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STUTTGART/ Staatsoper: CARMEN – von grotesken Clowns begleitet. Wiederaufnahme

22.02.2016 | Oper

Georges Bizets „Carmen“ in der Staatsoper Stuttgart

VON GROTESKEN CLOWNS BEGLEITET

Bizets „Carmen“ am 21. Februar 2016 in der Staatsoper/STUTTGART

ca
Copyright: Staatsoper Stuttgart/Schaefer

Don Jose lebt bei dieser Inszenierung im Müll und ist ein verwahrloster Soldat. Regisseur Sebastian Nübling lässt diese seltsame Geschichte in Männerköpfen spielen. Männliche Gewalt spielt eine große Rolle. Diese Besitzansprüche lassen sich erst durch den Tod verwirklichen, lebend entzieht sich die Frau dieser Vereinnahmung. Carmen wird hier zum Gegenpol – sie unterwirft sich nicht, lebt kompromisslos ihre Freiheit. Sie ist keine Teufelin, sondern ein Opfer. „Die Liebe ist ein rebellischer Vogel“ singt Carmen in ihrer Habanera und verdreht dem Leutnant Don Jose den Kopf. Der stürzt sich mit ihr in eine Affäre. Als er schließlich begreifen muss, dass er sie nie besitzen kann, bringt er sie um. Daran kann auch Micaela nichts ändern, die ihn vergeblich für sich zu gewinnen sucht. Da Carmen eine Beziehung zu dem Stierkämpfer Escamillo hat, muss sie sterben.

Nicht spanisch und ethnologisch inszeniert Sebastian Nübling (Bühne und Kostüme: Muriel Gerstner) hier Bizets Oper „Carmen“, sondern als wildes Kammerspiel voll gewaltbereiter Erotik und Leidenschaft. Showgirls bevölkern zwischendurch das Bühnenbild, das reduziert ist und ein suggestives TV-Auge zeigt. Die Figuren werden von grotesken Clowns begleitet. Man sieht Tische, Stühle, Stehlampen und einen wie eine Jalousie herunterhängenden Vorhang im Hintergrund, der sich nur schwer heben lässt. Pantomimische Gebärden und alptraumhafte Szenen halten sich die Waage. Und immer wieder sorgen die Clowns als skurrile Spaßmacher für Verwirrung. Carmen wird gleich zu Beginn getötet, steht dann wieder auf und macht Don Jose verrückt, der schließlich an seiner Potenz zweifelt. Das alles stellt Sebastian Nübling trotz szenischer Schwächen eindringlich heraus.

In dieser Inszenierung dreht die immer wiederkehrende „Carmen“ an der psychologischen Schraube der Heimsuchung. Diese manische Obsession steigert sich immer deutlicher. Der Spielraum ist hier die Wohnung des Jose, die einen Ausstellungsraum darstellt. Der rebellische Geist und der tote Körper Carmens werden dort gefangen gehalten. Außer wenigen kleinen Strichen wird die ganze Musik Bizets gespielt. Man sieht einen gefesselten Don Jose, aber auch Carmen wird gefesselt und total überwacht. Bei der Schluss-Szene sitzt Don Jose mit Micaela scheinbar entspannt auf der Bank. Als er sich Carmen in einer letzten Auseinandersetzung nähert, fällt diese plötzlich tot zu Boden.

Musikalisch ist diese Vorstellung auf jeden Fall eine sehr positive Überraschung. Das liegt vor allem am Dirigenten Marc Soustrot, der die explosiven Momente der Stierkampfarena mit dem Staatsorchester Stuttgart glänzend einfängt. Formsinn und Klarheit dieser Musik werden ausdrucksvoll getroffen. Glühende und zarte Klangzerlegungen folgen unmittelbar aufeinander und halten die harmonische Bewegung in einem unaufhörlichen Fluss. Ungebrochene Kraft der melodischen Erfindung überträgt sich auf die Sänger – allen voran die weich timbrierte und wunderbar strahlkräftige Carmen von Anaik Morel. Erin Caves vermag Don Jose eine durchaus heldenhafte Aura zu verleihen – trotz einer uneinheitlichen Höhenlage. Kraftvoll-kernig gestaltet Gezim Myshketa den robusten Stierkämpfer Escamillo, der sich ebenfalls nach Carmen verzehrt.

Marc Soustrot kann die rasante Kraft der Stimmung in der Stierkampfarena aufwühlend nachzeichnen. Hervorragend ist der Staatsopernchor und Kinderchor von Christoph Heil einstudiert worden. So entfalten sich der Chor der Soldaten, der Chor der jungen Liebhaber und der Chor der Fabrikarbeiterinnen mit unbändiger gesanglicher Kraft und Klangzauber. Das Milieu der sozialen und moralischen Halbwelt könnte dabei auch rein musikalisch noch drastischer herausgearbeitet werden.

Die allgemein menschlichen Effekte werden auch von den anderen Sängerinnen und Sängern exzellent verdeutlicht – allen voran Mandy Fredrich als mit ergreifender gesanglicher Linienführung agierende Micaela, Josefin Feiler als Frasquita und Maria Theresa Ullrich als Mercedes. Feine klangliche Differenzierungen bringen David Steffens als Zuniga, Ashley David Prewett als Morales, Dominik Große als Dancairo sowie Ian Jose Ramirez als Remendado zum Vorschein. Der Schauspieler Luis Hergon mimt die virtuose Rolle des stummen grünen Clowns. Micaela steht hier deutlich für die heimatliche und mütterliche Welt des Don Jose. Escamillo hingegen ist eine Freibeuternatur wie die mondäne Zigeunerin selbst. Für Nietzsche war dieses Werk seine große Abrechnung mit Wagner, der schmerzliche Widerruf seiner großen Liebe. Aber Marc Soustrot dirigiert diese Musik durchaus wie ein Gesamtkunstwerk aus einem Guss, so dass man diesen historischen Hintergrund völlig vergisst. Leichtigkeit, emotionale Distanz und natürlicher Charme werden in ausgezeichneter Weise getroffen. Das elegant Federnde der französischen Musiksprache scheinen diesem Dirigenten sogar besonders zu liegen. Glänzend blitzen Kaskaden und Arabesken auf. Dies zeigt sich im gefühlvollen Romanzenton beim Duett zwischen Micaela und Don Jose oder der bewegenden Micaela-Arie. Auch das leichtfüßige „Räuber-Staccato“ des Schmuggler-Sextetts und die Freiheit in der souveränen Wahl der Stilebenen ragen heraus. Der Realismus herrscht vor. Das geträumte Liebesduett von Carmen und Don Jose wird abgelöst von einem zweiten, das endgültig die Wahrheit der unmöglichen Liebe zeigt. Bezaubernder Wohllaut und gefühlvoller Überschwang werden von Anaik Morel und Erin Caves immer wieder eindrucksvoll getroffen. Carmen und Escamillo zeigt Sebastain Nübling dann aber packend in ihrer brutalen Banalität. Der „Gassenbuben-Marsch“ vereint sowohl Zauber der Poesie als auch Leichtigkeit der Ironie. Federnde Kraft der Rhythmik und spielerische Schönheit der Melodien beflügeln zudem die Sängerinnen und Sänger, die sich im frenetischen Schlussjubel des Publikums geradezu sonnen durften (szenische Leitung der Wiederaufnahme: Magdalena Fuchsberger; Mitarbeit Kostüme: Eva Butzkies; Video: Gabriele Vöhringer).

Alexander Walther         

 

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