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STUTTGART/ Staatsoper: I PURITANI – Belcanto mit szenischem Gewicht

18.06.2017 | Oper

Stuttgart: „I PURITANI“ 2.+16.6.2017 – Belcanto mit szenischem Gewicht

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Als Titelrollenträger würdig in Szene gesetzt: der Stuttgarter Staatsopernchor: Copyright: A.T.Schaefer

Die Bellini-Trias ( Norma, La Sonnambula und I Puritani) darf zweifellos zu den gelungen sten, weil markantesten Arbeiten von Operndirektor Jossi Wieler und seinem Co-Dramaturgen Sergio Morabito in ihrer nunmehr über 20 Jahre dauernden Tätigkeit als Regisseure an der Stuttgarter Oper gezählt werden. Bellinis kurz vor seinem frühen Tod 1835 in Paris uraufgeführtes Drama über die streng asketisch lebende Glaubensgruppe der Puritaner hatte im Juli letzten Jahres Premiere und erlebte jetzt mit einem neuen Liebespaar und unter neuer Führung am Pult eine weitere Aufführungsserie.

Auffallendes Merkmal der in der romantische und zeitgenössische Elemente verbindenden Ausstattung von Anna Viebrock angesiedelten Inszenierung ist die Gewichtung des Chores und damit eine würdige Profilierung der Puritaner, die immerhin die Titelrollenträger sind. Das Regie-Duo setzte sie weit über die reine Funktion eines mitfühlenden Kommentators hinaus als Charaktere mit einigen heraus stechenden Individuen sowie einer sich motivartig durch die ganze Aufführung  ziehenden Erhebung ihrer Bibeln als unerschütterliches Glaubensbekenntnis in Szene. Manches gerät dabei auch etwas überzogen, wird aber durch die mit dem hoch entwickelten darstellerischen Potenzial gleichwertig Hand in Hand gehende tonliche Komprimierung des Staatsopernchors (Einstudierung: Johannes Knecht)  ausgeglichen. Von leiser Beschwörung bis zur raumgreifenden Bekräftigung beweist diese Vereinigung eine gleichmäßige Qualität an technischer Rundung und expressiver Interpretation. Eine gute Tragfähigkeit in den verhaltenen  Abschnitten ist ebenso zu konstatieren wie eine mitreißende Leuchtkraft in vollem, aber nie mit Lautstärke verwechseltem Forte-Einsatz, da bleibt wirklich kein Wunsch offen.

Dasselbe gilt für Adam Palka, der als Elviras väterlicher Onkel Giorgio weich und warm strömenden Belcanto und Dringlichkeit des Ausdrucks geradezu betörend verdichtet und mit der durchweg leichten und unforcierten Tongebung seines nobel timbrierten und gleichfalls höhenexpansiven wie tiefenprofunden Basses die ganze Partie zum Genuss werden lässt.

Gezim Myshketa kann ihm als eifernder Riccardo um Elviras Hand mit potent männlich strammem Bariton im großen, von Trompeten überglänzten, Vaterland, Liebe und Ehre bekräftigenden Ohrwurm-Duett durchaus Paroli bieten und im technisch gut bewältigten Wechsel von schmeichelnden und kraftvoll attackierten Phasen den aufbrausenden und dabei doch empfindsamen Charakter des Elvira ursprünglich versprochenen Puritaners nebst idiomatischem Spiel deutliches Nebenbuhler-Gewicht geben. Nur an Übergangsstellen machen sich noch gelegentliche Defizite bemerkbar.

Jetzt aber zu den Dazugestoßenen: die noch junge Mirella Bunoaica hat nach der nachtwandelnden Amina nun auch die Elvira erarbeitet und erfüllt die Primadonnenrolle ganz  im Stil des Belcanto einer Joan Sutherland ohne ihr deshalb an Farbvaleurs und dramatischer Wahrhaftigkeit etwas schuldig zu bleiben. Der lyrische, sich in Ensembles als bereits sehr durchschlagskräftig erweisende Koloratursopran bewegt sich in Legato-Abschnitten der melodie lunghe genauso sicher wie in den rhythmisch bewegten Passagen mit den abstürzenden Tongirlanden und in den bis in extreme Höhen reichenden Spitzentönen. Gegenüber ihrer Vorgängerin ist sie mädchenhafter und Timbre bedingt weniger verträumt, aber im Wahnsinn dennoch wie in einer anderen Sphäre wirkend.

Als gegnerischer Stuart Arturo stellte sich erstmals der Argentinier Francisco Brito mit einer angesichts der enormen vokalen Ansprüche respektablen Leistung vor. Die recht füllige, bereits in der Auftritts-Kavatine „A te o cara“ klar und sicher ansprechende Stimme gewann im Laufe des Abends an tonlicher Rundung und atemtechnischer Weite sowie damit einher gehender vertiefender Phrasierung. Als sich bei der zweiten der gesehenen Vorstellungen im dritten Akt eine leichte Indisposition in den Höhen abzeichnete, zeugte der Verzicht auf die Spitzentöne zugunsten einer unvermindert klangvoll beseelten Führung der Grundmelodie von der technischen Reife und Klugheit des jungen und für die Zukunft viel versprechenden Tenors, der noch vor wenigen Jahren zu den Absolventen des Frankfurter Opernstudios zählte.

Diana Haller sicherte der von Arturo geretteten Königswitwe Enrichetta mit gehaltvollem Mezzosopran wieder das erforderliche Gewicht im strichlos gegebenen Terzett des ersten Aktes. Roland Bracht und Heinz Göhrig  ergänzten als unvermindert kompetente Stützen des Hausensembles in den Rollen von Elviras Vater und dem befehlshaberischen Puritaner Sir Bruno.

Manlio Benzi konnte das vokale Fest vom Pult aus leider nicht so vervollkommnen bzw. mittragen wie es Giuliano Carella in der Premierenserie gelungen war. Immer wieder irritierten Tempi-Extreme zwischen Verschleppung und unmotiviertem Vorwärtsdrang, was letztlich auf Kosten der Präzision des ansonsten recht motiviert und in den heiklen Bläsereinsätzen nuanciert agierenden Staatsorchesters Stuttgart ging. So manche emphatisch begonnene Steigerung verpuffte seltsamerweise gegen Ende, weil die Innenspannung verloren ging.

Offensichtlich reichten auch die hochwertigen Leistungen des Sänger-Quartetts und des Chores nicht dazu, etwas mehr Begeisterung auszulösen als nur starken anerkennenden Beifall. Und das an beiden hier bewerteten Abenden. Zudem blieben auch an beiden (Freitag)-Abenden viele Plätze leer, während die beim breiten Publikum keineswegs populärere „Nachtwandlerin“ oft ausverkauft war. Manche Verhaltensweisen bleiben letztlich undurchschaubar.

Udo Klebes

 

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