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STUTTGART/ Staatstheater/Kammertheater: SOBALD 5 JAHRE VERGEHEN von Federico Garcia Lorca

30.03.2014 | KRITIKEN, Theater

 „Sobald fünf Jahre vergehen“ von Lorca im Kammertheater Stuttgart (Staatstheater)

EIN SURREALISTISCHES TRAUMTHEATER
Federico Garcia Lorcas „Sobald fünf Jahre vergehen“ am 30. März im Kammertheater/STUTTGART

Düstere Szenen bei einem bemerkenswerten Theaterabend. Foto: Mirbach/Staatstheater
Foto-Copyright: Mirbach/ Staatstheater

In der einfallsreichen Regie von Jo Fabian (der auch für die Ausstattung und Musik zuständig ist) überrascht vor allem das fantasievolle Bühnenbild die Zuschauer. Eine im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts eingerichtete Wohnstube und die Sicht auf einen riesigen Aussichtsturm machen den Blick frei auf das Schicksal des von Florian Rummel mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit verkörperten jungen Mannes im Irrgarten der Moderne. Er möchte fünf Jahre auf seine Verlobte (virtuos: Marianne Helene Jordan) warten, doch diese wird ungeduldig und wendet sich einem anderen zu. Schließlich wendet sich das Blatt und als kahle, gespenstische Puppe mit dem Brautkleid erscheint die ausdrucksstarke Darstellerin Caroline Junghanns, die ihn schon immer geliebt hat. Für ihn und sie bleibt als Ausweg aber nur der Tod, denn der junge Mann landet letztendlich auf einer Bahre. Die Steine als Assoziation der Liebeskälte kommen bei der geradezu grotesken Inszenierung an Seilen von der Bühne herunter, sie pendeln, im Hintergrund sieht man eine große Uhr als Synonym für die vergehende Zeit. Schnee fällt herab, die Schauspielerinnen und Schauspieler machen Hip-Hop-Bewegungen zu einem Song von Rammstein: „Ohne dich kann ich nicht sein…“ Das Liebesbegehren darf sich nicht erfüllen, die Geliebte wird erschossen. Die Liebes- wird zur Todessehnsucht.

Das alles inszeniert Jo Fabian durchaus mit Einfühlungsvemögen und Intensität, die im Laufe des Abends immer mehr zunimmt. „Wie soll ich dich in mein Schlafzimmer lassen, wo doch schon ein anderer ist?“ fragt die Verlobte den jungen Mann ungläubig. Der steigert sich immer mehr in Wahnvorstellungen hinein. Gerade diesen Aspekt hätte man aber auch noch plastischer darstellen können. Statt dessen macht sich bei der Aufführung immer deutlicher ein zeitlupenhaft-stereotypes Show-Feeling breit, das die Darsteller mehr und mehr gefangennimmt. Im Hintergrund diskutieren der junge und der alte Mann (nuancenreich: Elmar Roloff) als Professor der Sinologie. Der von Michael Stiller undurchsichtig gemimte Vater der Braut bleibt dagegen eher im Hintergrund. Man hört im Hintergrund Pachelbels „Kanon“, während undurchdringlicher Nebel hervorwabert. Das Ganze hinterlässt irgendwann einen unheimlichen und völlig unwirklichen Eindruck. Die Protagonisten scheinen alles um sich herum zu vergessen. Ein Kind (beweglich: Larissa Felber) fordert eine eher idyllische Sichtweise heraus: „Ein Kind will ich sein…“ Und der junge Mann begehrt ganz im Stil Lorcas (der dieses Stück fast prophetisch fünf Jahre vor seiner Ermordung schrieb) gegen die bestehende Gesellschaftsordnung auf: „Ich fordere Freiheit und Gerechtigkeit für alle! Ich fordere einen Anwalt!“ Da gerät das Stück dramaturgisch geschickt aus den Fugen, lässt die Regie-Schwächen vergessen und erhält eine beklemmende Wirkung. Psychologie, Poesie und rätselhafte Sprachgebilde verschwimmen dabei zur Einheit. Dali und Bunuel bleiben bei dieser surrealistischen Landschaft spürbar, die sich im Laufe des Abends immer mehr ausdehnt. Wir begreifen zu spät, was wir lieben und was wir brauchen – das ist die erschütternde Quintessenz dieser bewegenden „Legende von der Zeit“. Der junge Mann ist am Ende des Stücks bei Jo Fabian eine völlig andere Figur als noch im ersten Akt, was durchaus spannend anzusehen ist. Zu Beginn ist er ein „Häuslebauer“ mit ganz bürgerlichen Vorstellungen von seiner Zukunft. Und er ist dann enttäuscht, als er auf eine Frau trifft, die sich nicht in seine Vorstellungen einfügen möchte. Auf der Suche nach seiner wahren Liebe scheitert der junge Mann im Laufe seines Lebens schließlich, was Jo Fabian aber eher oberflächlich inszeniert. Im dritten Akt entsteht die Bedrohung aber dadurch, dass die Wände langsam verschwinden und der Raum offener wird. Im ersten Akt kann man noch eine gemütliche Innenraumatmosphäre sehen, während im dritten Akt die Leere und Unendlichkeit dominieren. Das sind dann starke Bilder, die fesseln und die man nicht vergisst. In weiteren Rollen gefallen Nathalie Thiede als Stenotypistin, Arlen Konietz als Freund, Boris Burgstaller als Diener Juan und Gabriele Hintermaier als Dienstmädchen, das dem jungen Mann eine Liebeserklärung macht. In Erzählform wird in die einzelnen Akte eingeführt, was eine recht plausible Idee ist. Auf der anderen Seite vergrößert Jo Fabian dadurch aber die Distanz zum Autor.

 
Alexander Walther

 

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