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STUTTGART/ Theaterhaus/ Festival „Eclat“: BELARUS IM MITTELPUNKT

06.02.2022 | Konzert/Liederabende

Festival „Eclat“ im Theaterhaus am 4. und 5. Februar 2022/STUTTGART

Belarus im Mittelpunkt

Beim diesjährigen Festival „Eclat“ für Neue Musik möchten die Veranstalter erneut einen Fokus auf die Situation in Belarus richten. Mit den Mitteln von Musik, Lyrik, Visueller und Konzept-Kunst wird das Geschehen zwischen Exil und Widerstand beleuchtet. Die Auseinandersetzung mit digitalen Kommunikationsmitteln wie Filmperspektiven, Text- und Video-Animationen, Collagen, hybriden und interaktiven Musiktheater-Formaten hat so einen neuen Höhepunkt erreicht. Dies wurde beim Konzert mit „Pony Says“ einmal mehr deutlich. „Pony Says“ mit Lucas Gerin (Schlagzeug), Felix Nagel (Klavier) sowie  Thilo Ruck (E-Gitarre) überraschten das Publikum bei „Die Klavierübung“ in der Version für Pony Says für Schlagzeug, Gitarre, Klavier und  Elektronik von Steven Kazuo Takasugi (2007-2022)  mit kontrapunktischen Explosionen und kaleidoskopartigen Ausschnitten sowie Harmoniefetzen, die an einen „Klavier-Selbstmord“ erinnern sollten. Eine ungeheure Fülle von Motiven und Querverbindungen schossen hier wie Leuchtraketen hervor und fesselten das Publikum augrund der elektrisierenden Musizierweise. Auch das zweite Stück von „The Ideal Hour/Collages with Tom“ von Jessie Marino (2021/22) überzeugte mit seinem Zustand des Zuhörens und Reagierens mit Überlagerung, Nebeneinanderstellung, freier audiovisueller Assoziation. Die elektronische Komposition weckt hier immer wieder neue gedankliche Assoziationen, die sich gegenseitig ergänzen. Klänge, rhythmische Muster, Klanghölzer sowie Szenen oder Charaktere überlagern sich so sehr vielschichtig.  Als „Musik für Tote und Auferstandene“ möchten Sergey Shabohin und Christoph Ogiermann „Practises of Subordination“ verstanden wissen, wo Zeugnisse der staatlichen Gewalt in Belarus künstlerisch in durchaus packender Weise verarbeitet werden. Die Anwesenheit von Spionen und Fremden in der eigenen Wohnung erzeugen hier Panikattacken.

Gespenstische Bläser-Glissandi in elektronischer Verfremdung scheinen das „totalitäre Archiv“ von Textdokumenten, Bildern, Fotos und Objekten gleichsam zu öffnen. Die Kunsthistorikerin Lena Prents gab noch weitere erklärende Hinweise. Ogiermann hat kompositionstechnisch auch „Atem und Radio“ untersucht. Mit seiner Stimme möchte er 20 Radios zugleich imitieren. So entsteht eine ergreifende Erzählung über die staatlichen Strukturen im Land Alexander Lukaschenkos. Die Bürger werden permanent unter Druck gesetzt und überwacht. Für das Projekt „ECHOES – Voices from Belarus“ („Eclat“ 2021) entstand in diesem Zusammenhang ein eineinhalbstündiger Film, für den Shabohin die 18 Tafeln zu einem Narrativ zusammenführte. Christoph Ogiermann macht die Wucht der visuellen Botschaften akustisch in aufwühlender Weise erfahrbar. Bei der „Musik für die Toten und Auferstandenen“ sprach der Georg-Büchner-Preisträger Jan Wagner dann mit der belarussischen Lyrikerin Valzhyna Mort über ihren Gedichtband „Musik für die Toten und Auferstandenen“ und das Gedicht „Music for Girl’s Voice and Bison“. Valzhyna Mort sprach über Felix Mendelssohn Bartholdy,  Bach, Mozart und Rachmaninow sowie Ingeborg Bachmann in Rom. Manches erinnert auch in ihrer Lyrik an Ingeborg Bachmann: „Es ist ein Traum. Er sieht so wohlgenährt aus…“ Und immer wieder kamen Erinnerungen an „die Schöne und das Biest“. So entspann sich auch ein „hybrider  Dialog“ zwischen der belarussischen Komponistin Oxana Omelchuk und Valzhyna Mort, wo Cluster, Sound und Geräusche bei Omelchuks Komposition „Musik für die Toten und Auferstandenen“ mit Valzhyna Morts Lyrik sich eindrucksvoll miteinander verbanden.

Alexander Walther

 

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