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STUTTGART/ Schauspiel Nord: DIE REISE nach BernwardVesper

28.01.2015 | Allgemein, Theater

„Die Reise“ nach Bernward Vesper im Schauspiel Nord in Stuttgart HITLER ALS RUMPELSTILZCHEN

Aufführung von Bernward Vespers „Die Reise“ im Schauspiel Nord am 27. Januar 2015/

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Foto: Conny Mirbach

Bernward Vesper, unglücklicher Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper, scheiterte früh an seiner gespaltenen Persönlichkeit und endete in Psychiatrie und Selbstmord. Der finnische Regisseur Martin Laberenz hat dessen autobiografischen Roman „Die Reise“ ziemlich wirr, aber insgesamt packend als Theaterstück bearbeitet. Hier sticht vor allem positiv hervor, dass der psychische Verfall Bernward Vespers, dessen Lebenspartnerin die spätere RAF-Terroristin Gudrun Ensslin war, grell herausgearbeitet wird. Dabei spalten sich die Schauspielerinnen und Schauspieler Manolo Bertling, Svenja Liesau, Peter Rene Lüdicke, Christian Schneeweiß, Paul Schröder und Friederike Bernhardt gleichsam in viele Rollen auf. Adolf Hitler geistert wie ein Gespenst durch dieses Stück, dessen Charakterzüge Paul Schröder mit konvulsivischen Zuckungen persifliert. Die Bühne von Volker Hintermeier entpuppt sich als großes Viereck, dessen Gestänge sich hebt und senkt. Zuweilen tobt auch ein gnadenloses Gewitter und Regen prasselt herab. Der ehemalige Tübinger Student Vesper schaut in seiner Autobiografie „Die Reise“ auf seine eigene „in den Brunnen gefallene Kindheit“. Die zu enge Bindung an den Vater führt hier immer wieder zu verzweifelten Ausbruchsversuchen, die aber im Zusammenbruch enden. Der „one way trip“ ist zum Scheitern verurteilt. Nietzsche und Schopenhauer beleben als seltsame Denker die Handlung, die nach den Worten der Darsteller allerdings völlig frei erfunden ist. Nach Vespers Tod 1971 dauerte es sechs Jahre, bis sein Text schließlich verlegt wurde. Hakenkreuzfahnen fungieren bei dieser Inszenierung als unheimliche Umhangmäntel: „Wie konnte der Endsieg verspielt werden?“ Bernward Vespers Leiden an dem übermächtigen Nazi-Vater, der sich als lyrischer Dichter mit „Parsifal“ sowie der „Nibelungen“- und „Gudrun-Sage“ beschäftigte, tritt durchaus erschütternd zutage. Alles gerät aus den Fugen, die Schauspieler sprechen durcheinander, wenden sich dem Publikum zu. „Der Führer liebte Berchtesgaden“, heißt es da. „Wir fünf sind Bernward  Vesper“, betonen die Protagonisten. „Man muss kämpfen!“ postuliert der außer sich geratene Bernward Vesper immer wieder, bis er schließlich laut schreiend abgeführt wird.

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Svenja Liesau. Foto: Conny Mierbach

1977 fiel das Erscheinungsdatum von Bernward Vespers Roman auf den Deutschen Herbst mit dem Baader-Meinhof-Terrorismus. „Diese Vergangenheit klebt an mir wie Napalm“, betont der Schriftsteller. Schließlich waschen sich die Darsteller wie krampfhaft unter der Regendusche vom Faschismus rein. „Wandle ich wirklich unter Toten hier?“ fragt Bernward Vesper verwirrt. Allgemein stellt man fest: „Eine kranke Generation, das sind wir!“ Und der gemeinsame Sohn Felix wird zunehmend als Last empfunden. Trotz mancher szenischer Schwächen gelingt es dem Regisseur Martin Laberenz glaubhaft, das Versagen der Generation um Bernward Vesper hinsichtlich der Bewältigung des Hitler-Faschismus deutlich zu machen. Vesper wurde damals von der Kritik für sein „Meisterwerk“ gefeiert, das den „Nachlass einer ganzen Generation“ repräsentiere. Im Stück selbst tritt die Tragik der gesamten linken Bewegung heftig hervor: Kraft und revolutionäres Potenzial verpufften – und die Mobilisierung der Massen blieb aus. Das Ende von Bernward Vesper wird hierbei gespenstisch beleuchtet. Astronauten betreten in geheimnisvollen Nebelschwaden zuletzt den Raum und holen ihn aus dem Bett. Er ist für die Welt endgültig verloren. Die Kostüme von Aino Laberenz passen sich dem Geschehen weitgehend an. Und die fantasievolle Musik von Friederike Bernhardt zeigt viel Sinn für szenische Poesie. Im Programmheft wird die konfliktreiche Beziehung zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper schonungslos beleuchtet, das theoretische Geschehen geht in die reale Handlung über. Bernward ruft Gudrun gleichsam um Hilfe, er ist zuletzt ganz auf sich allein gestellt. „So eine Scheiße! Ich werde verrückt“, verkündet Gudrun Ensslin im Programmheft – und diese beklemmende Situation überträgt sich auf die Darsteller. Vesper schreibt: „Auch wir sind Gefangene. Vergiß das nicht. Nur haben wir kein objektives Gitter, keine Zelle, und unsere Beamten kennen wir nicht“. Hier beschreibt er exakt die ausweglose Situation. Martin Laberenz überträgt sie schonungslos auf das Stück. Gerade deswegen ist es sehenswert. 

 Alexander Walther

 

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