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STUTTGART/ Theaterhaus: Live-Stream: Preisträgerkonzert zum 65. Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart

05.02.2021 | Konzert/Liederabende

Live-Stream: Preisträgerkonzert zum 65. Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart im Theaterhaus am 4. Februar 2021 – Festival „Eclat“/STUTTGART

Viele digitale Spiegel

Der Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart ist der älteste seiner Art und ermuntert die Künstler zu größtmöglicher kreativer Freiheit. Im Rahmen des Festivals „Eclat“ wurde er in diesem Jahr in digitaler Form ohne Publikum verliehen. Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner betonte bei seinem Grußwort die mit diesem Preis verbundene wichtige Weiterentwicklung der Neuen Musik.

Zu Beginn erklang das facettenreiche Stück „Geträumte Räume“ für vier Trompeten von Isabel Mundry (unter anderem mit Marco Blaauw und Markus Schwind, Doppeltrichertrompete). In diesem Stück verschränken sich verschiedenartige Stilebenen in sehr kunstvoller Weise, kontrapunktische Strukturen verschieben sich in filigranen Gebilden. Das fünfteilige Werk erkundet sehr differenziert und transparent Tonräume, Klangfarbenräume, gefüllte oder leere Räume. Annäherung, Entfernung und Nachhall verbinden sich in feingliedrigen dynamischen Abstufungen. Mit raffinierten Dämpferbewegungen werden hier Töne geöffnet oder in die Ferne gerückt.

Den zweiten Preis mit 5.000 Euro erhielt  Matthias Kranebitter für sein diffiziles Werk „pitch study no.1 /contra violin“ für Violine und Stereoplayback. Tonhöhen werden hier direkt auf die Violine gestimmt. Gunde Jäch (Violine) musizierte die Komposition sehr differenziert und mit vielen Klangfarben. Chromatische Aufgänge und Tremolo-Sequenzen erhielten dabei elektrisierend-aufregende Akzente, traditionelle virtuose Satztechniken erreichten eine erstaunliche Intensität und klangliche Dichte. Zeitfenster spiegelten dabei in digitalen Spiegeln die Vereinsamung im Spätkapitalismus wider. Und Gunde Jäch beschwor die Reizüberflutung mit nie nachlassender Energie.

Den ersten Preis mit 7.000 Euro erhielt das Stück „Ten Bullets Through One Hole“ für zwei Stimmen, Elektronik und Video von Laure M. Hiendl mit Viktoriia Vitrenko und Natasha Lopez (Stimmen). Hier wird in eruptiver Weise die „Nähe von heteromaskuliner pornografischer Sprache und Propaganda der Waffenindustrie“ herausgestellt. Das künstlerische Risiko überschreitet dabei immer wieder sehr deutlich die „Sicherheitsgrenze“. Dass eine gewalttätige Sprache gesungen wurde, merkte man den beiden Sängerinnen aber nicht unbedingt an. Das kunstvolle Singen auf C in reinen Oktaven wirkte jedoch auch trügerisch in den vielen flackernden Rhythmen des visuell betörenden Videos. Das stringente Wechselspiel wurde hier Befehlen und Impulsen untergeordnet. Alle Texte waren dabei vom Komponisten umgeschrieben worden. Sie basieren auf Materialien wie Werbebroschüren, medizinischen Berichten über Opfer von Waffengewalt sowie Titeln verschiedener pornografischer Videos, die im Internet gefunden wurden. Alle elektronischen Klänge und Videobilder wurden live erzeugt. Gesteuert wurde der Patch von einer der Sängerinnen auf der Bühne. Diese Verzahnung von Video und Ton bestimmte dann das  tatsächliche Aufführungstempo. Die Textbilder waren synchron zu den Audio-Samples zu sehen. Die Laudatio sprach Prof. Martin Schüttler, der die einzelnen Werke ausführlich vorstellte.

Alexander Walther

 

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