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STUTTGART/ Staatsoper: I PURITANI

03.06.2017 | Oper

STUTTGART/ Staatsoper: I PURITANI am 2.6.2017

‚I puritani‘ ist die letzte Oper Vincenzo Bellinis, und er hat sie als eine Grand opera für Paris geschrieben mit einem neuen Librettisten, Carlo Pepoli, nachdem er sich mit Felice Romani nach dem Fiasko  seiner letzen Oper ‚Beatrice di Tenda‘ zerstritten hatte. Während Romani dem Komponisten bei seinen vorherigen erfolgreichen Opern wie Norma und Sonnambula ein gut durchdachtes Handlungsgerüst in Versen geliefert hatte, das ihn aber auch in ein gewisses dramaturgisches Korsett zwängte, lieferte ihm Pepoli Verse ganz nach seinem Gusto, so daß er seiner gezähmten Komponierlust in Richtung Große Oper freien Lauf lassen konnte. „I puritani“ wurde eine auf hohem Niveau stehende Komposition, bei der Bellini seine Melodienseligkeit auch auf die Ensembles und aufs erinnernde und ‚wissende‘ Orchester ausweiten konnte, und das gleichzeitig wie im Musikdrama die bizarrsten und tödlichsten Handlungsklippen ansteuerte und daran nicht zerschellte. Dirigent Manlio Benzi gelingt es, dieses Wogen unendlicher Melodien zu moderieren, indem er einem prachtvoll aufspielenden Orchester wie dem Staatsorchester Stuttgart noch zusätzlich Dynamik abgewinnt, so dass man sich immer in den Handlungsfortlauf eingebunden fühlt.  Dabei hält sich schierer dramatischer Impetus und weiche heitere Italianità die Waage. Die Synchronisation seines Klangapparates mit den laufenden wechselnden Bühnentumulten gelingt Manlio Benzi dabei selbstredend traumwandlerisch.

In dieser Stuttgarter Fassung  (Prem. 8.7.2016) wird dabei die Urfassung mit allen musikalischen Zusätzen, wie sie Bellini für die UA 1835 im Pariser Teatre Italien komponiert hatte, gespielt. Die beiden für die Regie und Dramaturgie Verantwortlichen Jossi Wieler und Sergio Morabito wählen als Szenerie einen martialischen Bühnenbau von Anna Viebrock (auch Kostüme), der die Puritanerfestung Plymouth sehr gut wiederzugeben vermag. Hier entfaltet sich die gewohnt bewegte und das emotiv personengeführte Spiel des bewährten oft spektakulären Regieduos Wieler/Morabito mit vielen Anspielungen und teils auch ironischen Requisiten (Wagnerpersiflage im hinteren Bereich).

Die Festung Viebrocks ist halb Innenhof, halb -Innenraum mit verschachtelten Wänden, mit Rund-und Spitzbögen, Falltüren, und hinten aufgestapelten Stühlen zur Nutzung bei Gottesdiensten der Puritaner. An der Wand lehnen aufgespannte Leinwandbilder, wo sich Elvira beim Vorspiel eines mit dem Bild des Geliebten Arturo, Enrichetta dasjenige mit ihrem mittlerweile enthaupteten Vaters Karl I. zur Ansicht hervorholt. Elvia wird ihrer fantasievollen Brautkleidung von den Puritanerinnen entledigt, und in die strenge Puritanergewandung gesteckt. Der Innenhof enthält noch eine von der einen Wandschräge zur anderen verlaufenden Art Kupfer-Messing- Brücke,  über die aber später nicht die Brautleute Arturo – Elvira, sondern der Stuart mit der Französin Enrichetta, die er im Brautschleier vorm sicheren Tod retten will, hinwegfliehen. Im dritten Akt hat sich Elvia in ein Miniaturhaus in Gründerzeit-Manie ‚eingesponnen‘, wo sie ihren Wahnsinn auslebt und den erblindet wiedergekehrten Arturo ewartet. Obwohl durch den Sieg Cromwells das Todesurteil aufgehoben ist, kommen die Liebenden hier nicht mehr zusammen.

Die Chöre, einstudiert von Johannes Knecht, sind vielfach in die Handlung verwoben, kommentieren, fordern und singen bravourös. Die Kurzrolle des Lord Valtons, Vater der Elvira, singt der Baß Roland Bracht eindrücklich. Sir Giorgio, Onkel‘ und  zweiter Vater‘ Elviras, wird äußerst voluminös, aber dabei auch mit skandierend prächtigem Baß von Adam Palka dargestellt, von den anderen abgehoben in heutigem Straßenanzug, vielleicht da ‚außer Dienst‘. Den Riccardo kann mit ganz prunkendem dabei warmem exzellentem Bariton Bariton Gezim Myshketa darstellen. Wie er seine gescheiterte Liebe in körperlichen Leidensverrenkungen betrauert, so ist der als ‚Rundkopf‘ im Haarschnitt betonte Puritaner wunderbar extrovertiert. Den zweiten ‚mitspielenden‘ Puritaner stellt der Tenor Heinz Göhrig als Sir Bruno dar, in dem er z.B. Enrichetta zu Beginnin in eine Art Verschlag verbringt, nachdem sie den toten Karl gezeigt hat. Diese wird von Diana Haller mit feinem kernigem Mezzo auch ganz pointiert und im liedhaften Zwiegesang mit Arturo gezeichnet. Dieser Stuart-Kavalier und Lord kommt in Gestalt Francisco Britos ganz genial herüber. Sein charmant timbrierter ausdrucksvoller und inniger Tenor steigt in die höchsen Gefilde ohne jegliche Anstrengung und kann die beitgespannten Bellini-Phrasen jederzeit und bis zum hier nicht so strahlenden Ende alla bonheur gestalten. Seine Partnerin, die Rumänin Mirella Bundaica kann bei Ihrem Elvira Debut nach Krankheit ebenfalls glänzen. Mit einem etwas lasziv anmutig timbrierten Sopran erwidert sie höchste Liebesexaltation  und kleidet schlimmste Wahnsinns-Depression  in stimmliche Larmoyanz, die völlig betroffen macht. Es ist zu wünschen, daß solche Sängerleistungen I Puritani wieder mehr in die Spielpläne Eingang finden lassen! (info: staatstheater-Stuttgart.de)                                                     

Friedeon Rosén

 

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