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STUTTGART: TANZLABOR – Kunstmischung aus Tanz und Skulptur

 

     STUTTGART: „TANZLABOR“ 23.05.2014. – Kunstmischung aus Tanz und Skulptur                    

 SB Tanzlabor Miniatures_02
Atemberaubende Bilder: Alessandra Tognoloni und Alexander Jones  in Douglas Lees „Miniatures“                                                                                        Foto: Stuttgarter Ballett

Viele Ballettliebhaber wissen es schon lange: Stuttgart hat nicht nur eine traditionsreiche Ballettkompagnie, die Stadt ist seit jeher auch ein Tanzlabor, haben doch viele nun weltweit erfolgreiche Choreographen im Rahmen der „Jungen Choreographen“ der Noverre-Gesellschaft u.v.m. ihre Karriere hier begonnen. Dies wird durch das stets auch innovative Repertoire des Stuttgarter Balletts unterstützt und der aktuellste Beweis dafür ist der neue Ballettabend TANZLABOR.  Mit den Uraufführungen Nummer vier und fünf dieser Spielzeit wurde hier bereits mehr Neues gezeigt als durch jede andere klassische Kompagnie Deutschlands, was an Kreativität kaum zu übertreffen ist.

Eröffnet wird der Abend dennoch durch eine Wiederaufnahme: mit MINIATURES verabschiedete sich Douglas Lee im Jahr 2011 vom Stuttgarter Ballett, was das Stück ein sehr intimes werden ließ, in dem der ehemalige Erste Solist seine eigene Zeit als Tänzer reflektiert. Dies widerspiegelt sich in der Musikauswahl – kurze Klavierstücke, als Anspielung auf die Proben im Ballettsaal – als auch in den sehr stimmigen Kostümen von Ines Alda – Trikots in verschiedenen Grautönen, die die Tänzer vor allem in den verschiedenen beeindruckenden Posen wie Skulpturen wirken lässt. Das Stück fesselt von Anfang an, einerseits durch die sich schnell wiederholenden Klaviertöne, andererseits durch atemberaubende Bewegungen: Alicia Amatriain biegt und dehnt sich in allen denkbaren Richtungen, beeindruckt durch schlangen- und wellenartige Bewegungen und scheint bei ihren Einsätzen allgegenwärtig zu sein, während Evan McKie sowohl in den kraftvollen Teilen als auch in den Pas de deux mit Amatriain ständig im Fluss ist und manchmal selbst so geschmeidig dabei, dass man ihn fast mit seiner Partnerin verwechseln könnte. Alexander Jones (Rollendebüt) und Alessandra Tognoloni, beide äußerst präzise und als Einheit wirkend, ergänzen sich perfekt, während Hyo-Jung Kangs Pas de deux mit Daniel Camargo (beide Rollendebüts) einen Höhepunkt des Stückes darstellt und wie ein leidenschaftlicher Kampf, unterbrochen von atemlosen Momenten, in denen beide wie Skulpturen in Posen innehalten, wirkt. Lees Choreographie ist sowohl akrobatisch als auch voller Ästhetik, in der fließende Bewegungen und Drehungen in allen Ebenen zu überraschenden Bildern kulminieren, die in Erinnerung bleiben.

RAUSCH ist der viel versprechende Name des zweiten Stückes, in dem Louis Stiens das Lebensgefühl einer Generation an der Schwelle zum Erwachsenwerden wiedergeben will: Kräftemessen zwischen Jungs in Trainingshosen, aufreizendes Mädchen in knappem Top, Techno-Fieber, das mit einem Toten endet, gefolgt von trauernden Eltern, die einem Jungen ins Gewissen reden wollen? Die Bedeutung erschließt sich dem Zuseher nicht ganz, zu viele Tanzschritte bleiben noch ohne Übersetzung, trotz Musikauswahl von Jazz über Techno bis hin zur Klassik, die einiges anbieten würde. Den ansonsten beeindruckenden mittleren Teil in der Techno-Disco, dominiert von einer riesigen Skulptur aus aufeinander gestapelten Musikboxen (Bühnenbild: Christine Nasz) um die getanzt wird, versucht Stiens zu stilisieren, anstatt fetzigen Technotanz zuzulassen, den man beim Hören der Beats erwartet und der authentischer gewirkt hätte. Alexander McGowans kurze Einlage dabei ist dennoch gelungen, ebenso wie die sehr reife Leistung von Maria Eichwald mit Evan McKie am Ende des Stückes. Der junge Stiens ist ein ernsthaft Suchender, der Mut zur anspruchsvollen Themenauswahl beweist und im Stuttgarter Tanzlabor sicher weiterhin Ausdrucksformen erforschen wird.

 SB Tanzlabor A Memory„A. Memory“ von  Katarzyna Kozielska: die Skulptur tanzt mit      Foto: Stuttgarter Ballett

 Nach dem eher düsteren Stück mit ernster Thematik erfrischt zum Abschluss des Abends A. MEMORY (steht für Artistic Memory) von Katarzyna Kozielska mit warmen Farben, eleganten Bewegungen und eine Überraschung in Form einer riesigen Skulptur, bestehend aus einem kreisförmigen, rot-orangenen Fischernetz, das über die Bühne hängt, luftig schwingt, aufquellt, die Ebene ändert und auch dank der Lichteffekte von Stefan Seyrich-Hofmeister immer anders wirkt. Janet Echelmans Skulptur ergänzt perfekt die Idee der Choreografin, ihre künstlerische Erinnerung, vor allem an die bildende Kunst, in Bewegung umzusetzen. Zehn Tänzer in schlichten hautfarbenen Korsagen mit effektvoll gerippten Einsätzen (entworfen vom ehemaligen Solisten Thomas Lempertz) stellen im ersten Teil des Stückes mit impulsartigen Zuckungen der Schultern und Beine, beeindruckenden Hebefiguren und sanften Schwingungen, Künstler aus Kozielskas Erinnerung dar. Irgendwann dehnt sich das Netz als ob es das von Kunst aufgesogene Leben wäre aus und die qualvolle Reise auf der Suche nach dessen passenden Ausdruck beginnt. Dieser mittlere Teil berührt am meisten, vor allem durch das intensive Solo von Rocio Aleman aber auch das von Elisa Badenes, das die Suche nach Erlösung darzustellen scheint. Constantine Allen und Alexander Jones sind wie begleitende Pfeiler auf diese Reise, die Stärke geben, in dessen Arme sich die Tänzerinnen fallen lassen können und die auch über manche Hürden hinwegschweben lassen. Im letzten Teil des Stückes geht es vor allem um das Erleben der Kunst mit allen Sinnen, so, als ob die Zeit stehen bleiben würde, was sich in der Musikauswahl sowie in den langsamer werdenden Bewegungen, bis hin zum Stillstand, widerspiegelt. Kozielskas Ausdruckssprache bedient sich stets aus dem klassischen Repertoire, ist jedoch nach eigenem Stil komprimiert und baut eher auf Überraschungseffekte wie Echelmans Skulptur und den Gesamteindruck aller Elemente auf.

Dem Namen des Abends treu, wurde Bewegungssprache destilliert, komprimiert, gemischt und wieder zerlegt. Das Ergebnis ist weder eine perfekte noch eine völlig neue Substanz, die aber durch Echtheit und Vielfalt beeindruckt. Stuttgart kann stolz sein auf die neuesten Kreationen seines Tanzlabors, wenn auch die Forschung nie aufhören darf, um weiterhin die Grenzen des möglichen zu sprengen und neue Bewegungskunst entstehen zu lassen.                                                                                                                                   

Dana Marta

 

 

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