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STUTTGART/ Schauspiel Nord: UNVERGESSENE GESCHICHTEN

29.09.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

Stuttgart/ Schauspiel Nord: DIE STADT DAS GEDÄCHTNIS von Jan Neumann – UNVERGESSENE GESCHICHTEN

Jan Neumanns „Die Stadt das Gedächtnis“ im Schauspiel Nord am 28. September 2014/

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Copyright: Conny Mirbach

Jan Neumann und die wandlungsfähigen Schauspieler Boris Burgstaller, Gabriele Hintermaier, Sebastian Röhrle, Florian Rummel und Birgit Unterweger (Bühne und Kostüme: Dorothee Curio) suchen in dieser facettenreichen Stückentwicklung nach vergessenen oder verdrängten Stuttgarter Geschichten. Satirische Momente werden vor allem von der Stadtführerin gleich zu Beginn geweckt: „Jetzt kommen wir zum Highlight der heutigen Stadtführung!“ Man erfährt, dass Stuttgart nicht am Besenbach, sondern am Nesenbach liegt. Auch Friedrich Hölderlin kommt hier mit einer hintersinnig-metaphysischen Stuttgart-Betrachtung zu Wort: „Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset…“ Die Stuttgarter Sagen, aufgeschrieben von Klaus Graf, lässt der Stückeschreiber und einfallsreiche Regisseur Jan Neumann recht virtuos Revue passieren. Da erfährt man viel über „das Stutenhaus“ oder „Die Schlange mit der Goldkrone“: „Durch die goldene Krone, die er so gewonnen, wurde er unermesslich reich und baute sich ein neues, großes Haus, das seine Nachkommen noch heute bewohnen.“ Selbst dem Bettelhaus zu Stuttgart schenkt das Ensemble Gehör. Auf einer drehbaren Bühne, in deren Mitte zwischen Hausfassaden ein toter Elefant liegt, spielen sich diese reichlich surrealistischen Szenen ab. So stellen sich immer neue Fragen: Hat die moderne Stadt die frühere vergessen? Was findet sich noch von ihr? Die Schauspielerinnen und Schauspieler zeigen dabei ein hohes Maß an Flexibilität und Einfühlungsvermögen, das „die Sprache des Vergessens“ (Harald Weinrich) wirklich unvergesslich macht: „Wir wissen nämlich aus unseren alltäglichen Begegnungen mit dem Vergessen noch nicht genügend, wie weit dessen Macht über unser Leben reicht, welche Gedanken und Gefühle es bei den verschiedenen Menschen auslöst…“ Jan Neumann, der ursprünglich Schauspieler ist, geht in seiner vielschichtigen Arbeit von Schlüsselbegriffen aus. Mit dem Ensemble wird dann mit Hilfe von Improvisationen ein Stück entwickelt. Aus Workshops und Proben hat er ein interessantes und unterhaltsames Werk montiert, das individuell auf die Spieler zugeschnitten ist und auch nicht ohne ironische Seitenhiebe auskommt. Neben Hölderlin-Texten wie „Die Entschlafenen“ und „Höhere Menschheit“ lässt Neumann zudem Gedanken zu „Alzheimer und Demenz“ deutlich werden: „Doch Menschen mit Demenz…erleben sich selbst keineswegs nur im Zustand abgrundtiefer Verzweiflung…“ Die Stadt wird in vielen Foto-Montagen sichtbar. Jan Neumanns eigene Worte prägen sich ebenfalls ein: „Wenn Sie oben stehen am Rand des Kessels und hinab sehen auf das Häusermeer, merken Sie, wie viele Sie jetzt sind…“ Die Musik von Thomas Osterhoff und die Dramaturgie von Carmen Wolfram unterstreichen geschickt auch die nostalgischen Effekte dieses Stückes. Auf der rasant sich drehenden Bühne entwickelt sich diese besondere Stadt tatsächlich zum Gedächtnis, die Schauspielerinnen und Schauspieler agieren oftmals atemlos und in geradezu filmischer Schnitt-Technik. In der improvisierten Gemeinderatssitzung wird die groteske schwäbische Mentalität auf die Spitze getrieben. Einmal ergibt sich eine gespenstische Szene, als das Zimmer eines Schlafenden mit skurrilen Maskenträgern bevölkert wird. Andererseits werden auch die lautstarken Auseinandersetzungen von Ehepartnern karikiert. Zusammen mit den konzentriert agierenden Statisten gelingen allen Darstellern eindringliche szenische Bilder. So gab es am Ende auch starken Applaus eines amüsierten Publikums.

 Alexander Walther

 

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