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STUTTGART/ Staatsoper: I PURITANI

Ein Belcanto-Fest zum Finale

13.07.2018 | Oper


Ana Durlovski und Gezim Myshketa. Copyright: A.T.Schaefer

Stuttgart: „I PURITANI“ 12.7.2018  (Wiederaufnahme) – Ein Belcanto-Fest zum Finale

Die Trias der renommiertesten Opern von Vincenzo Bellini zählt ohne langes Nachdenken zu den geglücktesten Arbeiten des scheidenden Opern-Hausherrn Jossi Wieler in stetigem Zusammenwirken mit dem Dramaturgen Sergio Morabito, der bekanntlich in selbiger Funktion künftig an der Wiener Staatsoper tätig sein wird. Nicht nur, weil das immer intellektuell anspruchsvolle und detailgenaue Inszenierungs-Konzept dieses Duos inklusive der Bühnenräume von Anna Viebrock bei den Opern des Sizilianers im Großen und Ganzen verständlich und nachvollziehbar ausgefallen ist sowie überwiegend mit der Musik konform geht, vor allem auch aufgrund der fast zur Gänze erstklassigen Besetzungen, bleiben diese Aufführungen als Höhepunkte der letzten 20 Jahre in Erinnerung.

Das Niveau dieser Wiederaufnahme-Premiere darf im Hinblick auf die Top-Qualität und eine uneingeschränkte Disposition aller Solisten mit dem Prädikat Weltformat bedacht werden. Gespannte Erwartung lastete auf René Barbera, der sich erstmals zum ansonsten bekannten Ensemble gesellte und vom ersten, den vollsten Einsatz verlangenden Auftritt des Arturo an alle seine Vorzüge präsentierte: einen Tenor, der auf Basis eines Timbres von rundum stabiler attraktiver Hell-.Dunkel-Farbmischung, in allen Lagen tragfähig bleibt, dynamisch flexibel auf alle Anforderungen reagiert und in Verbindung mit müheloser Höhen-Strahlkraft dem speziellen Melos Bellinis besonders schmeichelt. Selbst um die extremsten Spitzentöne während der von Verzweiflung getragenen Anklage der Puritaner im dritten Akt muss der Amerikaner keinen Bogen machen, vermag sie mit voller Bruststimme auszusingen und dadurch auch die Emotionen zu optimieren. Die eher kleine und leicht korpulente Statur des Sängers bildet aufgrund seiner generellen Bühnen-Präsenz keinen Nachteil im szenischen Geschehen, im ersten Akt wirft er sich mit Emphase in das Duell mit seinem Rivalen Riccardo, den Gezim Myshketa mit der ganzen Pracht eines üppigen Baritons idealer italienischer Prägung ausstattet. In vorzüglicher Verfassung strömt seine Stimme mit tragendem Legato durch die himmlischen Kantilenen Bellinis, schwingt sich zu fülligen Höhen empor, und gibt dem aufbrausenden Charakter des Puritaners geballten Ausdruck. Trotz allen tenoralen Glanzes gerät doch sein zu entflammter patriotischer Vereinigung führendes Duett mit Elviras Onkel Giorgio zum mitreißenden Siedepunkt der Aufführung, als der Adam Palka durch die jedes Mal aufs Neue verblüffende Resonanz seines Basses faszinierte. Seine jeder musikalischen wie inhaltlichen Nuance mit technischem wie intuitivem Geschick nachspürende Interpretation erhält durch den sonoreb und chamäleonhaft zwischen bassiger Erdung und baritonalem Glanz changierenden Stimmklang edlen Belcanto-Schliff. Schade, dass er sich trotz seines außergewöhnlich sicheren Höhenregisters, und Myshketa angesichts seiner Top-Verfassung sich den  quasi in der Luft liegenden Effekt eines nach oben interpolierten Duett-Abschlusses versagten.


Gezim Myshketa und der Staatsopernchor. Copyright: A.T.Schaefer

Neben diesen raumflutenden Männerstimmen  wurde die in der Tiefe und Mittellage begrenzte Stimme von Ana Durlovski umsomehr bewusst, doch sobald ihr Sopran in höhere Regionen schwingt, beginnt er zu leuchten und sich erst richtig wohl zu fühlen, so dass, unterstützt durch ein markantes, leicht melancholisch verträumtes Timbre, die langen Koloraturgirlanden und in großen Bögen abhebenden Wahnsinns-Phasen jenen schwebend leichten Charakter erhalten, mit dem labile Wesen in der Romantik assoziiert werden. Die darstellerische Identifikations-Fähigkeit der Mazedonierin mit Elvira bildete auch jetzt wieder das Rückgrat für ihre technischen Kunstfertigkeiten.

Obwohl nur auf eine Szene begrenzt, vermag Diana Haller der gefangenen Königswitwe Enrichetta, auch aufgrund des im Rahmen der komplett gespielten Uraufführungs-Partitur nicht gestrichenen großen Terzetts mit Arturo und Riccardo, mit ihrem immer größer werdenden, die Register beständig noch organischer verbindenden Mezzosopran, vokales und gestalterisches Gewicht zu geben.

Roland Bracht vermittelte auch in der knapp bemessenen Rolle von Elviras Vater Autorität und Würde im Auftreten wie im Einsatz seines noch beachtlich kompakten Basses. Heinz Göhrig wiederum gibt den Einsätzen des Puritaners Sir Bruno ungeschmälert klangvolles Gepräge.

Der Staatsopernchor Stuttgart (Einstudierung: Christoph Heil) machte den zu Recht Titel gebenden Puritanern in ihrem umfangreichen Einsatz erneut alle Ehre, indem er seinem modulationsreichen Belcanto-Gespür einen ebenbürtigen spielerischen Schliff in der Zeichnung der in ihrem Glauben und ihren Riten gefangenen Gesellschaft Englands beigesellte.

Manlio Benzi stand wie schon bei der letzten Serie wieder am Pult des Staatsorchesters Stuttgart und fand in durchgängig guter Koordination mit der Bühne zu einer gleichermaßen auf Schönheit des Klangs wie auf lyrisch-dramatische Glaubwürdigkeit bedachten Führungslinie mit Gespür für vokale Bedürfnisse und temporäre Spannung.

Lautstarke Ovationen konnten bei so hoch qualitativer Belcanto-Freude nicht ausbleiben.

Udo Klebes

 

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