Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/ Staatsoper: „DEATH IN VENICE“ – Fortsetzung der Reise ins Innere

26.05.2017 | Oper

Stuttgart: „DEATH IN VENICE“ 25.5.2017 – Fortsetzung der Reise ins Innere

DSC_5816
Apollon mit Zwischentönen: Marti Fernandez Paixa (mit dem Staatsopernchor). Copyright: Oper Stuttgart
 

Die überaus fruchtbare Zusammenarbeit der Oper Stuttgart mit dem Stuttgarter Ballett bei der nachgeholten Erstaufführung von Benjamin Brittens Opernabschiedswerk an diesem Haus scheint sich schnell herum gesprochen zu haben – bald nach der umjubelten Premiere am 7. Mai waren alle weiteren Vorstellungen bis zur Sommerpause fast ausverkauft. Bei einer Rarität ist das nicht selbstverständlich. Der durch Thomas Manns Novelle und noch mehr durch Luchino Viscontis Verfilmung weltberühmt gewordene Stoff mag sicher auch zu diesem großen Interesse beitragen, doch so mancher Besucher wird sich mit der offenen Erzählweise in Kombination mit der kompliziert strukturierten Musik des Komponisten jenseits von melodischer Gefälligkeit schwer tun. Letztlich spricht Qualität spricht für sich, und eine psychologische Studie, wie sie Matthias Klink als Schriftsteller Gustav von Aschenbach zweieinhalb Stunden lang in beängstigender Rollen-Identifikation unter Ausschöpfung eines  bewundernswert reichhaltigen künstlerischen Potenzials aus Gesang, Rezitation und Darstellung durchlebt, vermag sicher auch über Abneigungen gewisser Details hinweg zu überzeugen und fesseln. Einerseits die bis in die feinste Nuance vordringende Auslotung eines umfangreichen und schwierigen Textes in klar und sehr idiomatisch artikuliertem British English, andererseits die parallel dazu umso mehr fordernde körperliche, bis hin zu tänzerischen Grundformen reichende Gestaltung – diese herausragende Leistung verdient ebenso wie die seines in allen Belangen gleichwertigen Gegenspielers Georg Nigl, des gesamten so dicht zusammen wirkenden Ensemble aus vielen Kleinrollen bis hin zur geballten Chormasse und des unter Kirill Karabits wiederum sehr präzise und intensiv musizierenden Staatsorchesters Stuttgart noch weitere Male gewürdigt zu werden. Neu war in dieser Vorstellung nur das tänzerische Personal, d.h. die Jungen und Mädchen der John Cranko-Schule, Alicia Garcia Torronteras als polnische Mutter sowie die beiden wichtigen, Aschenbachs Symbolträger verkörpernden Hauptpartien. Marti Fernandez Paixa, der ab der neuen Saison zum Solisten des Stuttgarter Balletts aufsteigt, entspricht in seiner puren Gestalt, Körperbau wie auch Haltung, nicht so ganz der Erscheinung des Gottes Apollon, wie ihn sein Premierenkollege aufweist. Seine sich zu skulpturellen Posen verdichtenden klassischen Demonstrationen wirken deshalb nicht so majestätisch erhaben. Stattdessen vermag der Spanier typbedingt mehr Ausstrahlung, mehr Farben und Zwischentöne in die Verkörperung des Prinzips von Formvollendung einzubringen. Die Erstbesetzung von Aschenbachs auslösendem Objekt seines homosexuellen Eingeständnisses, des polnischen Jungen Tadzio war so ideal in jeglicher Beziehung, dass es jeder Nachfolger schwer hat. Riccardo Ferlito ist in der Gesamtheit aller Parameter durchaus achtbar, kann jedoch weder an Charisma noch an tänzerischer Grazie und Anmut mithalten.

Vor dem Hintergrund seiner jetzt bekannt gegebenen und  viel Kopfschütteln und Unverständnis auslösenden Entlassung als Hauschoreograph gehört die Inszenierung von Demis Volpi in ihrer spielerisch leicht balancierten Verquickung von Regie und Choreographie in der phantasievoll Metaphern Venedigs einfangenden Ausstattung von Katharina Schlipf umso mehr ein weiteres Mal lobend hervor gehoben. So wie Britten in seiner Partitur viele Querverweise und Bezüge geschaffen hat, greift sie Volpi in einer dichten Personenführung auf und entwickelt sie geistreich, aber nie aufgesetzt und in Fingerzeige-Manier weiter. Die Erzählkraft des Argentiniers dürfte Stuttgart bei aller gegensätzlichen Einschätzung seiner choreographischen Fähigkeiten künftig schwer vermissen.

                                                                                                         
Udo Klebes

 

Diese Seite drucken