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STUTTGART/ Schauspielhaus: DAS FEST – Rituale des Familienlebens. Premiere

21.04.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

RITUALE DES FAMILIENLEBENS

„Das Fest“ als Premiere am 20. April 2014 im Schauspielhaus/STUTTGART

Das Thema Kindesmissbrauch ist aktueller denn je. Und dies nicht nur wegen den Skandalen an Schulen oder in der katholischen Kirche. Christopher Rüping hat bei seiner Inszenierung eine weiträumige Bühne eingerichtet (Bühne: Jonathan Mertz), die dem vielschichtigen Untertitel „Jede Familie hat ein Geheimnis“ nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov auf den Grund geht. Der Pianist Norbert Waidosch sorgt effektvoll für die Hintergrundmusik („I will follow him“). So wird das ehemalige Landhotel der Familie Klingenfeldt-Hansen greifbar, wo der undurchsichtige Hausherr Helge („wischt sich eine Träne von der Wange“) zu seinem 60. Geburtstag eingeladen hat. Drei seiner Kinder – nämlich Christian, Helene und Michael – sind zwar präsent, können die Lücke der jüngsten Tochter Linda aber nicht füllen, die sich überraschend das Leben genommen hat. Diese Situation bringt der Regisseur trotz aller klamauk- und revuehafter Szenen packend über die Rampe. Unausgesprochene Trauer und kalte Rituale des Familienlebens ergänzen sich hier in merkwürdiger Weise. Dann hält der älteste Sohn eine emotionale Rede. Sie handelt vom Vater und seinem Kindesmissbrauch. Auch die Tochter Linda klagt ihn in ihrem Abschiedsbrief der Vergewaltigung an, ebenso der Sohn Christian. Der symbolische Vatermord steigert sich bei der Aufführung immer mehr ins Gespenstische, August Strindberg lässt im endlosen Konfettiregen grüßen. Die tote Linda erscheint ihren Brüdern und hält mit diesen eine unheimliche Zwiesprache. Eine Nacht verbringen die Geschwister dann bei den Toten. Der Versuch, sich selbst zu heilen, gelingt nur bedingt. Immer wieder melden sich die Dämonen der Vergangenheit und ergreifen rücksichtslos Besitz von den handelnden Personen. Insbesondere Christian klagt seinen Vater demonstrativ an und droht, völlig durchzudrehen. Auch der Bruder verliert die Nerven: „Ich töte mich!“ Dass Helge Sex mit seinen Kindern hatte, kann die Mutter Else kaum verkraften. Sie ruft ihre Kinder verzweifelt zur Umkehr auf. Schade, dass diese durchaus bewegenden Szenen von der Regie immer wieder zerstört werden, denn im Laufe des Abends greift das unkontrollierte Bühnenchaos um sich und die Szenen verlieren den berühmten roten Faden. Dennoch vermag dieses beklemmende Theaterstück zu fesseln. Als der Morgen graut, ist das Tabu gebrochen und der Vater gerichtet. Stark wirken jene Momente, als die Bühne vom Licht in die plötzliche Dunkelheit abstürzt. Christian findet seine Jugendliebe Pia wieder und nimmt von seiner toten Schwester in ergreifender Weise Abschied: „Sie kommt nah zu ihm. Sanfte, lange Umarmung. Linda ist hübsch. Wir sehen sie aus der Nähe…“ Die brennende Frage steht im Raum: „Wie ist es, wenn man seiner eigenen Familie ins Gesicht spuckt?!“ Auch die Kostüme von Lene Schwind tragen dem filmischen Charakter dieser Produktion konsequent Rechnung. Und auch die Musik von Christoph Hart passt sich der beklemmenden Atmosphäre an.

Die durchweg überzeugenden Darsteller Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau und Christian Schneeweiß schlüpfen mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit in die verschiedenen Rollen. Zuletzt wird als stärkstes Bild der Vater sichtbar, der nach einer beispiellosen Gewaltorgie seiner Kinder im Off verschwindet und seine Schuld bekennen muss. Mit „Das Fest“ legte Thomas Vinterberg 1998 den ersten Film vor, der nach den Regeln von „Dogma 95“ realisiert worden war. Er beschwor damit eine neue Filmästhetik, die der Regisseur Christopher Rüping auf die Bühne zu übertragen versucht. Dass ihm dies hier nicht immer gelingt, versteht sich von selbst. Zu komplex und verworren wirkt die Handlung, auch die Schauspieler werden streckenweise zu lange sich selbst überlassen. Doch glücklicherweise kommen die tragischen Momente nicht zu kurz, darin erreicht die Produktion eine gewisse dramaturgische Größe. Es gibt einzelne Szenen, die die Zuschauer unmittelbar berühren – und dies ist nicht nur beim Auftritt der toten Linda der Fall. Assoziationen zur Vater-Rebellion eines Hermann Hesse, Franz Kafka oder gar eines Friedrich des Großen werden vom Regisseur bewusst geweckt. Er stellt seinem Vater-Bild positive Beispiele von Wolfgang Amadeus Mozart oder Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher gegenüber. Dies ist durchaus sinnfällig und spannend. Aber auch Nazi-Verstrickungen der Väter werden dabei drastisch angesprochen, die unrühmliche deutsche Vergangenheit steht mal wieder im Zentrum des Geschehens. Es wird hintersinnig über den „alten Dänen und das Meer“ philosophiert. Man denkt aber nicht unmittelbar an Ernest Hemingway. Eine Windsbraut wird von den Schauspielern beschworen, sie gehen wie in einer imaginären Modenschau über den Steg, der nicht die Welt bedeutet. Ein langer Tisch mit weißem Tuch wird in überdimensionaler Weise ausgezogen, an dem eigentlich niemand Platz nehmen will. Ganz zu Beginn fordert man das Publikum fast schon frech heraus: „Sollen wir eine gelbe oder grüne Rede halten?“ Man denkt sofort an politische Hintergründe. Zuletzt haben sich die Schauspieler für die gelbe Rede entschieden. Das alles hat irgendwie einen fast schon surrealistischen Charakter. Gelegentlich fehlt bei der Personenführung die große Kunst des Innehaltens, der Sensibilität, des Aufeinanderhörens. Statt dessen wird oft pausenlos geschrieen, Nacktszenen verdecken den tieferen seelischen Zwiespalt. Trotz allem vermag die Produktion das Publikum zu faszinieren. Für das Regie-Team gab es vereinzelte Buh-Rufe, die Schauspieler wurden begeistert gefeiert.

 Alexander Walther

 

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