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STUTTGART/ Studiotheater: DER MANN, DER DIE WELT ASS von Nils-Momme Stockmann. Premiere

02.04.2016 | Theater

Der Mann der die Welt aß“ im Studiotheater Stuttgart

ZWISCHEN EXTREMEN GEFÜHLSLAGEN

„Der Mann der die Welt aß“ im Studiotheater am 1. April 2016/STUTTGART

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Dietmar Kwoka, Boris Rosenberger. Copyright: Studio-Theater

Der Autor Nis-Momme Stockmann erhielt für seine Stücke viele Preise. Sein 2009 veröffentlichtes Werk „Der Mann der die Welt aß“ machte ihn über Nacht berühmt. Boris Rosenberger mimt hier durchaus einfühlsam einen allmählich verrückt werdenden Sohn, der in der Mitte seines Lebens plötzlich herausfindet, dass er zu den Verlierern gehört. Aus dem Job hat man ihn entlassen, seiner Rolle als Vater wird er auch nicht gerecht. In den Auseinandersetzungen mit seinem von Dietmar Kwoka höchst emotional dargestellten Vater, der allmählich dement wird, gewinnt dieses Stück eine ungewöhnliche dramatische Zuspitzung. Eigenverantwortung und Unrecht werden für ihn zu undurchdringlichen Problemen, die er nicht mehr bewältigen kann. Die Folgen sind Weinkrämpfe und Nervenzusammenbrüche, der demente Vater wird geschlagen und misshandelt, er kann sich kaum wehren. Mit seinem Freund Ulf (nuancenreich: Sebastian Schäfer) hat er sich ebenfalls überworfen: „Du hast überhaupt nichts begriffen, du kapitalistisches Arschloch!“ Sein von Tobias Wagenblaß sehr abgehoben gespielter Bruder Philipp wird als Drogensüchtiger schließlich das Opfer eines schweren Asthmaanfalls.

Dem Regisseur Christof Küster gelingt es hier durchaus, das dichte Beziehungsnetz zwischen den Personen plastisch deutlich werden zu lassen. Das zeigt sich außerdem bei der von Lena Stamm mit viel Herzblut verkörperten Ex-Frau Lisa, die sich finanziell mühsam über Wasser hält, aber trotzdem vom „Sohn“ immer wieder gegen ihren Willen wegen Geld „angepumpt“ wird. Dass sie immer noch voller Liebe zum Vater ihrer Kinder erfüllt ist, kommt bei dieser Aufführung höchst überzeugend zum Vorschein. Die Personen schweben zwischen extremen Gefühlslagen und können sie schließlich nicht mehr beherrschen.

Dieser Aspekt gehört zu den Stärken dieser Inszenierung (Ausstattung: Anne Brügel). Der Vater wird letztendlich zum Problemfall – und der Sohn kränkt alle. Wie sehr ihm seine kolossale Ich-Bezogenheit zum Verhängnis wird, kann Boris Rosenberger als Sohn sehr gut über die Rampe bringen. Auch wenn manche Passagen humorvoll wirken, bleibt dem Zuschauer schnell das Lachen im Halse stecken. Der Kampf mit der Gesellschaft wird bei dieser Inszenierung in all ihrer grandiosen Gnadenlosigkeit entlarvt. Der Vater ohrfeigt dann den Sohn in einem Anfall höchster Wehrlosigkeit. Tragik und groteske Komik liegen hier dicht nebeneinander. „Will mir die ganze Welt helfen?“ fragt sich der Sohn in nackter Verzweiflung. Und der Vater bemerkt plötzlich trocken: „Du bist so ein Arschloch!“ Die Zuschauer fühlen, wie stark die Stimmungslage dabei immer wieder kippt. Das ist von geradezu elektrisierender Wirkungskraft.

Sebastian Schäfer spielt auch den Chef des Sohnes, Herrn Bogensee, der diesem zwar bescheinigt, dass er ihn mag, ihm aber nicht hilft. Der Sohn wird von diesem recht brutalen Chef letztendlich vor die Tür gesetzt. Auf der Bühne herrscht in diesen Momenten das nackte Chaos, Kleidungsstücke liegen auf dem Boden herum, Holzklötze werden zu einem Turm angehäuft, Nebelschwaden verleihen der Bühne etwas Surrealistisches. „Die Kinder vermissen dich“, bemerkt Lisa gebetsmühlenartig – und bringt ihn dadurch an den Rand der Verzweiflung. Der Vater bekennt gegenüber seinem Sohn, dass er Angst vor ihm hat. Da gewinnt das Stück eine immer größere Intensität. Gegenüber seinen Freunden rastet der Sohn immer mehr aus: „Ihr kotzt mich so was von an!“ Zuletzt ist es recht berührend, wenn sich Vater und Sohn wieder ganz allmählich und mühsam einander annähern. Der Sohn führt den dementen Vater langsam ins Leben zurück. Hinter einem Plastikvorhang ist der Vater immer wieder schemenhaft erkennbar, er hat sich teilweise völlig entkleidet und wird vom Sohn energisch aufgefordert, sich etwas anzuziehen.

Die Inszenierung bietet einen offenen Schluss an, man weiß nicht, wie dieser nicht einfache Generationskonflikt fortgesetzt wird. Der Sohn sinniert zwischnen exotischen Pflanzen in einer chaotischen Wohnung traumverloren vor sich hin. Trotz einiger szenischer Schwächen ist es eine beachtliche Regie-Arbeit (Bühnenbildbau: Jasmin Thomas, Silvia Catania, Nadja Ramsaier, Florian Wilhelm; Video: Oliver Feigel). 

Alexander Walther      

 

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