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STUTTGART/ Schauspielhaus: RICHARD III. Die Welt als Drehscheibe

27.09.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

DIE WELT ALS DREHSCHEIBE

„Richard III.“ von William Shakespeare als Premiere am 26. September 2014 im Schauspielhaus Stuttgart/

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Foto: Ostkreuz

In der wechselhaften Inszenierung von Robert Borgmann kann sich Shakespeares berühmtes Königsdrama „Richard III.“ in der modern anmutenden Übersetzung von Thomas Brasch nicht immer gleichmäßig entfalten. Die Abgründe der Welt und die Faszination des Bösen kommen gleichwohl anhand einer riesigen rot-schwarzen Drehscheibe grell zum Vorschein. Die Welt ist zur geisterhaften Zielscheibe geworden, England ist als Weltmacht ein facettenreicher Mittelpunkt. Marek Harloff kann als König Richard III. überzeugend verdeutlichen, dass es für ihn das wichtigste Ziel ist, die Königskrone zu erringen. Er wirkt hier allerdings nicht verkrüppelt, sondern ist eigentlich ein attraktiver junger Mann, der aber für seine Ziele durchaus über Leichen geht. Zu seinen Opfern zählen seine Brüder George und Edward IV., der regierende König, sowie dessen Kinder. Mit Hilfe von erregenden Videoeinblendungen (Lianne van de Laar) und grellen Lichteffekten kommt es vor allem im zweiten Teil zu einer deutlichen Qualitätssteigerung dieser Inszenierung, die trotzdem einige Schwächen besitzt. Peter Rene Lüdicke als König Edward gewinnt dabei durchaus Profil, auch wenn seine Schrei-Orgien nicht immer zur jeweiligen Szene zu passen scheinen. Lüdicke zeigt erst bei seiner Sterbeszene als König Edward Kontur. Allerdings fehlt es Marek Harloff in der Titelrolle eindeutig an Dämonie. Man möchte nicht begreifen, dass er der berühmteste Bösewicht der Weltgeschichte sein soll. Eher enttäuschend wirkt vor allem der Eröffnungsmonolog: „Anschläge macht‘ ich, schlimme Einleitungen, durch trunkne Weissagungen, Schriften, Träume…“ Erst am Schluss erkennt man seine grandiose Zwiespältigkeit, als er tödlich verwundet und schwarz bemalt auf dem Schlachtfeld liegt: „Ein Pferd!“ Da gewinnt die Aufführung plötzlich eine beklemmende Dichte – dies gilt auch für die geisterhafte Erscheinung der Verstorbenen. Recht gut kommen dabei auch die zahlreichen tragischen Vorankündungen zur Geltung, bei denen vor allem Katharina Knap als Richard II., Buckingham und Mörder brilliert. Auch Sandra Gerling kann als Herzogin von York und Lady Anne gefallen, während Susanne Böwe als Elisabeth und Manolo Bertling als Clarence eher blass bleiben. Ihre Vorwürfe gegen Richard III. scheinen wiederholt ins Leere zu laufen. Zu wenig zum Vorschein kommen in jedem Fall Richards furchtbare Gewissensbisse: „Find‘ ich selbst in mir doch kein Erbarmen mit mir selbst“. Ganz zu Beginn scheint man Richard als Knaben (Hosea Hellebrandt) zu erkennen, der sich intensiv seinem Vogel im Käfig widmet. Starkes Profil besitzt ferner Elmar Roloff als Hastings, der später zum Opfer der Willkür Richards III. wird. Die Kostüme von Adriana Braga Peretzki wecken eher Bezüge zum Elisabethanischen Zeitalter. Die einfallsreiche Musik von „webermichelson“ vermischt sich aber geschickt mit den subtilen Lichteffekten von Carsten Rüger. Da gewinnen alptraumhafte Sequenzen immer mehr die Oberhand. Ein fahnenwehender Fähnrich weckt gespenstische Assoziationen.

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Foto: Ostkreuz

Überhaupt scheinen hier sämtliche Darsteller mit der Drehscheibe zu kämpfen, die ihnen immer wieder das Leben schwer macht. Peter Rene Lüdicke kann ferner Margaret und dem Mörder Gewicht verleihen, während Georg Wesch und Samuel Liebhäuser als Prinz sowie Frank Laske als Gerichtsschreiber Leben in die Szene bringen. Sie alle bilden plötzlich eine Mauer, die für Richard III. undurchdringlich wird und ihn schließlich zu Fall bringt. Überhaupt splittern sich die Personen immer komplizierter auf, wobei man als Zuschauer öfters den roten Faden verliert. Interessante Gedanken bringen der Dramaturg Jan Hein und Regisseur Robert Borgmann in die Handlung ein, denn sie zitieren im Programmheft aus Franz Kafkas Tagebuch: „Gestern der schlimmste Abend, so als sei alles zu Ende…“ Da werden deutliche Parallelen zu Shakespeares Handlung gelegt, zumal Kafka selbst Shakespeares Stück „Richard III.“ als „Ohnmacht“ empfindet. Und Robert Borgmann inszeniert das Meisterwerk denn auch als einen Prozess, der nicht zu gewinnen ist. Die Trommeln werden bei dieser Inszenierung letztendlich vergeblich über den „Schnickschnackweibern“ geschlagen – und selbst die furchtbaren Flüche der Frauen über den „Höllenhund“ scheinen sich in Grenzen zu halten. Der hinkende Knabe Richard überquert mit einem Holzpferd die Bühne. Die Zeit wird bei dieser Auffürhung immer wieder zurückgedreht, das Geschehen kann eigentlich kein Ende finden. Statt dessen wird zuletzt ein Schuss Erotik diesem schwer verdaulichen Menü beigegeben, denn Katharina Knap entblättert sich vollständig. Und man weiß nicht, ob sie hier nun Richard II., Buckingham oder den Mörder nackt darstellt. Nicht nur diese Szene kam beim Publikum nicht überall an, außer „Bravo“-Bekundungen gab es auch heftige „Buh“-Rufe. Das Ewig-Weibliche – in Stuttgart bleibt es in diesem Zusammenhang ein Rätsel. Das gleiche gilt für die angebliche Vereinigung Richmonds mit Elisabeth. Es sind nur Wunschträume des Gedankens. Und dass die Handlung manchmal ins Lächerliche gezogen wurde, störte das Publikum ebenfalls.  

 Alexander Walther

 

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