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STUTTGART/ Staatsoper: DON PASQUALE. Premiere

Szenen aus dem Tollhaus

26.03.2018 | Oper


Enzo Capuano. Copyright: Martin Sigmund

Premiere von Gaetano Donizettis „Don Pasquale“ am 25. 3. 2018 in der Staatsoper/STUTTGART

SZENEN AUS DEM TOLLHAUS

 Jossi Wieler und Sergio Morabito haben für Gaetano Donizettis „Don Pasquale“ ein Bühnenbild gefunden, das moderne Architektur in drehbarem Gewand mit entfernt historisch anmutenden Entwürfen verbindet. Don Pasquale ist hier ein moderner, aber alternder Manager, für den sein Leben lang Reichtum und Macht über andere das Wichtigste waren. Das Abgründige dieser Komödie wird betont. In seiner Jugend verliebte er sich in Nina, aber durch das Heiratsverbot seines Vaters musste er sich für die Firma und gegen eine Heirat entscheiden.

Nach fünfzig Jahren setzt dann die Handlung ein, die das Regieteam im opulenten Bühnenbild von Jens Kilian in die moderne Welt überträgt (Kostüme: Teresa Vergho). Im Rahmen eines Animationsfilms (Studio Seufz) haben Jossi Wieler und Sergio Morabito Norina, Don Pasquales Neffen und ihn selbst als überlebensgroßen Schatten auf die Leinwand gebannt. Don Pasquale enterbt schließlich seinen Neffen, weil dieser eine dem Onkel nicht genehme Frau heiraten möchte. Zu allem Unglück gerät er noch in die Fänge eines zwielichtigen Therapeuten und dessen skrupelloser Komplizin. Der Strudel der Gewalt endet in Szenen aus dem Tollhaus. Doktor Malatesta umgarnt den naiven Don Pasquale und verleitet ihn dazu, seine angebliche Schwester Sofronia zu heiraten, die jedoch in Wahrheit Norina ist, die mit Don Pasquales Neffen Ernesto eine Liebesbeziehung hat. Der aufgebrachte Don Pasquale will die Ehebrecherin im Garten mit ihrem Geliebten verhaften lassen, doch dies zerschlägt sich, weil man keinen Skandal will. Schließlich können Malatesta und Malatestas Cousin Carlotto Don Pasquale dazu bringen, seinen Neffen als Universalerben einzusetzen und ihm die Ehe mit Norina zu gestatten. Don Pasquale ist zuletzt psychisch und finanziell ruiniert. Und er muss sich von der gesamten Gesellschaft vorhalten lassen, dass der dumm sei, der sich in hohem Alter eine Frau nehme.


Andre Morsch, Ioan Hotea, Ana Durlovski. Copyright: Martin Sigmund

Für Enzo Capuano ist die Darstellung Don Pasquales eine absolute Glanzrolle, er ist in der Lage, seine wandlungsfähige Bass-Stimme mit Witz und Esprit zu würzen. Andre Morsch steht ihm als verschlagener Doktor Malatesta kaum nach, dessen Bariton durchaus Klangfarbenreichtum besitzt. Ioan Hotea als Don Pasquales Neffe Ernesto besticht mit dem betont hellen und leuchtkräftigen Timbre seines strahlkräftigen Tenors, dessen dynamische Steigerungen immer wieder beachtlich sind. Er schlüpft sogar in die Rolle eines Indianers und reizt seinen Onkel damit bis zur Weißglut. Und Ana Durlovski vermag ihren mit Arabesken und Girlanden verzierten Kantilenen wiederholt glockenhelle Spitzentöne zu entlocken. Ob diese Rolle allerdings eine Idealbesetzung für sie ist, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Doch sicher wird ihre Stimme noch daran reifen. Der fulminante Bassist Marko Spehar schließlich überzeugt als Carlotto mit markanten Nuancen.

Der umsichtige Dirigent Giuliano Carella vermag mit dem feinnervig musizierenden Staatsorchester Stuttgart die Verflechtung des italienischen Melos mit prickelnden rhythmischen Essenzen gut zu verdeutlichen. Neben Assoziationen zur Opera comique besteht auch eine natürliche Nähe zur Wiener Walzerseligkeit, was auch den Sängern zugute kommt. Das Koloraturenfeuerwerk von Norinas Arie „O diese Glut in Blicken“ zeigt Ana Durlovski einmal mehr als Verfechterin mediterranen Klangzaubers, der die Zuhörer betört. Im zweiten Akt gefällt der sensible Einsatz der Solo-Trompete in c-Moll, die den Sängern gleichsam assistiert. Giuliano Carella gelingt es ebenso, die Legato-Bögen der Streicher einfühlsam hervorzuheben. Neben dem Cello-Solo und den Pizzicato-Einlagen überzeugen die Staccato-Attacken und das an Rossini gemahnende Crescendo. Die überaus kunstvollen chromatischen Verästelungen dieser Musik korrespondieren in betörender Weise mit der Serenade des Schlussbildes „O süße Nacht“ mit Begleitung von Gitarre und baskischer Trommel. Auch der Dienerchor im dritten Akt besitzt dank dem von Christoph Heil zupackend einstudierten Staatsopernchor deutliches Profil. Zuletzt verpasst Norina dem verdutzten Don Pasquale sogar noch eine Ohrfeige. Dies ist in der Stuttgarter Inszenierung ein deutlicher Hinweis, dass Norina einer ganz anderen sozialen Welt entstammt wie der betuchte Unternehmer.


Enzo Capuano, Ana Durlovski. Copyright: Martin Sigmund

Das Staatsorchester Stuttgart spielt diese Ohrfeige unter Giuliano Carella als schmerzhaftes Motiv – und die Orchestermelodie stützt sich auf die abgehackte Rede Don Pasquales. Die Dur-Melodien Norinas stehen natürlich in starkem harmonischen Kontrast zu Don Pasquales Gestammel. Der Generationskonflikt gipfelt bei dieser interessanten Aufführung in rhythmischer Polyphonie. Eine besondere musikalische Situation stellt sich ein, als Don Pasquale nach der Coda erkennen muss, dass er die Kontrolle über die schwierige Situation schon verloren hat. Ana Durlovski kann Norina durchaus triumphale und heroische Töne verleihen, die sich immer weiter zuspitzen. Ihre Kabaletta „Auch ich kenne die Zauberkraft“ besticht mit feinem Timbre, das zuweilen auch noch samtweicher sein könnte. Giuliano Carella unterstreicht als Dirigent mit dem Staatsorchester Stuttgart auch die Bedeutung des von Kritikern oft als blass bezeichneten Ernesto. Leidenschaftliche gesangliche Momente spielen dabei eine große Rolle, Ioan Hotea wird hier von den Streichern problemlos getragen. Dies zeigt ebenso das sorgfältig herausgearbeitete Motiv von Ernestos Serenade im Cello bei der Ouvertüre, die mit geradezu sphärenhafter Leichtigkeit musiziert wird. Die Struktur der beiden Hauptmotive tritt klar und deutlich hervor.

Jubel und stürmischer Applaus für alle.    

Alexander Walther

 

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