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STUTTGART/ Staatsoper: JAKOB LENZ von Wolfgang Rihm

18.12.2014 | Oper

STUTTGART/ Staatsoper : JAKOB LENZ von Wolfgang Rihm am 15.12.2014

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Georg Nigl. Foto: Bernd Uhlig

 Wolfgang Rihms 1978 uraufgeführte „Kammeroper“ „Jakob Lenz“ ist eines der erfolgreichsten und meistgespielten Werke zeitgenössischer Musik. Aufgrund seiner kleinen Besetzung wird es allerdings meist in Experimentalstudios und Zweitspielstätten versteckt. Die Oper Stuttgart hingegen hat jetzt weder Kosten noch Mühen gescheut, um diesen „Klassiker der Moderne“ in angemessener Weise auf der großen Bühne herauszubringen.

Bereits die literarische Vorlage, Georg Büchners Novelle über das tragische Schicksal des Goethe-Zeitgenossen Lenz, ist ja eigentlich von kaum überbietbarer Dichtheit, aber Rihm schafft gemeinsam mit seinem Librettisten Fröhling das Kunststück, die ganze Erzählung noch einmal kompakter, konzentrierter, atemberaubender zu machen. Und Regisseurin Andrea Breth gelingt es zusammen mit ihrem wieder einmal kongenialen Bühnenbildner Martin Zehetgruber, die Verdichtung womöglich noch in eine weitere Dimension zu treiben.

Man kommt in diesen knappen 80 Minuten mit dem Zuschauen, mit dem Zuhören kaum nach, und aus dem Staunen nicht heraus.

Wie von Geisterhand verwandelt sich die Bühne geräuschlos zwischen den nicht länger als einige Sekunden dauernden Vorhängen: alles in grau und schwarz gehalten, Felsen, Wasserrinnsale, Spiegel, riesige leere Bücherregale, überdimensionierte Stühle, tote Mädchen, vom Schnürboden herabfallende oder wie zersägt über Tische hängende Doppelgänger und und und…

UND dann ist da noch ER, der Ausnahmekünstler Georg NIGL als LENZ.

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Georg Nigl, Henry Waddington. Foto: Bernd Uhlig

Man kann sich nicht erinnern, wann man je in jüngster Zeit eine solch intensive Rollengestaltung erlebt hätte. Nigl kauert wie ein nackter Embryo zwischen Bücherregalen, beschmiert sich mit Kot, „tanzt“ im Sitzen auf einem leeren Spitalsbett, jammert, winselt, kichert. schreit, stammelt, zirpt und stöhnt …

Also allein schon seine physische Leistung in der Darstellung des „Aus-der-Welt-Gefallenseins“ vulgo „Wahnsinns“ von Jakob Lenz(ohne dabei allerdings je in „Kuckucksnest“- Klischees abzugleiten) wäre bewunderungswürdig. Aber der gute Mann s i n g t auch noch dazu …! Unglaublich. Sensationell. Einzigartig.

Ihm durchaus ebenbürtig seine Freunde und „Quäler“: Henry Waddington als Oberlin und John Graham-Hall als Kaufmann.

Für die präzise – oder wie das oft wiederholte Schlusswort heisst : „konsequente“ – Ausgestaltung der hochkomplexen Partitur sorgen Franck Ollu und die exzellenten elf Musiker des Staatsorchesters Stuttgart.

Wenn je das schon ziemlich abgelutschte Wort „Musiktheater“ zugetroffen haben sollte, dann auf d i e s e Produktion.

Die zwar in Stuttgart bereits abgespielt ist, aber im nächsten Jahr noch an der Monnaie in Brüssel sowie an der Staatsoper Berlin zu bewundern sein wird.

 Robert Quitta, Stuttgart

 

 

 

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