Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/ Studiotheater: WIR SIND KEINE BARBAREN von Philipp Löhle- grausames Spiel mit Ängsten

12.06.2015 | Theater

STUTTGART/ Studiotheater: GRAUSAMES SPIEL MIT ÄNGSTEN

Wir sind keine Barbaren“ im Studiotheater am 12. Juni 2015/STUTTGART

barbaren1
Copyright: Studiotheater

Benjamin Hille, der Rollenarbeit an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst unterrichtet, zeigt hier in Philipp Löhles Stück „Wir sind keine Barbaren“ in beklemmenden Bildern und mit einer überzeugenden Personenführung die seltsame Geschichte zweier mittelständischer Paare in frischer Nachbarschaft. Christina Dom mimt die ziemlich undurchsichtige Barbara, die vegan kocht und einen illegalen Flüchtling namens Bobo bei sich aufgenommen hat: „Jeder sollte Bobo sehen können. Ihn treffen. Ihn berühren. Fühlen. Es geht so eine…Kraft von ihm aus!“ Obwohl dieser Bobo nie zu sehen ist, führt seine „Anwesenheit“ zu erheblichen Irritationen, die Benjamin Hille in seiner Inszenierung plastisch herausarbeitet. „Prosecco oder Rose?“ lautet jetzt plötzlich die alles entscheidende Frage. Man hat auch verschwiegen, dass der Vormieter vor kurzem in seiner Wohnung erschossen wurde. Der dunkelhäutige Verzweifelte scheint nicht zu wissen, wohin er gehen soll. Barbara kann ihre Wohlstands-Sinnkrise nur mühsam verbergen. Das sich ständig liebende Paar Linda (ausdrucksstark: Carla Weingarten) und Paul (wandlungsfähig: Felix Jeiter) stürzt Barbara in heftige Verwirrung, was Christina Dom mit Ironie über die Rampe bringt. Sie verleiht dieser tragischen Figur die notwendige Zwiespältigkeit.

Immer wieder geht zwischendurch das Licht aus und eine Stimme macht sich bemerkbar: „Wir…das Volk…Das vollkommende Volk…Sind hier…“ In einem riesigen Luftballon verstecken sich die Schauspielerinnen und Schauspieler. Als das seltsame Paar Linda und Paul dann bei Mario (emotional: Helge Gutbrod) und Barbara auftaucht, kommt es zum Streit zwischen den beiden Paaren wegen diesem unerhörten Akt der Barmherzigkeit. Eifersucht, Vorurteile und die „Angst vorm schwarzen Mann“ münden schließlich in einen rätselhaften Kriminalfall, der den verängstigten Zuschauern die Haare zu Berge stehen lässt. Man erfährt, dass Bobo (den man nie zu Gesicht bekommt) Barbara auf bestialische Weise ermordet hat. Zuvor hat sich das Opfer noch über Pauls zerquetschte Daumen echauffiert. Der grün-liberale Mittelstand versinkt im Chaos, Bobo wird als geheimnisvoller Fremder und grausamer Neger für die anwesenden zum furchtbaren Monster und Schreckgespenst. Die Brise Erotik, die zuletzt durchs eher freudlose Schlafzimmer wehte, ist auf einmal völlig verflogen. Man hält entsetzt den Atem an, die Spannung ist kaum auszuhalten.

Das unterstreicht Benjamin Hille bei seiner Inszenierung (Ausstattung: Hannes Hartmann, Leonie Mohr) ausgezeichnet. Bobo bleibt in unheimlicher Weise Projektionsfläche für die Sicht auf das Fremde, er mutiert zum „tollwütigen Hund“, vor dem sich alle fürchten. Der Autor und auch sein Regisseur spielen äusserst virtuos mit unseren Ängsten, Lüsten, Schuldgefühlen und unterdrückten Ressentiments. Barbara, die auch in sexuelle Abgründe blickte, ist zum Opfer geworden. Beim Gatten und den empörten Nachbarn schlägt die „Angst vorm schwarzen Mann“ in nackte Wut um. Der Gipfelpunkt des seelischen Aufruhrs ist erreicht, als Barbaras Schwester Anna erscheint, die ebenfalls von Christina Dom gespielt wird und erhebliche Zweifel an Bobos Schuld hat: „Er war es nicht!“ Barbaras Mann Mario ist darüber außer sich, macht Anna heftige Vorwürfe. Benjamin Hille erweist sich bei dieser Inszenierung als ein Virtuose in der Darstellung verletzter Gefühle. Der Thriller lässt sich letztendlich nicht aufklären, es kommt zum offenen Schluss. Alle versinken im rot beleuchteten Luftballon, der die Akteure schlichtweg aufzufressen scheint. Man ist ratlos. Zuletzt sind nur noch Lindas und Pauls Stimmen zu hören. Alles bleibt rätselhaft und unergründlich. Ein spannender, sehenswerter Theaterabend, der nachdenklich macht (Luftobjekt: Frank Fierke).

 Alexander Walther

 

Diese Seite drucken