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STUTTGART/ Schauspielhaus: JUNGE CHOREOGRAPHEN mit erfreulich viel Humor

Stuttgarter Ballett

„JUNGE CHOREOGRAPHEN“ 17.7.2014 (Schauspielhaus) – mit erfreulich viel Humor

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Waghalsiges mit Biß: Angelina Zuaccarini und Nicholas Jones in „In for the thrill“. Foto: Ulrich Beuttenmüller
 
Der in den letzten Jahren festzustellende Mangel an weniger kopflastigen Kreationen scheint im diesjährigen Programm der von der Stuttgarter Noverre-Gesellschaft präsentierten Jungen Choreographen entweder bei der Auswahl berücksichtigt worden zu sein oder wir stehen am Beginn einer Wende, an der der Nachwuchs erkennt, wie wichtig bei allem Intellekt auch der Fakt der Unterhaltung ist, deren niveauvolle Darbietung ja bekanntlich oft die noch größeren Herausforderungen bedeutet.

Vier der neun vorgestellten Arbeiten waren zumindest teilweise von heiteren Elementen getragen, wobei der Humor durchaus verschiedene Seiten offenbarte. Solist Roman Novitzky hatte auch bei seiner dritten Kreation namens „…WIE ZWEI FINGER AN DER HAND“ das richtige Gespür für das Balancieren zwischen tänzerischem Anspruch und komischer Leichtigkeit. Das beginnt schon bei der Musikauswahl, die ihm im Wechsel zwischen Schostakowitsch köstlichem Foxtrott und nachdenklich stimmender Klaviermusik von Max Richter Kontraste liefert, die originelle Gruppenbewegungen, einzeln herausgestellte Soli und viele synchron laufende mimische Beigaben unter Spannung halten. Von den fünf TänzerInnen ragt Robert Robinson als besonderes Talent für Witz und Charakter heraus.

Einen viel Schmunzeln hervorrufenden Ansatz bestimmt auch „THIS COULD GET UGLY“ des gastierenden Robbie Bird. Zu gesungenen Pop-Schlagern spürt er mit ironischen Details der Beziehung zweier Jungs zwischen Annäherung, Verstörung und Versöhnung nach. Mit vielen gymnastisch anmutenden Bewegungen ist das nicht unbedingt tänzerisch hochwertig, aber Brent Parolin und Ludovico Pace bringen das sympathisch ehrlich und nie lächerlich wirkend über die Rampe.

Wer Jesse Fraser als Tänzer kennt, ahnt schon, dass eigene Arbeiten von Heiterkeit und Lust erfüllt sein werden. „SECOND SELF(IE)“, das besagt schon der Titel, ist ein anspielungsreiches Stück über die Gegenüberstellung des Menschen mit sich selbst auf Fotografien. Zwischen Elisa Badenes, die innerhalb kürzester Zeit eine Figur zum Leben erweckt und in ihrer Allverwendbarkeit ein Chamäleon des Tanzes ist, und Özkan Ayik, der einiges an Selbstironie einbringt, entwickelt sich ein geschickt aufgebautes Hasch mich-Spiel, das sich aus schauspielerisch geprägter Darstellung zu großförmigeren Motionen steigert – musikalisch amüsant unterstützt von Brass- und Dixie-Sound.

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Synchrone Hommage an Pavarotti und Gigli: Jorge Garcia Perez und Armando Braswell in „Pas-varotti“. Foto: Ulrich Beuttenmüller

Mit leichter Hand entworfen wirkt auch Armando Braswells (früher Gauthier Dance Stuttgart, heute Solist beim Basler Ballett) Männer-Pas de deux namens „PAS-VAROTTI“, in dem er auf den Tasten eines per Licht auf den Boden simulierten Klaviers die Gesangsstunden-Vorstellung Luciano Pavarottis bei seinem berühmten Generationen-Vorgänger Benjamino Gigli zu eingespielten Bellini- und Rossini-Melodien als Erinnerung mit musikalischen Sprüngen und andeutungsvollen Gesten lebendig werden lässt. Braswell gelingt das als eigener Interpret zusammen mit dem Basler Kollegen Jorge Garcia Perez ebenso aufrichtig wie mit einer gewissen emotionalen Distanz.

 

Selbst der Pas de deux „IN FOR THE THRILL“ des Gruppentänzers Alexander McGowan zu hart vorwärts drängenden elektronisch unterstützten Klängen fördert in grauen Arbeitshosen mit Knieschonern und Schuhen zwischen viel Power und unablässiger Motorik noch eine amüsante Note zutage. Angelina Zuccarini erweist sich wieder einmal als Tänzerin, die mit Attacke und Biss auch in riskanten Momenten aufs Ganze geht, Nicholas Jones ist ihr weicherer mit Wärme agierender Partner.

Teilweise rasant zupackendes, expressiv ausgeformtes Schrittmaterial, das wie in der Biographie beschrieben in der Tat Einflüsse von William Forsythe aufweist, bestimmt den Pas de deux „LIGHT-SPEED“, den Claudio Cangialosi als Gast vom Semperopern-Ballett Dresden zu moderner Streichquartett-Musik von Kimmo Rujonen entworfen hat. Courtney Richardson und Laurent Guilbaud (ehemals Stuttgarter Ballett) lassen an Einsatz und Kondition in streng nach oben geschlossenen braun/rot gefleckten Kostümen nichts zu wünschen übrig.

Sehr reife Züge einer erfahrenen Choreographin trägt „SKETCHED SKIN“ der Niederländerin Wubkje Kuindersma. Sechs TänerInnen, zuerst in Oberkörper und Hals umschlingenden Schwanen-Tutus, dann in schick eleganten schwarzen Shorts, spüren zu berührenden Arie antiche ihren Erinnerungen via Haut als besonders sensiblem Speicher nach. Langsame bedächtige Bewegungen, zartes Streichen über  das Gesicht, dazu vielfach auf Spitze sanft im Fluss gehaltene Bahnen sind wie gemacht für Alicia Amatriain, die solistisch hervortritt und sich mit dem einfühlsamen Louis Stiens zu einem Pas de deux vereint. Dieser wiederum gestaltet mit Fabio Adorisio einen nicht weniger beeindruckenden in Einklang gebrachten Pas de deux. Und jener italienische Gruppentänzer hat sich ein weiteres Mal schöpferisch betätigt und mit „ANSIA“ (= Sorge, Beklemmung) acht GruppentänzerInnen zu elektronischen Impulsen und auffallend betontem Solo-Cello auf die Bühne geschickt. Arme und Hände bilden immer wieder geometrische Formen, schnelle und kurze Berührungen und das Befördern wechselnder Partner seitlich um den Körper auf eine andere Stelle bestimmen das sehr klare choreographische Bild.

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Ayik_two or t…           Musikalisch buchstabiertes Bach-Adagio: Pablo Sternenfels in „Two or three things“. Foto: Ulrich Beuttenmüller

Zuletzt noch das Solo „TWO OR THREE THINGS” von Özkan Ayik, bei dem nach anfänglicher Irritation viel buchstabierender Körpereinsatz  und wechselnd gestraffte und entspannte Haltung zu einem beredten Dialog mit einer Bach-Klavier-Adagio finden. In der Hocke beginnend und endend trägt der ungemein sympathische wie stringent musikalische Pablo von Sternenfels zur gewinnenden Präsentation bei.

Viel jubelnder Zuspruch gab allen Choreographen des Abends Mut für die Zukunft, denn ein totaler Ausrutscher wie schon in der Vergangenheit erlebt, war diesmal wirklich nicht dabei.

 Udo Klebes

 

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