Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART: SALOME – Divergenz zwischen Spiel und Optik

29.04.2017 | Oper

 Stuttgart: „SALOME“ 28.4. 2017– Divergenz zwischen Spiel und Optik

Bildergebnis für stuttgart salome
Imponierend starke Strauss-Interpretin: Simone Schneider. Copyright: A.T. Schaefer

 Auch die zweite Begegnung mit der im November 2015 erstaufgeführten Inszenierung von Kirill Serebrennikov änderte nichts an dem Wechselbad, das zwischen der steril auf heute getrimmten und die Schwüle der Musik völlig negierenden Ausstattung von Pierre Jorge Gonzalez und der zweifellos unter Hochspannung gehaltenen Regie entsteht.

Der von Narraboth und dem zur Empfangsdame mutierten Pagen via Computer und bis in den letzten Winkel reichenden Kameras total überwachte Hochglanz-Palast mit einer seitlich im ersten Stock befindlichen, gläsernen und durch Vorhänge verbergbaren Loggia, wo Herodias sich im Bett zwei potenten Muskelmännern hingibt, stört dabei weniger als die ständig auf der Rückwand abflirrenden Bilder von Kriegsszenen und Nachrichtensendungen, so als ob damit auch der Letzte im Saal begreifen würde, dass wir uns in der Gegenwart befinden. Prinzessin Salome ist somit nachvollziehbar ein verzogener Teenager in schwarzen Leggins und ebensolchem Kapuzenpullover sowie Stiefeln. Für den natürlich nicht stattfindenden, nur die Sehnsüchte Herodes nach sexuellem Genuss und all umfassender Harmonie abbildenden Tanz der Sieben Schleier wirft sie sich ein Mickey Mouse-Kostüm über. Nach der Ausführung ihres Wunsches nach Jochanaans Kopf klebt auf ihrem nun wieder schwarzen Outfit ein großer runder weißer Fleck – ein Verweis auf den Mond, in dessen Scheibe sich das kommende Unheil abgezeichnet hat?

Wie auch immer das zu deuten ist – Simone Schneider fasziniert über die eine oder andere Irritation dieser verordneten Rollenzeichnung hinweg durch ihr Identifikationsvermögen und davon abgesehen mit der üppigen Ausstattung ihres in den Höhen ebenso leuchtkräftigen, voll und satt flutenden wie auch zu dynamischen Schattierungen fähigen Soprans. Da kommt jede textliche Nuance zu ihrem vollen Recht, nichts wird beiläufig behandelt oder artikulatorisch verschleiert, sondern auf der Basis einer mühelosen Bewältigung voll erfasst. Wie schon bei der im Februar gezeigten „Elektra“ (Merker-Ausgabe März 2017) bleibt das Ende (Salome geht einfach über eine seitliche Treppe nach oben ab, Herodes Todesbefehl bleibt unerfüllt) in der Luft hängen und das Publikum folglich irritiert, ob die Aufführung nach den letzten markanten Orchesterschlägen auch wirklich zu Ende ist, wo normalerweise atemlose Stille oder spontane Begeisterung, aber kein Beifallsgetröpfel einsetzen sollte.

Besondere Spannung entstand durch den heldentenoralen Aplomb, mit dem Gerhard Siegel den Herodes anging und sich so schon rein gesanglich auf Augenhöhe mit seiner Stieftochter befand. Siegel belässt es aber nicht bei einem prachtvollen Aussingen seines Parts, er verfügt zudem über jene charakterliche Interpretations-Finesse, die dem Tetrachen eine explosive Mischung aus Herrschsucht und Angstzuständen aus Wahn und Begierde gibt.

Katarina Karnéus dominiert ihn an Körpergröße, kann es auch mit hellem Mezzosopran an Tragfähigkeit und Präsenz mit ihrem gehassten Gemahl aufnehmen, lässt aber im Ausdruck verrucht dekadenter Farben deutlich zu wünschen übrig. Bezogen auf die Expressivität von Jochanaans Part betrifft Letzteres auch Simon Bailey, der im übrigen, frontal ganz vorne an der Rampe postiert, seinen farbarmen, aber klangvoll kernigen Bariton bestens zur Geltung bringen kann, während die von Salome begehrte körperliche Hälfte als gelegentlich Wild’sche Textstellen auf arabisch heraus stoßender Schauspieler (Yasin El Harrouk) aus dem Untergeschoß geholt und an einem Tisch Salome gegenüber gesetzt wird.. Diese Aufspaltung in einen Sänger und einen Darsteller ist zumindest diskutabel.

Im sonstigen Personal imponieren Gergely Nemeti als Narraboth mit fast trompetenartig geraden Höhen und Idunnu Münch als mezzosämiger Page. Ohne besondere Meriten oder Schwächen bildeten Michael Nagl, Guillaume Antoine (Soldaten), David Steffens, Dominic Grosse (Nazzarener) und Torsten Hofmann, Heinz Göhrig, Kai Kluge, Daniel Kluge und Padraic Rowan (Juden) ein rollendeckendes Ensemble.

Das Staatsorchester Stuttgart badete genussvoll in der instrumentalen Würze aus Deftigkeit und Subtilität und wurde dabei von Lothar Koenigs klar konturiert und wo nötig mit weit gespanntem Aufbau von Steigerungen und emotionaler Anteilnahme geführt. Es war somit eine im besten Sinne stimmige Grundlage für eine würdige Wiedergabe dieses immer noch imponierend modernen Werkes des spätromantisch durchtränkten Expressionismus. Der Beifall entsprach allerdings – wie schon öfter bei Strauss Opern in Stuttgart erlebt – nicht der Üppigkeit des Gebotenen. Oder wurden die musikalisch Aktiven mal wieder von einer zu sehr irritierenden Regie beeinträchtigt?                                                          

Udo Klebes

 

 

Diese Seite drucken