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STUTTGART/Staatsoper: DER TOD IN VENEDIG von Benjamin Britten

Weltuntergang mit Harfe

30.06.2018 | Allgemein, Oper

Szenenbild aus "Tod in Venedig" an der Oper Stuttgart | Bildquelle: © Oper Stuttgart
Copyright: Staatsoper Stuttgart

Benjamin Brittens Oper „Der Tod in Venedig“ am 29. Juni 2018 in der Staatsoper/STUTTGART

WELTUNTERGANG MIT HARFE
 
Zusammen mit dem Stuttgarter Ballett wurde diese Produktion nach der Erzählung von Thomas Mann in der Regie und Choreographie von Demis Volpi (Bühne und Kostüme: Katharina Schlipf) entwickelt. Der Regisseur hat die Absicht, den Brustkorb des erfolgreichen Schriftstellers Gustav von Aschenbach zu öffnen. Auf der weiträumigen Bühne sieht man endlose Bücherberge, die die Protagonisten hinter zahlreichen Trennungswänden fast erschlagen. Im Hintergrund erkennt man plötzlich ein Sternenmeer. Man begreift, dass die Venedig-Reise des Schriftstellers zum Weltuntergang wird. Und so wird es auch inszeniert. Auf dem Schiff nach Venedig ist Aschenbach vom ordinären Treiben der Gäste schockiert. Ein Gondoliere rudert den desorientierten Schriftsteller gegen dessen Willen an den Zielort Lido. Unter den Hotelgästen fällt ihm sofort der polnische Junge Tadzio auf, dem er verfällt. Aschenbach ringt im Angesicht des Gottes Apollon mit der qualvollen Erkenntnis seiner Liebe. Man sieht plötzlich goldene Vorhänge und den vergoldeten Gott Apollon selbst auf den Blüten einer riesigen Rose. Ein faszinierendes Bild. Vulgäre Schausteller treiben Gustav von Aschenbach fast zur Verzweiflung. Hinzu kommt, dass in Venedig die Cholera wütet. Apollon unterliegt als Gott des Maßes schließlich Dionysos als Gott des Rausches. Diese traumatische Verwandlung ist in der suggestiven Inszenierung von Demis Volpi von geradezu gewalttätiger Wirkung. Der Schriftsteller geht daran zugrunde. Er stirbt an der Seuche, während der einsam aufs Meer zuschreitende Tadzio ihm zuwinkt.

Unter der facettenreichen Leitung von Marco Comin musiziert das Staatsorchester Stuttgart an diesem Abend voller Emotionen. Bei den vom Klavier begleiteten rezitativischen Monologen begeistert Matthias Klink als emotionaler Tenor in der Darstellung Gustav von Aschenbachs aufgrund der bestens herausgearbeiteten Vielschichtigkeit seiner Partie. Der Klangfarbenreichtum der Kantilenen lässt nicht nach. Das stimmungsvoll-atmosphärische Moment kommt bei dieser harmonisch differenzierten Wiedergabe ebenfalls nicht zu kurz. Insbesondere die leitmotivischen Verknüpfungen von Tadzios Motiv (Vibraphon) arbeitet Marco Comin als Dirigent eindringlich heraus. Auch die seelische Aufgewühltheit der „Venedig“-Ouvertüre sticht hier deutlich hervor. Ein satter Streicherklang begleitet immer wieder fast euphorisch die einzelnen Szenen, wobei der von Christoph Heil hervorragend einstudierte Staatsopernchor zuletzt mit grandioser klanglicher Opulenz auffällt.

Die Ballettszenen korrespondieren mit der musikalischen Entwicklung in eindrucksvoller Weise. In geradezu hymnischer Art preist der Hotelmanager die Vorzüge Venedigs an. Zusammen mit dem „Aussichtsmotiv“ erklingen die optischen Eindrücke des Meeres beeindruckend. Regelmäßig heranrollende Wellen werden von herabsinkenden Terzen verdeutlicht. Aschenbachs Sokrates-Monolog erhält aufgrund der grandiosen Gestaltung von Matthias Klink ein besonderes Gewicht. Die Erkenntnis, dass Schönheit zwangsläufig in den Abgrund führt, bekommt hier eine ungeheure harmonische Macht, deren chromatische und kontrapunktische Spitzfindigkeiten sich nicht bändigen lassen. Erinnerungen an Brittens Oper „Peter Grimes“ bleiben spürbar. Manches erinnert auch an eine Passacaglia – Themen aus dieser Oper hat Britten übrigens in seinem dritten Streichquartett verarbeitet. Die Harfe verdeutlicht zwischen Nebelschwaden immer wieder geheimnisvoll die morbide Untergangsstimmung dieser Oper. Klarinettentriller unterstreichen die gespenstischen Momente. Klangliche Feinheiten offenbaren sich auch bei den anderen Sängern – allen voran bei dem versierten Bariton Georg Nigl (Reisender, ältlicher Geck, alter Gondoliere, Hotelmanager, Coiffeur des Hauses, Anführer der Straßensänger, Dionysos). In weiteren Rollen überzeugen William Towers als Stimme des Apollon, Matteo Miccini als Apollon, Daniel Kluge als Hotelportier, Tommaso Hahn-Fuger als Bootsmann, Michael Wilmering als Hotelkellner, Restaurantkellner und Erdbeerverkäuferin, Aoife Gibney als Straßensängerin, Kai Kluge als Glasbläser und Straßensänger, Ronan Collett als englischer Angestellter im Reisebüro, Padraic Rowan als Fremdenführer in Venedig und Fiorella Hincapie als Bettlerin. Ferner gefallen in weiteren Rollen Catriona Smith als Spitzenverkäuferin, Anna Matyuschenko als Zeitungsverkäuferin, Elena Müller als französisches Mädchen, Alicia Garcia Torronteras als die polnische Mutter und vor allem der überaus gelenkige und wandlungsfähige Mexikaner und Tänzer Jose Angel Vizcaino als ihr Sohn Tadzio. Außerdem sind noch Aleyna Pordzik und Dilayla Pordzik als ihre beiden Töchter, Milivoje Andrejevic als Jaschiu, Yago Guera, Luke Karle, Flavio Paciscopi, Viktor Riethmüller, Paolo Terranova und King Hei Wong als Kinder zu erwähnen. Traum und Trieb verwandeln sich bei dieser eindrucksvollen Produktion zu einer ungeheuren Apotheose, für die es zu Recht Ovationen gab. Die Crescendo-Steigerung von Chor und Orchester mit den schockartigen Staccato-Attacken des Schlagzeugs am Schluss kann man nicht vergessen. Matthias Klink wurde für diese Rolle als „Sänger des Jahres“ ausgezeichnet.

Alexander Walther

 

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