Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/ Staatsoper: DAS LIED VON DER ERDE von Mahler sowie Elfriede Jelineks DIE BIENENKÖNIGE

Eindrucksvolle Kombination

28.10.2020 | Oper international


Thomas Blondelle. Foto: Matthias Baus

„Das Lied von der Erde“ von Mahler und Elfriede Jelineks „Die Bienenkönige“ in der Staatsoper Stuttgart am 27.10.2020

Eindrucksvolle Kombination

 Kritik übt Elfriede Jelinek in ihrem Text „Die Bienenkönige“ an patriarchalen und ausbeuterischen Mechanismen. Die Gesellschaft der Bienenkönige erstickt schließlich daran, denn sie gebiert zunächst nur männliche Nachkommen. Bei der Geburt einer weiblichen Bienenkönigin sterben die männlichen Bienenkönige. Diesem düsteren Science-fiction-Poem stellt man hier suggestive Kompositionen von Abschied und Endlichkeit gegenüber. Die Lieder von Gustav Mahlers sinfonischem Zyklus „Das Lied von der Erde“ werden durch die Gesangssolisten Simone Schneider (Sopran), Evelyn Herlitzius (Sopran), Thomas Blondelle (Tenor) und Martin Gantner (Bariton) ausdrucksvoll dargestellt und gesungen. Katja Bürkle übernimmt den Text von Elfriede Jelineks „Die Bienenkönige“, wo die Suche nach dem Weg der Apokalypse auch das Wesen von Approxima Delta in „Die Bienenkönige“ umtreibt. Die Ausbeutung von Schwächeren soll hier drastisch dargestellt werden. In der Regie von David Hermann wird die runde Bühne von Jo Schramm zu einem sich ständig drehenden Rondell. Stillstand und hochtechnisierte Zivilisation machen dabei den Protagonisten zu schaffen. Musikalisch ist die Aufführung mit dem Staatsorchester Stuttgart unter der akribischen Leitung von Cornelius Meister wie aus einem Guss. Zu altchinesischen Gedichten in der Übersetzung von Hans Bethge („Die Chinesische Flöte“) schrieb Mahler diese Komposition und vollendete sie im Jahre 1908. Auch in der Kammerorchesterfassung von Arnold Schönberg (die Rainer Riehn vollendete) bleibt die große Überzeugungskraft dieses Meisterwerks erhalten. Abschied in der Stunde des Erkennens und Sterben in Schönheit werden in David Hermanns subtiler Inszenierung sehr deutlich. In der Herbstsonne ist der Einsame hier auf sich gestellt. Riesige Stäbe beleuchten das großräumige Ambiente in den unterschiedlichsten Farben und Formen, die in der Musik Mahlers ihre seltsam melancholische Entsprechung finden.


Evelyn Herlitzius. Foto: Matthias Baus

Eine wichtige Funktion übernehmen außerdem die ungewöhnlichen Kostüme von Claudia Irro und Bettina Werner. Dabei spielt Plastik eine große Rolle. Es sollen ganz bewusst Materialien verwendet werden, die eine Naturkatastrophe überdauert haben könnten. Damit wird auf das Schicksal der Bienenkönige direkt hingewiesen. Hitzeschutzkleidung für die Arbeit am Hochofen gehört ebenso dazu wie Jogginghosen und Polyesterblusen. Die Kostüme werden mit Resten von Plastiksäcken aus dem Bühnenbild ergänzt. Mahler hat diese weltschmerzliche Stimmung in aller Zurückhaltung eingefangen, was der Dirigent Cornelius Meister mit dem Staatsorchester Stuttgart überzeugend herausarbeitet. Melodik, Harmonik und Klang werden auch von den vier Gesangssolisten in ausgezeichneter Weise erfasst. Nie verdeckt hier das fernöstliche Kolorit das bewegende menschliche Anliegen. In drei Strophen erklingt das „Trinklied vom Jammer der Erde“ in a-Moll mit dem Refrain „Dunkel ist das Lieben, ist der Tod“. Eine wilde Lebensgier lodert in dieser Melodie auf, die Cornelius Meister mit den Sängern facettenreich betont. Die lyrische Linie wird hier prägnant von der grimmigen Verzweiflung eines Enttäuschten gekreuzt. Selbstbetäubung folgt dem Wissen um die Eitelkeit des Daseins. Gerade auch die Sopranistin Simone Schneider erfüllt dabei ihre Kantilenen zusammen mit dem strahlkräftigen Tenor Thomas Blondelle mit voluminöser Klarheit. In müder Ausweglosigkeit agiert ebenso Evelyn Herlitzius beim Lied vom „Einsamen im Herbst“ in d-Moll. Ihre Stimme besitzt vor allem in der tiefen Lage eine bewegende Intensität. Trist und seufzend klagt es zu Beginn. Das verlorene Glück der Liebe steht bei den männlichen Gesangssolisten Thomas Blondelle und Martin Gantner im Zentrum des Geschehens. Das Lied „Von der Jugend“ in B-Dur wird hier zu einem bezaubernden Pastellbild, der sich „in dem kleinen Teiche“ spiegelt, der auch bei David Hermanns Inszenierung deutlich zu sehen ist. Beim Lied „Von der Schönheit“ in G-Dur scheint plötzlich die Sonne aufzugehen. Bei Mahler singt hier eigentlich die Altstimme von den jungen Mädchen, die am Uferrande Lotosblumen pflücken – und man meint, ihr Lachen und Gespräch zu hören. David Hermanns Inszenierung deutet diesen Gedanken allerdings nur an. Zu Marschklängen „tummeln sich schöne Knaben…auf mut’gen Rossen“. Den Ton sehnender Erregung, der sich hier plötzlich einstellt, betont Cornelius Meister mit dem Staatsorchester Stuttgart sehr gut. Als ob es der Wind verweht hätte, ist das Bild plötzlich verschwunden. Der Tenor singt in seligem Rausch vom „Trunkenen im Frühling“ in A-Dur. Abschied und Verzicht fesseln beim dunklen Schluss-Satz „Der Abschied“ mit seinem eindringlichen Wechsel von c-Moll nach C-Dur, wo Katja Bürkle als schwarzer Todesengel auftritt. Diese Szene ist überhaupt am besten gelungen, Musik und Szene verschmelzen zur Einheit. Dichte Abendschatten senken sich lastend aufs Gemüt. Die ergreifende Seelenstimmung des auf sich selbst gestellten Einzelnen spiegelt sich geradezu gespenstisch im Naturbild. Dem Sinnenden war „auf dieser Welt das Glück nicht hold“. Schmerzlos und still erfolgt die Ablösung von allem Diesseitigen – ein Moment, den Cornelius Meister mit dem Staatsorchester Stuttgart und den Gesangssolisten hervorragend erfasst. Wie in sphärenhafte Fernen entschwinden dabei die Melodien. Am Ende folgt ein schmerzlich-versöhnlicher Ausklang, den alle vier Gesangssolisten gemeinsam anstimmen: „Ewig, ewig!“ Das ist bei dieser Inszenierung ein wunderbar ergreifender Augenblick. Auch wenn die szenische Umsetzung nicht immer geglückt ist, kommt der tiefe Gehalt von Mahlers „Lied von der Erde“ dennoch plastisch zur Geltung. Eine unheimlich flimmernde Rundkugel senkt sich bei dieser letzten Szene herab und scheint eine Antwort auf die klingenden Fragen dieser Musik zu geben. Es ist wohl die Erde, die zum letzten Mal ihre strahlende Leuchtkraft zeigt.

Starker Schlussapplaus, „Bravo“-Rufe. 

Alexander Walther

 

Diese Seite drucken