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STUTTGART/ Staatsoper: NIXON IN CHINA von John Adams

Ein Zwitter zwischen Oper und Musical

04.05.2019 | Oper

Bildergebnis für stuttgart nixon in china
Michael Mayes (Nixon) und Shigeo Ishino (Kissinger). Foto: Mattias Baus

Stuttgart

„NIXON IN CHINA“ 3.5.2019 (Premiere 7.4.2019) – Ein Zwitter zwischen Oper und Musical

Nach Henzes „Prinz von Homburg“ hat Operndirektor Viktor Schoner in seiner ersten Spielzeit erneut ein Werk zur Stuttgarter Erstaufführung gebracht, das einen früheren Fixpunkt des Repertoires nach langer Pause wieder aufgreift. John Adams 1987 entstandenes Musiktheater über die historische Begegnung von Mao Tse-tung und Richard Nixon schließt stilistisch an die berühmte, z.T. in Stuttgart uraufgeführte Trilogie von Philipp Glass („Echnaton“, „Satyagraha“, „Einstein on the beach“) aus den frühen 1980er Jahren an.

Sowohl das Libretto von Alice Goodman als auch die musikalische Strukturierung durch Adams bestimmen das Geschehen rund um dieses bedeutende Ereignis der Weltgeschichte weder als realistische 1:1 Abbildung, noch als verklärende Überhöhung, aber auch nicht als satirische Hinterfragung. Vielmehr bleibt es in der Schwebe zwischen gedanklicher Reflektierung zweier konträrer politischer Systeme und subjektiv hervortretender Erinnerungen ihrer Protagonisten. Die musikalische Gestaltung wechselt zwischen den fast Hollywood gerecht aufgeblähten Massenszenen des Empfangs von Nixon am Flughafen, dem Staatsbankett, dem Sightseeing-Programm des amerikanischen Präsidenten-Paares und dem Besuch einer kultur-revolutionären Opern-Ballettaufführung aus der Feder von Maos Frau Chinag Ch’ing in musicalhaft leichterem Duktus und dem intimeren Staatsgespräch der beiden Machthaber  sowie den aus der Zeit heraus gehobenen in traumartigen Rückbesinnungen mehr in Opern-Manier ausgestalteten  lyrisch melodischen Inseln des dritten Aktes. Bilden die ersten beiden Teile noch einzelne Stationen des Staatsbesuchs zeitlich zusammen geschweißt vom Sonnenaufgang des einen bis zum Sonnenaufgang des nächsten Tages mit allem solistisch-orchestralem Aufgebot, rücken die Solisten im letzten Akt auf dem nun zugedeckten Orchestergraben näher ans Publikum heran, als ob nun die eigentlichen Menschen hinter ihren politischen Funktionen hervortreten und ihre ganz persönlichen Befindlichkeiten preisgeben. Die Zuspielung des Orchesterparts vom Band unterstützt dabei den Eindruck eines fast traumhaften Sinnens nach besonderen Momenten der Vergangenheit, aber auch die Ernüchterung nach den nicht erfüllten Hoffnungen des Staatsbesuchs. Statt eines im strengen Zeitmass der ewig in sich kreisenden formelhaften musikalischen Schleifen stehenden Ablaufs naturalisiert sich hier der Zeitverlauf in einer der Spätromantik angenäherten freieren gesanglichen Tonsprache.

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Jarrett Ott (Chou En-lai) und Staatsopernchor. Foto: Matthias Baus

Die Inszenierung von Marco Storman macht diese Aufspaltung zwischen politischer und subjektiv persönlicher Erscheinung deutlich, indem die strengere bzw. betont kämpferische Körperhaltung einer intimer hervor tretenden Gebärdung weicht. Der Bühnenraum von Frauke Löffel arbeitet unter bild- und lichttechnischer Unterstützung mit einzeln hervor gehobenen Momenten, showartigen Elementen in den Massen-Szenen und Projektions-Überblendung von Massen-Aufmärschen. Gitterartige Wände dienen als Raumteiler, seitlich angebrachte beleuchtete Bodenstreben als Landebahn-Markierungen, einige Sitzbänke für das Staatsbankett. Der Staatsopernchor (Einstudierung: Bernhard Moncado) ist zum Empfang von Richard und Pat Nixon, danach auch zum Toast des Staatsbanketts auf die Zuschauerränge und Proszeniumslogen verteilt, lässt rote Fahnen als Banner herab über die Brüstungen rollen, und diese später auch auf der Bühne schwenken. Gesanglich gelingt es ihm seinen Part so weit wie möglich transparent zu halten und sich in den Steigerungen und Höhepunkten zu geballtem Volumen zu vereinigen und damit die Größe des chinesischen Volkes zu simulieren. Sara Schwartz hat sie in teils weiße, teils beige seidene, dem asiatischen Stil angenäherte Gewänder gekleidet, die statierenden jungen Männer wie Lotsen in Shorts und Käppis. Das rote Element taucht noch in den lampenschirmartigen Kopfbedeckungen von Maos Sekretärinnen und den Einbänden der verteilten Geschichtsbücher auf.

 

Für die Aufführung der Muster Ballett-Oper „Das Rote Frauenbataillon“ hat Alexandra Morales dezente choreographische Bewegungsbilder arrangiert. In die hinter einem diffusen Schleier dargestellte Handlung eines auf der Flucht vor einem ausbeuterischen Gutsbesitzers fast zu Tode gepeitschten Bauernmädchens versuchen die Nixons und ihr Sicherheitsberater Henry Kissinger einzugreifen, geraten so mit in den Sog eines Tropensturms, an dessen Ende die Sonne hervorbricht und die kämpferische Revolution inclusive ihrer Autorin Chiang Ch’ing wie eine Apotheose glorifiziert wird. Ein zentraler Moment, wo Bühnenfiktion und Realität ineinander fließen.

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Matthias Klink (Mao) und Gan-ya Ben-gur Akselrod (Gattin Chiang Ch’ing) mit Ensemble. Foto: Matthias Baus

Michael Mayes ist als schwarz gekleideter, sich teilweise breitbeinig wie ein Cowboy gebärdender und in Elvis Presley ähnlicher Maske auftretender Nixon ein überzeugend eifriger Darsteller, vokal getragen von einem hellen, sich fast tenoral entfaltenden Bariton mit fülliger Mittellage und zuverlässiger Höhe, der seine politischen Ansichten genauso gesättigt zum Ausdruck bringt wie später seine Ernüchterung. Katherine Manley ist die nicht weniger überzeugende Ehefrau Pat, die vor allem in ihrer pompösen blass-goldenen Ballrobe ausgezeichnete Glimmer-Figur macht, mit ihrem lyrisch klar geführten Sopran mit leuchtender Höhen-Kapazität auch in ihrem persönlichen Reflektieren zu einer Sympathie-Gestalt erwächst. Begleitet bzw. unterstützt werden beide von Shigeo Ishino als Kissinger mit männlich robustem, knallhart artikulierendem Bariton, der in Verbindung mit der dunkel düsteren Erscheinung einen zwielichtigen Akzent setzt.

Auf der Gegenseite steht Mao ganz in Weiß und teilweise barfuß, in der gleichfalls intensiven Studie eines maskenhaft wirkenden, sich im Philosophieren dann detailreich öffnenden Staatsmannes, wie sie von einem Ausnahme-Charakterdarsteller wie Matthias Klink fast schon zu erwarten war. Gründlich erprobt durch die Hauptrolle in Brittens „Death in Venice“ verband er hier eine astreine englische Deklamation mit den wandlungsfähigen Möglichkeiten seines biegsamen lyrisch grundierten Tenors. Gan-ya Ben-gur Akselrod gibt in kleiner Statur, aber autoritärer Haltung seine Frau Chiang Ch’ing. Vor allem in ihrer Selbst-Feier als Revolutions-Autorin erwächst ihr etwas strenger, durch den abrupt in hohe Tonlagen führenden Part zu einem Sopran von attackierender Macht.

Übertroffen in der Gesamtleistung wurden sie alle von Jarrett Ott. Der Amerikaner hatte  jüngst als Marcello in „La Bohème“ das ganze Ensemble überragt. Hier gelang es ihm mit seiner charismatisch großen  Erscheinung und seiner subtilen Vortragskunst, die die gesunde Kraft eines sämigen Baritons mit der dynamischen Sensibilität eines Poeten vereint, den Premierminister Chou En-lai als Verkünder, Beobachter und Kommentator nuanciert aufzuschlüsseln und mit seinen finalen Worten der Hoffnung auf den Morgen als Metapher der Zukunft einen positiven Schlussakkord zu setzen und die Brücke zum Beginn zu schlagen, wenn erneut ein großer Scheinwerferstrahl sinnbildlich die Sonne auf der leeren Bühne symbolisiert.

Ida Ränzlöv, Fiorella Hincapié und Luise von Garnier ergänzen als Sekretärinnen-Terzett das solistische Ensemble mit gehaltvollem Mischklang zwischen Helligkeit und Dunkel.

André de Ridder koordiniert das Staatsorchester Stuttgart mit durchweg sicherer Hand in der Überlagerung eines sich nur geringfügig ändernden Grundrhythmus durch mäandernde Strukturen. Dabei schafft er es, die musikalischen Einflüsse mehrerer Kontinente, stilistische Zitate und Elemente des Jazz  immer wieder hörbar zu machen und im Sog einer vorwärtstreibenden kulminierenden Kraft  unter Dauerspannung zu halten.

Die durch eine zweite Pause, die in etwa so lang ist wie der letzte Akt, leider etwas in die auseinander gerissene und in die Länge gezogene Aufführung wurde intensiv bedankt.

Udo Klebes

 

 

 

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