Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/ Staatsoper: TRISTAN UND ISOLDE – „wenn der Held nicht sterben darf“. Premiere

22.07.2014 | KRITIKEN, Oper

Richard Wagners „Tristan und Isolde“ in der Staatsoper Stuttgart: WENN DER HELD NICHT STERBEN DARF

Premiere von Wagners „Tristan und Isolde“ am 20. Juli 2014 in der Stuttgarter Staatsoper

Unbenannt

Torsten Hofmann (Hirt) und Siigeo Ishino (Kurwenal). Foto: A.T.Schaefer

Es ist ein höchst spannendes Wagnis, ein Inszenierungskonzept nach Richard Wagners Original-Bühnenbildskizzen und Bühnenbildbeschreibungen zu entwickeln. Jossi Wieler (Regie) und Sergio Morabito (Dramaturgie) haben zusammen mit dem Bühnenbildner Bert Neumann dieses Unterfangen zumindest im hervorragenden ersten Akt erfolgreich in Szene gesetzt (Kostüme: Nina von Mechow). Das war aufregend, da machte das Zuschauen großen Spaß. Denn man sah neben einem „Geisterschiff“ ein sich wild hin- und herbewegendes Meer mit weitem Hintergrund. Leider fällt die szenische Qualität dann im zweiten Akt ab, man nimmt einen seltsamen Raum mit breiten Silberfäden und rötlichem Hintergrund wahr. Der Garten hat sich stark verwandelt. Die von Christiane Iven zwar stimmgewaltig, jedoch stellenweise zu „dick“ und ohne filigranen Zauber gesungene Isolde sitzt wie Senta im „Fliegenden Holländer“ am Spinnrad und lässt sich mit dem stets höhensicheren Tristan von Erin Caves auf ein waghalsiges Liebesspiel ein. Große Spannung kommt in die Szene, als ein greller Leuchtkegel den betrogenen König Marke (fulminant: Attila Jun) zeigt, der das Liebespaar recht brutal überrascht. Dabei wird das riesige rote Tuch abrupt heruntergerissen, Tiefenpsychologie setzt sich durch. Hier werden unmittelbare Berühungspunkte mit unserer modernen Welt geknüpft. So entstehen laut Sergio Morabito Abenteuerspielplätze, wie sie drastischer nicht sein können. Jossi Wieler ist übrigens durchaus ein Meister glaubwürdiger Personenführung, der seinen Sängern viel schauspielerisches Geschick abverlangt. Das zeigt sich schon in der Liebestrank-Szene des ersten Aktes, wo Tristan und Isolde sich gegenseitig rettungslos verfallen. Weniger glücklich ist der Einfall, sich das Gesicht schwarz zu schminken. Die beiden scheinen sich hier selbst auslöschen zu wollen. Das Zusammenwirken von Raum, Gesang, Aktion, Klang und Körper funktioniert dennoch eindrucksvoll, denn der von Andre Morsch als widerlicher Giftzwerg verkörperte Melot darf sich als Mörder Tristans von seiner grotesken Seite zeigen. Überhaupt wird das Bühnenbild von einem Gefängnis beherrscht, das sich immer weiter auszudehnen scheint. Das „Panopticon“ von Bentham hat hier Pate gestanden. Tristan und Isolde dürfen nicht zusammenkommen, lautet die gnadenlose Botschaft. Es ist die Peripherie eines ringförmigen Gebäudes entstanden, in dessen Mitte sich ein überdimensionaler Turm befindet, der von breiten Fenstern durchbrochen ist. Dieses Ringgebäude ist in Zellen unterteilt und bildet gleichsam einen gespenstisch-sphärenhaften, durchsichtigen Vorhang. Zuweilen denkt man an Goya. Das ist seitens der Regie der zweitbeste Einfall. Im dritten und letzten Akt erkennt man verwahrloste Häuserfassaden, die sich allmählich in Luft auflösen. Jossi Wieler ist aber ein fairer Regisseur, der Wagner szenisch nicht verhungern lässt. Aus dem Schiffsrumpf klettert der schwerverletzte Tristan, der sich immer stärker nach Isolde sehnt. Erin Caves hat bei seinem Rollendebüt einen grandiosen Auftritt und wächst stellenweise über sich selbst hinaus.

Sylvain Cambreling lotet als umsichtiger Dirigent die erweiterte Harmonik und fieberhafte Chromatik der Partitur sehr gut aus. Inmitten der psychischen Hölle leuchtet nochmals die Vision der Erlösung hell auf. Die „Sehnsuchts-Sekund“ behauptet sich bei dieser Wiedergabe eindringlich. Sehr anschaulich lässt Cambreling hierbei auch das Klangsymbol der „transzendentalen Verzückung“ deutlich werden, der das Motiv voll erfasst. Aus diesen seelischen Prozessen kann sich mit machtvollem Drängen ein neues Klangsymbol markant entwickeln: Das Motiv der „fröhlichen Weise“, das mit den anderen Passagen wie etwa der „traurigen Weise“ elektrisierend kollidiert. Da hatten dann Erin Caves als Tristan und Shigeo Ishino als überzeugender Kurwenal ihre großen Momente. Die subtile Berührung der Sext mit den anderen Klangsymbolen gelang dem Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Sylvain Cambreling exzellent. Wagners Kunst, thematische Zusammenhänge möglichst transparent darzustellen, erlebt dabei einen Triumph. Die Inszenierung fällt demgegenüber beim Schluss leider ab, denn der Held Tristan darf nicht sterben und wird von Isolde im Stehen betrauert. Diese Idee ist nicht besonders glücklich, zumal Tristan bei Isoldes Liebestod einen seltsamen „Todestanz“ aufführt, ehe er die Bühne verlässt. Weniger wäre hier mehr gewesen, denn es wirkt fast schon unfreiwillig komisch.

Im Orchester kommt es aber immer wieder zu glanzvollen Höhepunkten, weil Sylvain Cambreling es versteht, die Musiker anzuspornen und „magisch“ zu inspirieren. Dies gilt für die Weihe-Harmonien des Motivs des Liebestodes und die nachtdunklen As-Dur-Synkopen. Hier scheint die Welt still zu stehen. Dieser Welt-Atem beherrscht auch den Gesang des Liebespaares, das sich in diesem Akt sehr nahe kommt. Gesanglich bieten Christiane Iven und Erin Caves hier durchaus eine exzellente Leistung. Gerade Christiane Iven verdient angesichts ihres Rollendebüts trotz mancher Schwächen einen noch stärkeren Applaus, das Publikum war angesichts ihrer Gesamtleistung eher gespalten. Man hat bei ihr sehr stark den Eindruck, dass sie erst noch in ihre Rolle hineinwächst. Die stimmliche Intensität ist in jedem Fall erheblich steigerungsfähig. Der beste Beweis ist der große Fluch Isoldes im ersten Akt, wo sie das Motiv der „seelischen Erregung“ voluminös beschwört. Insbesondere die Bereiche liebenden Versinkens lotet Cambreling mit dem Staatsorchester nuancenreich aus. Damit bietet er auch den Sängern dankbare Möglichkeiten, denn er will sie mit den Orchesterfluten nicht „zudecken“. Im ersten Akt verschmelzen Musik und Szene mit Abstand am besten, da gibt es Momente, die man nicht vergisst und die das Publikum unmittelbar ergreifen. Liebes-Motiv, seelische Qual, naive Bewunderung, Tantris-Tristan, Bewusstseinserhellung, der sieche Tantris und die Liebe des Tantris ergänzen sich in kunstvoller thematischer Verstrickung gegenseitig. Wagners berühmte Leitmotivtechnik wird auch bei den Motiven der Zornesbeschwichtigung, Meerfahrt, Tristans Ehre, Abschied vom Leben und insbesondere der Einswerdung deutlich. Katarina Karneus leistet als gesanglich zielgerichtete Brangäne gerade in dieser Beziehung Ausserordentliches. Auch sie scheint sich der großen Wellenbewegung musikalisch stark anzupassen. Und diese Wellenbewegung weist dem Saatsorchester Stuttgart einen glaubwürdigen Weg, denn alle Sänger werden davon wie von einem magischen Strom mitgerissen. Dies gilt sowohl für den sonoren Hirten von Torsten Hofmann als auch für den kernigen Steuermann von Motti Kaston und die ebenmäßige Stimme von Daniel Kluge, der den jungen Seemann verkörpert.

Der von Johannes Knecht wie immer höchst sorgfältig einstudierte Staatsopernchor lässt die Fanfaren der Freude schwungvoll und intonationsrein deutlich werden. Bei den Orchestervorspielen hätte man sich zuweilen noch breitere Tempi gewünscht – es muss ja nicht so „betonbreit“ wie bei Hans Knappertsbusch sein. Insgesamt gesehen erreicht Sylvain Cambreling mit dem Ensemble eine glaubwürdige Geschlossenheit, die sich vor allem im ersten Akt stark verdichtet. Das sich in Sehnsucht verzehrende, ewig neu sich gebärende Verlangen und die unerfüllte Sehnsucht beherrschen die einzelnen Szenen mit Intensität. Die Zeit scheint still zu stehen. Man sieht im ersten Akt auch eine Standuhr auf dem Schiff. Genial ist die Idee, eine imginäre „Gespenstermannschaft“ wie in Zeitlupe in den Fluten versinken zu lassen. Da lassen sich Assoziationen zu E.T.A. Hoffmann und Wilhelm Hauff nicht verbergen. Die Musik ringt sich dank der Wellenbewegungen zu immer höheren Steigerungen durch. Das zaghaft werbende Motiv scheint immer stärker anzuschwellen. Jossi Wieler und Sergio Morabito haben gerade in diesem hervorragend inszenierten ersten Akt den Geist Richard Wagners am besten getroffen. Lothar Baumgartes abwechslungsreiche Lichteffekte unterstützen diese Intention. Die nachempfundenen Bühnbildbeschreibungen Wagners erstrecken sich nicht nur auf das Schiff im ersten, sondern auch auf den Garten im zweiten und den Burghof im dritten Akt. Man spürt, wie die metaphysische Schuld auf diesem Liebespaar wie ein Fluch lastet. Im ersten Akt trägt Isolde einen „Walkürenhelm“ – gedankliche Verbindungen zum „Ring“ lassen sich so nicht vermeiden. Fazit: Es ist in jedem Fall eine ausbaufähige Inszenierung, die man auf keinen Fall versäumen sollte. Im Gegensatz zu Heiner Müller, der in Bayreuth Kälte in der Personenführung demonstrierte, lässt das Stuttgarter Regieteam Emotion und Glut zwischen den Akteuren in hohem Maße zu.

 Alexander Walther

 

Diese Seite drucken