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STUTTGART/ Schauspiel Nord: JOHANNA nach Friedrich Schiller – ein irritierendes Tribunal

11.12.2017 | Theater

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Deborah Vilchez, Manja Kuhl, Rahel Ohm, Marietta Meguid, Sabrina Schray. Copyright: Julian Marbach

„JOHANNA“ nach Schiller am 10. Dezember 2017 im Schauspiel Nord/STUTTGART 

EIN IRRITIERENDES TRIBUNAL

Als polyphonen Prozess nach Friedrich Schillers romantischer Tragödie „Die Jungfrau von Orleans“ haben Manja Kuhl und Sabrina Schray (Bühne: Daina Kasperowitsch) ein facettenreiches Konzept entwickelt, bei dem auch die historischen Prozess-Akten um Jeanne d’Arc thematisiert werden. Manja Kuhl, Marietta Meguid, Rahel Ohm, Sabrina Schray und Debora Vilchez stellen die „heilige Johanna“ auf einer Drehbühne mit Rondell und Eisenstäben als vielschichtige Figur dar, die sich immer wieder zu wehren weiß: „Ich verlange, dass man mir die Fesseln abnimmt!“

Rhetorische Fragen bedrängen auch die Zuschauer: „Wer bist du?“ Als Antwort kommt nur: „Ich weiß es nicht...“ Prompt wird ein psychologischer Schutzpanzer aufgebaut: „Du kannst mir nicht wehtun!“ Zuletzt resigniert Jeanne d’Arc: „Dann zündet das Feuer an„.

Johanna von Arc wurde um 1412 geboren und wegen Ketzerei im Jahre 1431 verbrannt. Deutlich wird auch bei dieser Inszenierung, wie vehement sich Johanna über ihre Zeit hinwegsetzte. Sie wollte als Gesandter und Bevollmächtigter Gottes auf Erden gelten und der siegreichen Kirche zugehören. Auf der Bühne sprechen die Schauspielerinnen immer wieder in verschiedene Mikrofone, die auch hochgezogen werden. Über die Pläne von Generälen setzte sie sich mit Achselzucken hinweg – dementsprechend wird auch der polyphone Prozess immer weiter und energischer angeheizt, was vor allem Rahel Ohm unterstreicht, die sich forsch ans Publikum wendet und nicht als „alte Schachtel“ wahrgenommen werden möchte. „Lebt wohl! Johanna geht und nie mehr kehrt sie wieder“, betont die Kriegerin. Der Charakter der romantischen Tragödie Schillers kommt hier natürlich nicht richtig zum Vorschein, auch wenn man Ausschnitte aus den vielen Filmen über Jeanne d’Arc sieht. Übersinnliche Mächte und Vorstellungen werden nur ansatzweise gestreift, aber es gelingt den Darstellerinnen wiederholt, die Figur der „heiligen Johanna“ plastisch lebendig werden zu lassen. Johannas Berufung, die rätselvolle Herkunft des Helms, der schwarze Ritter, die Donnerschläge bei der Krönungsszene, ihre Befreiung aus dem Kerker und die Vision der Mutter Gottes im Tode bleiben im Dunkeln. Allerdings werden die „Gitterstäbe“ auf der Drehbühne am Schluss gesprengt.

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Marietta Meguid, Rahel Ohm. Copyright: Julian Marbach

Das ist ein eindeutiges Signal. Nur die großflächige Architektur der szenischen Gliederung tritt deutlich hervor. Man begreift, dass Jeanne d’Arc trotz ihrer Jugend ein wahres „Kriegsministerium“ geführt hat. Die Faszination der Filme strahlt gelegentlich auch auf die Figuren im Stück aus. Die Beziehungen zwischen Film und Alltag kommen ganz bewusst zum Vorschein. Aber es geht natürlich auch um die Verletzlichkeit der Frau in einer brutalen Männerwelt, die sie schließlich überwältigt und zerstört. Eine Brücke schlägt diese Aufführung eindeutig zu den frühen Feministinnen in den USA, die ihre Position durch den Rückgriff auf die historische Heldin stärken wollten: „She may be homosexual, bisexual, or simply not desire men„.

Die Meinung über Johanna, dass sie ein Wunder oder aber unausstehlich sei, bleibt bei der Inszenierung nicht offen. Manja Kuhl und Sabrina Schray haben sich auf die Seite des „Wunders“ begeben. So steht letztendlich ein Lebensbaum als Sinnbild für die heilige Aura Johannes, der Tod auf dem Scheiterhaufen wird nur durch Nebel und das unheimliche Rascheln einer Aluminiumfolie angedeutet. Das bewegte Auf und Ab der Schlachtenszenen kann man sich aufgrund des intensiven Agierens der Darstellerinnen trotzdem vorstellen. Weitere Mitwirkende sind Jochen Gehrung, Anna Haas, Daniel Keller, Neue Farben, Gregor Roth, Peter Sanyo, Vanessa Sgarra, Thomas Tinkl und Simone Weinmann (Inspizienz: Hans Beck).

So ist durchaus ein revolutionäres Zeitstück entstanden, obwohl es nicht in allen Punkten überzeugt.

Alexander Walther  

 

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