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STUTTGART: SILVESTERGALA DES STUTTGARTER BALLETTS – Abschied von Maijn Rademaker

01.01.2015 | Allgemein, Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett „SILVESTER-GALA“ 31.12. 2014– Feierlaune und Abschied von Marijn Rademaker

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sSrahlend leicht beherrschte Klassik: Elisa Badenes und Daniel Camargo in „Hommage à Bolshoi“. Copyright: Stuttgarter Ballett

 Soviel vorab:  der choreographische Strauss, den Reid Anderson und sein Team für diese Jahres-Abschluss-Gala gebunden hatten, war nach bewährter Stuttgarter Manier ein Querschnitt durch eine Vielfalt choreographischer Handschriften mit einem für klassisch geprägte Compagnien außergewöhnlich großen Anteil moderner Formen. Und es war ebenfalls ganz „Stuttgarter Art“ mit den eigenen Leuten so viel Hochkarätiges bieten zu können, dass zwei Gäste vollkommen genügten. Wer jedoch eine feine Antenne für die unterschiedlichen Stufen von Publikums-Echos hat, dem konnte nicht entgehen, dass die hochwertige Kost dieses Abends wohl nicht so ganz den überwiegenden Erwartungshaltungen an ein unterhaltsames Silvester-Programm entsprach, kurz gesagt: der Enthusiasmus, der den TänzerInnen sonst oft entgegengebracht wird, hielt sich sehr in Grenzen und entlud sich erst im dritten Teil beim großen Pas de deux aus „DON QUIJOTE“, wo Elisa Badenes und Daniel Camargo ein Feuerwerk an energiegeladenen Sprüngen, exakten unendlichen Pirouetten und Drehungen, gekrönt von reibungslos in die Linie integrierten Fisch-und Hebefiguren abbrannten, gewürzt durch den erforderlichen Mix aus Stolz und Temperament in Haltung, Gestik und Blicken, das auch den Müdesten aus seiner Lethargie reißen musste. Von solchen Virtuositäts-Knallern hätten  also wohl viele an diesem Abend noch mehr gesehen – und so viel sei angemerkt – sicher wäre das eine oder andere heitere oder zumindest schmissigere Werk der Silvester-Laune mehr entgegen gekommen. Beim Cranko-Pas de deux „HOMMAGE À BOLSHOI“, mit dem die beiden gefeierten Jung-Stars den Abend eröffneten, reichte ihr in kaum weniger funkelndem Glanz serviertes Zelebrieren russischer Ballettkunst mit kühnen einarmigen Hebungen merkwürdigerweise noch nicht aus, um das Publikum aus der winterlichen Kälte aufzutauen.

Hans van Manen erwies den Stuttgartern wieder einmal die Ehre der Überlassung eines Stückes und die Möglichkeit, ihn auf der Bühne dafür zu würdigen. Das vor knapp 3 Jahren uraufgeführte „ VARIATIONS FOR TWO COUPLES“ ist trotz der Altersreife handwerklicher Verschmelzung von Choreographie, Bühne, Kostümen, Licht und Musik ein jung wirkendes Stück an Paar-Beobachtungen. Streicher-Kompositionen unterschiedlichster Couleur bieten den idealen Faden, mit dem der holländische Meister-Choreograph auf ganz schlichte, aufs Wesentliche konzentrierte, etwas kühl analytische Art mit dennoch viel Herzschlag menschlichenVerhaltensweisen nachspürt. Alicia Amatriain und Constantine Allen bzw. Anna Osadcenko und Alexander Jones sind die beiden ideal kontrastierenden Paare mit viel Gefühl für neoklassische Formen. Es wäre sinnvoll, auf das von Reid Anderson bei der Begrüßung wieder einmal hingewiesene große van Manen-Repertoire des Stuttgarter Balletts künftig wieder öfter zurück zu greifen.

Das erst genannte Paar brachte den zu Birgit Keils 70. Geburtstag von Hauschoreograph Demis Volpi gewidmeten Pas de deux „AUS IHRER ZEIT“ nach der Uraufführung an Frau Keils Wirkungsstätte Karlsruhe nun auch zur Stuttgarter Erstaufführung und demonstrierte damit wie phantasievoll Volpi auch mit scheinbar unangetastetem klassischem Vokabular umgehen und der einstigen lyrischen Eleganz Keils mit den geeigneten Interpreten Rechnung tragen kann.

Alicia Amatriain konnte ihre Vorzüge zudem noch in Douglas Lees „FANFARE LX“ ausspielen und gemeinsam mit dem athletischen Alexander Jones die verschachtelten und verschlungenen Pfade des unter gleißendem Licht getanzten Stücks, zusätzlich unterstützt durch die diesmal live gespielte Musik von Michael Nyman, förmlich unter Strom stellen.

Gar eine Uraufführung steuerte Itzik Galili bei – in „THE CHAMBERS OF A HEART“ legt er ohne die von ihm gewohnten Power-Effekte zu Beethovens Mondscheinsonate auf sehr einfühlsame Art eine Männerbeziehung offen. Langsames Tasten nach dem anderen, Versuche des gegenseitigen Verstehens und eine eindrücklich im Gedächtnis haftende Verschlingung beider Körper am Ende wurden von Friedemann Vogel und Jason Reilly mit der Ausgeglichenheit zweier erfahrener Tänzer umgesetzt, deren Körper Bände zu sprechen vermögen.

Letzterer ermöglichte auch Katarzyna Kozielskas zwischen Nebelschwaden geheimnisvoll statt findendem „BITE“ in wechselnder Spannungs- und Entspannungshaltung zur furios expressiv mitmischenden Partnerin Anna Osadcenko deutliches Profil.

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 Mitreißende Liebe:  Alina Cojocaru und Friedemann Vogel in „Manon“. Copyright:  Stuttgarter Ballett

 Friedemann Vogel wiederum gab dankenswerterweise auch seinem Stuttgarter Publikum die Gelegenheit, seinen an internationalen Bühnen getanzten Des Grieux in MacMillans „MANON“ zu bewundern, und zwar gemeinsam mit einer der berühmtesten Ballerinen, Alina Cojocaru in der noch unbeschwerten Liebesszene des 1.Aktes. Beide vereinten gleichermaßen stilistische Noblesse und Emotionalität des Augenblicks zu einer mitreißend glückvollen Begegnung.

Eine Stuttgarter Erstaufführung markierte auch ein Pas de deux aus Edward Clugs 2005 entstandenem „RADIO AND JULIET“, den die beiden Slowaken im Ensemble, Miriam Kacerova und Roman Novitzky aus anfänglichen Schattengestalten zu intimer Realität entwickelten, in der sich die Frage stellt ob seine Aufmerksamkeit Juliet oder doch mehr der aus dem Radio dringenden weiblichen Gesangsstimme gilt.

Myriam Simon unterstrich in Demis Volpis Solo „ALLURE“ als Künstlerin, die mit der Behauptung ihres Selbstbewusstseins kämpft, dass mit ihrer seit der Babypause noch verstärkt hervortretenden fraulichen Aura künftig noch einiges an herausfordernden Rollengestaltungen von ihr zu erwarten sein wird.

Kaum hat David Moore in klassischen Partien das erforderliche Profil und eine deutlich gewachsene Persönlichkeit erreicht, begegnet er auch modernen Kreationen mit zielsicherem Instinkt. Im Solo „MOPEY“ trifft er Marco Goeckes die Grundlagen des Balletts neu buchstabierenden und flatterigen Stil so souverän leicht und von innen heraus entwickelt, dass Carl Philip Emanuel Bachs Musik neues Leben gewinnt.

 Abschied von Marijn Rademaker

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Klassiker der Moderne: Marijn Rademaker in „Äffi“. Copyright:  Stuttgarter Ballett

 Noch leichter, authentischer wirkt indes Marijn Rademaker in Goeckes für ihn entworfenem und bereits zum Klassiker gewordenem „ÄFFI“  zu Johnny Cash-Songs. Die zentrale Textstelle „We will meet again, but don’t know…“ wurde an diesem Abend leider zum Gleichnis für den äußerst bedauernswerten Abschied des langjährigen Ersten Solisten und mehrfachen Preisträgers. Seit 15 Jahren gehört er zu den herausragenden Künstlern der Compagnie und hat sich seit seinem sensationellen Durchbruch 2006 zum Ersten Solisten als Armand neben Sue Jin Kangs „Kameliendame“, den er als Finale des Programms im 3.Akt-Pas de deux mit dieser Partnerin noch einmal höchst erschütternd verlebendigte, in eine besondere Vielfalt an Rollen vertieft und hineingekniet. Herausgekommen sind dabei oftmals verblüffende Portraits, die wie z.B. Jago immer wieder Rollenklischees sprengten und das sonnige Charisma des blonden Tänzers in dunkel böse Abgründe verwandelten. Er füllte die enorme Bandbreite seines Repertoires mit ausgewogener Qualität, ist ein herausragender van Manen-Interpret (naheliegend, dass er zum 1.1.2015 zu Het Nationalballett Amsterdam wechselt) und ein stets viel Sinn in zeitgenössischen Arbeiten Suchender und auch Findender. Letzteres zeigte er nochmals bei der Deutschen Erstaufführung des 2014 in London erstmals präsentierten Pas de deux „3 WITH D“ des venezolanischen Choreographen Javier de Frutos – eine weitere sensibel nachgeforschte Männer-Beziehung, die von Rademaker und Edward Watson vom Royal Ballet zu live gespielten und gesungenen Gershwin und Porter-Songs sensibel ausgelotet wurde und den Intellekt ebenso wie die Gefühlsebene treffen.

Neben den beiden eingangs gewürdigten Publikum-Favoriten stand Rademaker verdient im Mittelpunkt der Gala und wurde nach den einzelnen Stücken und am Ende in Gesamtheit für seine reichhaltigen Stuttgarter Jahre, von denen er viel in die Zukunft mitnehmen wird, inmitten des Ballon- und Luftschlangen-Regens zwischen den Kollegen gefeiert.

 Nicht unerwähnt bleiben dürfen die Kollektive des Corps de ballet, das sich in Teil-Formation als schräge Bauern-Paare aus Christian Spucks „LEONCE UND LENA“  zu Johann Strauß-Musik auch an diesem Abend die unvermeidlichen Lacher holte, die Pianisten Alexander Reitenbach und David Diamond, die mit Beethoven und Chopin bzw. Grieg gefordert waren, und das durchaus einen Luxus für ein so breit aufgestelltes Programm bedeutende Staatsorchester Stuttgart, das unter der Leitung von James Tuggle und Wolfgang Heinz eine farbenreiche musikalische Palette bediente.

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Schlussapplaus: Abschied von Marijn Rademaker inmitten des Ensembles. Copyright:  Stuttgarter Ballett

 Udo Klebes

 

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