenen Spiegelbild erforschenden Männer-Pas de deux „FINGERSPITZENGEFÜHL“ von 2011 entfalten Marijn Rademaker und Evan McKie in blauen Ganzkörper-Trikots durch ein hohes Maß an Präzision in bewundernswerter Transparenz.

Das sich mit den Verständigungsproblemen Jugendlicher auseinandersetzende Solo „MÄUSE“ zeigt nicht nur, was in dem Corps-Tänzer Louis Stiens als jüngstem choreographischem Nachwuchs bereit steht, sondern mit Robert Robinson auch einen noch nicht lange zum Ensemble gehörenden Tänzer, dessen Ausdrucks-Potential und Präsenz für die Zukunft viel verspricht.

Nach der Pause kamen dann Choreographen von außerhalb zum Zug, die gewichtige Beiträge zum Repertoire geleistet haben. „KAZIMIR’S COLOURS“ war Mauro Bigonzettis erster Stuttgarter Wurf und markiere sowohl den Beginn der Aera Anderson wie auch den tänzerischen Start Christian Spucks. Im zentralen Pas de deux brachten Elizabeth Mason und Alexander Zaitsev die körperbetonte Neoklassik des Italieners im Wechsel aus Halten und Fallen konzentriert und gleichzeitig fließend zum Tragen.

Von Gauthier Dance wünschte sich Spuck das auch beim soundsovielten Sehen Lachstürme hervorrufende „SOFA“ von Itzik Galili, in dem Eric Gauthier nebst Kollegen Marianne Illig und William Moragas mit blitzschneller Akrobatik und köstlicher Mimik brillieren konnten.

Gar eine Uraufführung steuerte der seit dieser Spielzeit als freischaffender Choreograph arbeitende ehemalige Erste Solist Douglas Lee bei. „ARIA“ unterscheidet sich in der Verschlungenheit einer sportiven Neoklassik unter heruntergefahrenen Scheinwerfern zwar nur wenig von einigen seiner anderen Schöpfungen, doch Katja Wünsche und William Moore schafften es, auch hinlänglich bekannte Muster spannend neu erscheinen zu lassen.

Zurück zu Christian Spuck: der noch einmal präsentierte Mittelteil aus seinem erst im Februar entstandenen Handlungsballett „Das FRÄULEIN VON S.“ lässt in seiner abstrahierend neutralen Form kaum den Bestandteil eines erzählenden Ballettes erahnen und macht deshalb herausgelöst als konzertanter Beitrag zu den einlullenden und vorantreibenden Klängen Philipp Glass mit den technisch akkuraten Solisten der Uraufführung durchaus Sinn, wenn auch insgesamt etwas langatmig.

Nicht fehlen durfte sein Gala-Paradestück, der inzwischen schon rund um die Welt gekommene „GRAND PAS DE DEUX“ zu den Klängen von Rossinis „Diebischer Elster“, und so wie Alicia Amatriain und Jason Reilly den Spagat zwischen klassischer Strenge und humorigen Ausrutschern augenzwinkernd beherrschten, ist er auch wirklich unwiderstehlich.

Dass Spuck neben Drama und Abstraktion gleichermaßen die heitere Kunst beherrschte – dafür war seine Büchner-Adaption „LEONCE UND LENA“ das beste Beispiel. Auftakt und Ende des zweiten Aktes vervollständigten als Rahmen das Programm nach der Pause. Also zuerst fünf Bauern-Paare mit dem herrlich schrägen Bauern-Reigen sowie anschließendem Liebes-Getändel zwischen der Gouvernante (Alicia Amatriain) und dem Langweiler Valerio (Arman Zazyan). Und dann als passenden Kehraus für diesen Abend das leicht abgewandelte Finale, in dem die Gruppe eine Gasse für die scheidenden Hauptakteure bildete und mit gegenseitigem Winke Winke zur „Little bitty tear“ aus dem Kofferradio verabschiedete.

Doch weil ihr neuer Wirkungsort nur gut zwei Stunden von Stuttgart entfernt liegt und Spuck die beiden Tänzer bereits im Oktober in seiner ersten Premiere, einer neuen Version von „Romeo und Julia“ als unsterbliches Liebespaar präsentiert, dürfte es für etliche Stuttgarter Ballettfans schon bald ein Wiedersehen in Zürich geben.

Ein herunter gelassenes Transparent mit Glückwünschen, Konfetti, Luftballons, Blumen vom Haus und ein Rosenregen aus dem Publikum wandelten zuletzt allen Schmerz in Freude.

Udo Klebes

 

 

 

 

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