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STUTTGART/ Staatsoper: ACTUS TRAGICUS mit Kantaten von Johann Sebastian Bach

Meereswogen und Gleichnisse

30.03.2018 | Oper


Copyright: A.T.Schaefer

Staatsoper Stuttgart: „Actus tragicus“ mit Kantaten Johann Sebastian Bachs am 29. März 2018 als Wiederaufnahme

MEERESWOGEN UND GLEICHNISSE

 Leben und Tod stehen in dieser szenischen Arbeit des 2002 verstorbenen Regisseurs Herbert Wernicke im Mittelpunkt. Die sechs Bachkantaten „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“ (BWV 178), „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende“ (BWV 27), „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe“ (BWV 25), „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“ (BWV 26), „Sieh zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei“ (BWV 179) und „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit, der sogenannte „Actus tragicus“, (BWV 106) werden auf kunstvolle Weise miteinander verbunden, wobei der Cantus firmus immer wieder hervorsticht. Auch der Tod erscheint persönlich. Unter dem aufgeschnittenen Mehrfamilienhaus liegt ein toter Christus, der das Bild hier in geheimnisvoller Weise fast zum Altar formt. Die Szene ist dem Gemälde „Der Leichnam im Grabe“ von Hans Holbein dem Jüngeren nachempfunden. Eitelkeit und Sterbekunst stehen dabei nebeneinander, man sieht ein Liebespaar, einen Selbstmörder, Geschäftsleute. Es ergeben sich immer wieder merkwürdige Familienszenen, man vernimmt Meereswogen und in Gleichnissen dahinrasende Blockflöten.

Gleich zu Beginn erscheint die Handlung ohne Musik, dann erst setzt das Orchester ein. Die Distanz der Figuren zu den Kantatentexten wird vom Staatsorchester Stuttgart unter der konzentrierten Leitung von Ilan Volkov minuziös herausgearbeitet. Versöhnlicher Chorsatz und Weltgetümmel ergänzen sich so in bemerkenswerter Weise. Die Leere einer entzauberten Welt wird hier beschworen, man spürt bei dieser Inszenierung auch deutlich Wernickes Vorliebe für Allegorie, Barock, Melancholie und Altes Testament. Protestantische Askese verbindet sich so mit katholischer Theatermagie. Davon leben auch die gut aufeinander abgestimmten Sängerinnen und Sänger Josefin Feiler (Sopran I) als Frau mit den roten Schuhen, Heike Beckmann (Sopran II) als Barmherzige, Johannes Rempp (Sopran III) als der Junge mit dem Ball, Kai Wessel (Alt I) als die Wäschefrau, Cristina Otey (Alt II) als die Frau mit den Büchern, Martin Petzold (Tenor I) als Raumvermesser, Michael Nowak (Tenor II) als Mann mit der Uhr, Shigeo Ishino (Bass I) als der Kranke, Daniel Henriks (Bass II) als der Blinde und der fulminante Kammermusiker Philipp Körner.

Vor allem der von Johannes Knecht kompakt einstudierte Staatsopernchor leistet Vorbildliches. Die letzte der sechs Kantaten beeindruckt als „Actus tragicus“ am meisten. Die letzten Dingen werden hier in tiefsinniger Weise hinterfragt. Und die Musik wird integral gespielt bis zum „Gloria“, wo beim „Amen“ die Macht Jesu Christi intensiv beschworen wird. Aus der Anfangsmottete wird der Chor kraftvoll wiederholt: „Es ist der alte Bund, Mensch, Du musst sterben.“ Man spürt bei dieser Inszenierung, wie sehr Johann Sebastian Bach im Zentrum von Herbert Wernickes Denken stand.

Ein riesiges Puppenhaus steht so auf der Bühne des Theaters. Zwanzig Zimmer werden von 53 Bach singenden Menschen bewohnt. Nachdem die Szene mit einem stummen Vorspiel begonnen hat, bügelt oben eine Frau, schauen rechts zwei Bewohner Fernsehen, kauert ein Obdachloser im Treppenhaus, versucht ein Selbstmörder sich aufzuhängen, löffelt eine Familie Suppe, schmückt sich eine Schöne vor dem Spiegel. Es wird aber auch Weihnachten gefeiert. Alles geschieht hier zur gleichen Zeit. Die Leiche im Keller wurde allerdings vergessen. Das hallt in der Musik irgendwie nach. Die überwältigende Gottesverkündigung offenbart sich auch in den Fugen. Man spürt aber immer wieder auch die ungeheuren Seelenkämpfe des echten Protestanten. Und der Glaube wird harmonisch mit mystischer Tiefe beschworen. Wie stark Bach am Ausklang des Barock noch einmal alles, was ihm die versinkende Epoche zutrug, gesichtet hat, zeigt auch diese sehenswerte Inszenierung Herbert Wernickes (szenische Leitung der Wiederaufnahme: Nina Dudek; Mitarbeit Kostüme: Eva-Mareike Uhlig; Dramaturgie: Albrecht Puhlmann). Sinnlichkeit, Kunst, Natur und Geist treffen so zielsicher aufeinander. Sprühendes Konzertieren, realistische Tonmalerei und die Skala zwischen Schmerz und Freude werden vom Dirigenten Ilan Volkov mit dem Staatsorchester Stuttgart einfühlsam ausgekostet. Die Frage nach den letzten Dingen erhält so einen ganz neuen Sinn. Thematisch ergeben sich eindrucksvolle Gemeinplätze der Musiksprache. Denn der alte Bach richtete seinen Blick nach innen, in die Tiefe. Davon erzählt auch diese Inszenierung. Gleichzeitig wird bei Herbert Wernicke auch immer wieder die Lebensentfremdung des modernen Menschen in erschütternder Weise thematisiert. Daran ändern die eitlen Koloraturen des Tenors nichts. Zu erwähnen sind bei dieser Wiedergabe noch die Continuo-Solisten Johannes Vogt, Andreas Nachtsheim (Laute), Franziska Finckh, Helene Godefroy (Gambe), Michael Groß (Violoncello), Johannes Fiedler (Cembalo) und Stephen Hess (Orgelpositiv). Diese 2001 mit dem Bayerischen Theaterpreis ausgezeichnete Aufführung zeigt Bachs Reich zwar von dieser Welt, doch die Menschen sind eingesperrt und beschwören die immergleichen Rituale.

Große Publikumszustimmung, „Bravo“-Rufe.

Alexander Walther

 

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