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STUTTGART/ Schauspiel Nord: VOR SOLCHEN WIE UNS HABEN UNS DIE ELTERN IMMER GEWARNT von Tanja Sljivar. Premiere

Geschichten der Vergangenheit

03.06.2018 | Allgemein, Theater


Manja Kuhl, Ferdinand Lehmann. Copyright: Björn Bürger

STUTTGART/ Schauspiel Nord: „Vor solchen wie uns haben uns die Eltern immer gewarnt“ von Tanja Sljivar. Premiere am 3. Juni 2018 

GESCHICHTEN DER VERGANGENHEIT

 Die in Jugoslawien geborene Autorin Tanja Sljivar erzählt hier drastisch die Geschichte des 17jährigen Milan und der 45jährigen Mara, die sich auf einer öffentlichen Toilette begegnen. Manja Kuhl als Mara und Ferdinand Lehmann als Milan schlüpfen dabei facettenreich in ihre Rollen hinein. Die Frau beklagt die verflossenen Lieben ihres Lebens. In immer neuen Konstellationen erzählen sich die beiden ihre seltsamen Geschichten und geben sich in hemmlungsloser Weise ihren Erinnerungen hin. Auch vergewissern sie sich einer Vergangenheit, von der nicht ganz klar ist, zu wem sie gehört und wer sie erzählt. Der Bilderreigen nimmt nach und nach Gestalt an.

In der suggestiven Regie von Peter Sanyo (Bühne: Daina Kasperowitsch; Kostüme: Svea Schiemann; Komposition: PC Nackt) scheinen die einzelnen Szenen zu springen, die Geschichte wird rückwärts erzählt, die Sprache ist minimalistisch genau. „Ich knie am Grab meines Sohnes und ich klage um ihn…„, bemerkt die Frau. Der Sohn stellt als Toter fest: „Ich bin keines natürlichen Todes gestorben.“ Nach und nach erfährt man, dass er sich umgebracht hat. Schon zuvor hat er seiner Mutter immer wieder angekündigt, dass er sich das Leben nehmen will. Man erfährt, dass er sich mit einem blauen Rasierer geritzt hat und dass er dann in der Badewanne gestorben ist.

Die beiden Protagonisten machen während des Stückes einen geheimnisvollen Verwandlungsprozess durch. Der Junge mutiert plötzlich zum Papa, der mit seiner menstruierenden Tochter spricht. Und die Frau verwandelt sich in ein junges Mädchen. So gehen die einzelnen Rollen nach und nach ineinander über: …“und du wirst wissen, was ich und du einander versprochen und gesagt und geschworen haben, was wir gesungen und geträumt und gefühlt und gewusst und gedacht und uns erzählt haben…“ Es gelingt Manja Kuhl und Ferdinand Lehmann, die zahlreichen Zaubertricks ihrer Rollen glaubwürdig Revue passieren zu lassen. Der Junge entpuppt sich schließlich sogar als gewiefter „Buchhalter“. Plötzlich rollen zahlreiche Bälle hervor. Auch die katholische Liturgie wird aufs Korn genommen. Mara und Milan greifen sich jedoch wiederholt direkt an: „Hey, du Arschloch, kannst du nicht mal auf einem Foto normal schauen?“ Schließlich dreht sich die Bühne, der 17jährige möchte die Frau verführen, sie bietet ihm 55 Mark für Sex mit „Anfassen der Brüste und der Klitoris“.


Ferdinand Lehmann, Manja Kuhl. Copyright: Björn Bürger

Für immer neue Probleme werden zwanghaft ständig neue Lösungen gefunden, was auch eine Schwäche dieses ansonsten recht gut geschriebenen Stückes ist. Magischer Realismus im Sinne des Autors Marquez konfrontiert den Zuschauer hier mit einer Situation, bei der ein großes Wissen über der Welt liegt. Das machen Manja Kuhl und Ferdinand Lehmann trotz mancher szenischer Probleme überzeugend deutlich. Die konkrete ist hier eine abstrakte Welt. Aber es gibt keine glaubwürdigen Antworten. Da kann auch die Atmosphäre der Inszenierung nicht viel helfen (Musikprogrammierung: Ben Lauber; Robotic: Daniel Schröteler).
Die Übersetzung aus dem Serbokroatischen besorgte Mascha Dabic.

Für die beiden Darsteller gab es viel Zustimmung im Publikum.

Alexander Walther

 

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