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STUTTGART/ Schauspiel Nord: „FRÄULEIN ELSE“ von A. Schnitzler – „Momentaufnahme des psychischen Verfalls“

16.01.2016 | Theater

 „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler im Schauspiel Stuttgart (Nord), Premiere

MOMENTAUFNAHME DES PSYCHISCHEN VERFALLS

Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“ im Rahmen von „Abschied von gestern“ als Premiere am 15. Januar 2016 im Schauspiel Nord/STUTTGART

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„Fräulein Else“. Copyright: Julian Warbach/ Staatsschauspiel Stuttgart

Seit Januar ist das Schauspiel Nord unter der Leitung von Intendant Armin Petras ein vielschichtiges Labor unter dem Motto „Abschied von gestern“. An drei Tagen pro Woche wird die Bühne bespielt. Jetzt hatte „Fräulein Else“ nach der Erzählung von Arthur Schnitzler in der subtilen und einfallsreichen Regie von Wolfgang Michalek (Bühne: Natascha von Steiger; Kostüme: Cinzia Fossati) Premiere. Neu an dieser ungewöhnlichen Bearbeitung des berühmten Frauenmonologs ist, dass die Hauptperson in insgesamt vier Frauen aufgeteilt ist. Diese verschiedenen „Elsen“ werden von Lucie Emons, Susanne Schieffer, Louisa Larson und der wesentlich älteren Rahel Ohm mit starker Präsenz gemimt, was beim Publikum bestens ankommt. Man gewinnt so eine ganz neue Sichtweise auf das Geschehen. Das junge und studierte Mädchen Fräulein Else ist eigentlich in den Ferien bei ihrer Tante im italienischen Ferienort San Martino di Castrozza, als sie eine verhängnisvolle Nachricht erhält. Ihre Mutter teilt ihr mit, dass dem Vater die Verhaftung droht. Deswegen soll sich Else auf ein unmoralisches Angebot mit dem Grafen Dorsday einlassen, der von Alexey Ekimov als junger und eiskalter Bankmanager verkörpert wird. Ein richtiger Mafia-Typ, der dem doch recht unschuldigen Mädchen heftig zusetzt. Er hat so gar nichts von einem Kunsthändler an sich, den er angeblich verkörpern soll.

Klar wird auch, dass sich Else schämt und ihrem Vater die Schuld an ihrer peinlichen Situation gibt. Das kommt bei der suggestiven Inszenierung ausgezeichnet zum Vorschein. Else hat wegen der immensen Probleme eine Überdosis Veronal genommen, was allerdings schon 34 Jahre her ist. In einer bestimmten Nacht tut sie das wieder – und wird von den Gestalten ihrer Vergangenheit heimgesucht. Man sieht ein Sofa, einen gedeckten Esstisch, vier angeschaltete Fernsehgeräte (in denen auch Kindheitsfotos der Schauspieler zu sehen sind) und einen Nacht- und Schreibtisch sowie ein vergittertes Wohnzimmer. Else wehrt sich gegen diese kompromittierende Geschichte: „Alle seid ihr Mörder!“ Es geht zwar nicht um eine Million, sondern nur um dreissigtausend Gulden, die an Doktor Fiala gezahlt werden müssen – aber trotzdem ist das Problem für Fräulein Else schließlich nicht mehr zu lösen. Denn Dorsday stellt zur Bedingung, dass er sie nackt sehen darf, wenn er sich von ihr „anpumpen“ lassen soll. Diese verzwickte Situation löst in der jungen Frau ein regelrechtes Trauma aus, das insbesondere auch Lucie Emons und Susanne Schieffer hervorragend darstellen. Else wendet sich schließlich empört von Dorsday ab.

Es bleiben verschiedene Alternativen: Entweder zeigt sie sich Dorsday auf einer Waldlichtung, im Hotelzimmer oder sie zieht sich vor allen Hotelgästen aus. Letztendlich gibt es auch die Möglichkeit, sich einfach umzubringen und vorher festzulegen, dass Dorsday ihren nackten Leichnam sehen darf. Dem psychischen Ausnahmezustand folgt der körperliche Verfall. Die Frauen gehen gemeinsam auf Dorsday los und schlagen ihn zu Boden. Aber es gelingt ihm recht schnell, wieder auf die Füße zu kommen. Else bezeichnet sich schließlich selbst als „Luder“, sie möchte sich allerdings vor dem „Filou“ nackt zeigen („Die Filous sind mir gefährlich“). Rahel Ohm gelingt es als ältere Else, fulminante Temperamentsausbrüche auf die Bühne zu zaubern. Sie macht Dorsday heftige Vorwürfe: „Was machen denn Sie für Kalbsaugen?!“ Und sie irrt in der Halle wirklich herum wie eine hilflose Fledermaus. Unzählige Lackschuhe fallen plötzlich auf den Boden, aus dem Plattenspieler dröhnt monumental Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre, die sich in die Ohren der Zuschauer hineinbrennt.

Es gibt jedoch auch Momente großer Situationskomik bei dieser sehr guten Inszenierung – etwa dann, wenn Rahel Ohm in ein ständig aufplatzendes Mieder gezwängt wird und deswegen einen Tobsuchtsanfall erleidet. Da bebt die Bühne, steigert sich erheblich die Spannung. Else setzt sich in Gestalt von Louisa Larson zudem ans Klavier und spielt Musik von Chopin.

Den imaginären Schluss der Erzählung bannt Wolfgang Michalek als Regisseur in berührender Weise auf die Bühne. Man sieht Else Chopin spielen und gleichzeitig in verschiedenen Rollen im Bühnenvordergrund sitzen – darüber prangt ein überdimensionales Gemälde der jungen Frau. Sie stammelt: „Ich fliege…ich träume…ich schlafe…“ Langsam geht das Licht aus. Die ganze Geschichte bleibt rätselhaft – und man weiß auch nicht, ob sie sich nicht wiederholen wird. Ob Elses Selbstmordversuch gelingt, ist unsicher, die Selbstzerstörung tritt drastisch zutage. Deutlich wird, wie Frauen sich in ausweglosen Situationen der Dominanz von Männern unterwerfen. Ein fataler Irrtum. Zuweilen hätte man sich noch mehr „Wiener Schmäh“ gewünscht. Trotzdem: Diese Version von „Fräulein Else“ ist sehr gut geglückt und absolut sehenswert. Das Publikum war begeistert.

Alexander Walther

 

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