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STUTTGART: THE DRAGONSLAYERS mit dem Jugoslovensko dramsko pozoriste Belgrad. Uraufführung

27.06.2015 | Theater

The Dragonslayers“ mit dem Jugoslovensko dramsko pozoriste Belgrad im Schauspielhaus Stuttgart

DAS ATTENTAT VON SARAJEWO ALS FANAL

The Dragonslayers“ mit dem Jugoslovensko dramsko pozoriste Belgrad am 26. Juni 2015 im Schauspielhaus

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Copyright: Aleksandr Angelovski

Im Rahmen des Internationalen Theaterfestivals „Terrorisms“ gastierte das Theater Jugoslovensko dramsko pozoriste aus Belgrad im Schauspielhaus. Die mit ironischen und satirischen Elementen stark arbeitende Inszenierung von Milena Markovic bemüht sogar einen Clown, der wie eine Art Deus ex machina das Geschehen wesentlich prägt. Die durchweg überzeugenden Darstellerinnen und Darsteller Nikola Rakocevic, Mirjana Karanovic, Radovan Vujovic, Srdjan Timarov, Dubravka Kovjanic, Milan Maric und Jovana Gavrilovic leben auf der Bühne von Gorcin Stojanovic richtig auf. Auch die Kostüme von Maja Mirkovic und die Choreografie von Boris Caksiran passen sich dem Zeitgeist an.

Das Attentat von Sarajewo auf das österreichische Thronfolgerpaar im Jahre 1914 bildet hier den Ausgangspunkt des Geschehens. Der Festivalbeitrag „The Dragonslayer“ („Die Drachentöter“) von Milena Markovic kommt dabei in Form einer ironischen Geschichtsstunde daher, die allerdings stark verfremdet ist. Man sucht fieberhaft nach den Spuren, die dieser gesamteuropäische Schicksalstag bis heute hinterlässt. Nach einem kurzen Streit über das Radioprogramm wird das Bild eines jungen Mannes besprüht und aufgehängt, man stellt bohrende Fragen: „Wer ist im Recht? Wie wäre es eigentlich gewesen, wenn es anders gekommen wäre? Ist alles nur eine Lüge?“ Der Clown fordert an diesem Abend das Publikum immer wieder heraus, bringt es zum Nachdenken. Der Kapitalismus wird als Schreckgespenst hingestellt, der alle Kriege verursacht. Zahlreiche historische und fiktive Figuren öffnen Perspektiven auf das schreckliche Ereignis. Das Geschehen wird schonungslos in die heutige Zeit geholt. Die Bühne wirkt allerdings oftmals seltsam kahl, man hofft wiederholt auf mehr optische Lebendigkeit. Der Text begibt sich auf die Fährte eines jungen Mannes, der im heutigen Serbien und am Ende einer langen Kette von Gewalt steht. Der Wunsch nach Freiheit wird dabei immer drängender: „Ich leide einsam…“ Die Qualen der Bevölkerung unter der Kaiserherrschaft schildert die Regisseurin Milena Markovic in fesselnden, glutvollen und drängenden Bildern, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Und auch wenn man sich die Bühne zuweilen lebendiger und farbiger gewünscht hätte, gewinnen die handelnden Personen rasch Kontur. Europa wird schließlich gnadenlos zerknüllt und zerfällt zusehends. Assoziationen zu Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ oder zur Welt eines Trotzky tun sich immer wieder auf. Der geistige Widerstand wird zum Fanal für das Attentat von Sarajewo. Die Lage ist verzweifelt. es geht ums nackte Überleben. Man ruft nach den Waffen, denn die Leute wissen ganz genau, dass die Milch auch dem Kaiser und dem Gutsherrn gehört. Da sind schwere Konflikte vorprogrammiert. Gleichzeitig geraten die Protagonisten zunehmend in ein seelisches Fegefeuer, aus dem sie sich nicht mehr befreien können. Katastrophe und Chaos sind die Folgen. Ein weiblicher Offizier nimmt mit Eisenstelzen eine riesenhafte Figur an, er schikaniert die Formation der Soldaten. Der Clown konstatiert: „Die Monarchie braucht viel Holz, das weiß jeder.“

Der Hass auf den Kaiser eskaliert schließlich. Es wird ihm offen vorgeworfen, dass er sich nur bejubeln und beklatschen lässt. Der Weg der Waffen  ist unumgänglich: „Hilf mir, Gott, so hilf mir!“ Man denkt auch an Karl Kraus‘ Monstertragödie „Die letzten Tage der Menschheit“. Der Abschied vom Leben wird für die handelnden Personen immer schmerzvoller. Auch das Leid der Mütter beleuchtet Milena Markovic drastisch. Das Attentat gerät schließlich auch optisch zum beklemmenden Höhepunkt des Geschehens, denn das Thronfolgerpaar erscheint hier plötzlich mit riesigen Holzköpfen, die im Bomben- und Kugelhagel versinken. „Aber ich komme aus der Gosse und deswegen werden ich schießen!“ schreit der Attentäter Gavrilo Princip. „Mein Schuss galt dem Kaiser und nicht den Menschen…“ Der anschließende Prozess wirkt ausgesprochen kafkaesk, man sieht den Richter nicht, es ertönt nur ein Megaphon, das den Angeklagten aber ordentlich einheizt. Im Vordergrund sieht man die weiteren Angeklagten, die gefoltert werden und sich selbst schlagen. Mit roten Bändern scheinen sie an die geheimnisvolle Mauer gefesselt zu sein, die schließlich von einem der Revolutionäre mit einer Schere zerschnitten werden. Das sind zwar nicht die besten Einfälle dieser Inszenierung, aber sie sorgen für einen szenischen Fluss, der nichts zum Stillstand bringt. „Der Tod ist eine schöne Frau, die keine Schnurrbärte mag“, heißt es zuletzt. Einmal hat man das Personal sogar mit Hitlerbärtchen gesehen – eine drohende Assoziation zum späteren Zweiten Weltkrieg. Der Clown stellt schließlich fest: „Ich bin ein guter Österreicher, der seinen Herrscher liebt.“ Selbst Marionetten werden im Finale bemüht, das wilde Geschehen gerät zur Farce mit dem Charakter einer Commedia dell’arte. Totengräber schildern in lakonischen Worten die Beerdigung der Attentäter, die kurze Zeit nach ihrer Inhaftierung alle sterben. Und die Musik von Vladimir Pejkovic kann überzeugen. Begeisterter Schlussbeifall für eine Inszenierung, die selbst das philosophische Gedankengut eines Walter Benjamin in ihr Konzept aufnahm.   

 Alexander Walther

 

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