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STUTTGART: ROMEO UND JULIA. Ballett „von Shakespear’schem Format“

24.02.2013 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett: „ROMEO UND JULIA“ 23.2.2013 – Von Shakespear’schem Format

 

 

Evan Mc Kie – der heitere Romeo  und der tragische Romeo mit Sue Jin Kang als Julia. Copyright: Stuttgarter Ballett

Kann jemand, der für die Partie von Crankos „Onegin“ wie geboren scheint, auch ein gleichermaßen überzeugender Romeo sein? Die hier besprochene Vorstellung beantwortet diese Frage mit einem entschiedenen JA. Evan McKie heißt der international gefragte Erste Solist, der knapp zwei Jahre nach seinem von unglücklichen musikalischen Umständen begleiteten und mit anderer Partnerin absolvierten Rollendebut an diesem Abend zum gefeierten Mittelpunkt wurde. Und das mit einer Julia, die immerhin Sue Jin Kang heißt und immer noch eine uneingeschränkte Kapazität ist, wenn es darum geht, Herzlichkeit und Wärme sowie das totale Fallenlassen in eine x-mal getanzte Partie nie zur Routine verkommen zu lassen. Dennoch richtete sich hier ein großer Teil der Aufmerksamkeit auf McKies Romeo. Zunächst einmal auf seine große Erscheinung, die Haltung eines Kavaliers, dann auf die langen Beine, die den Arabesquen und Drehungen auf der Basis seiner ohnehin präzise eingesetzten Technik eine weit und federnd leicht ausschwingende Form gab. In den Pas de deux stellte sich unterstützt vom hingabevollen Vertrauen der Partnerin und seiner liebevollen Fürsorge jener Fluss ein, der die Choreographie erst verbindlich begreifbar macht und obendrein auch für sich gesehen eine musikalisch korrespondierende Ästhetik der Bewegungen möglich macht. Gleichzeitig faszinierte an diesem Romeo aber, wie er ihn spielerisch mit Leben füllte und über das von anderen Rolleninterpreten durchschnittlich erzielte Maß an Charakter-Profilierung hinaushob.

Das Wesentliche liegt dabei im Sichtbarmachen Shakespear’scher Ambivalenz zwischen Heiterkeit und Tragik. Das beginnt bereits bei der ersten Marktplatz-Szene, wo Mc Kies Minenspiel bei aller fröhlichen Teilnahme am Spaß seines Clans ein nachdenklicheres Naturell erkennen lässt. Was nicht heißt, dass er sich nicht überschwänglich über die brieflich überbrachte Nachricht Julias durch die Amme freuen kann. Selten wurde auch so deutlich, wie sich Romeo zunächst empört gegen Mercutios Duell mit Tybalt zur Wiederherstellung seiner Ehre auflehnt, um dann nach der Tötung seines Freundes umso entschlossener gegen den Herausforderer vorzugehen. Doch Tybalts Tötung ist für ihn kein Sieg, sondern Bewusstwerdung eigener Schuld, so reuevoll verzeihend kauert er zu Füßen von Lady Capulet. Auch der Schlafzimmer-Pas de deux bekommt bei ihm ein ungewohnt großes Format, indem er mit einer durchgezogen deprimierten Grundstimmung Signale setzt, als ob er seinen baldigen Tod bereits vorausahnen würde. Die Verabschiedung von Julia nach gemeinsam verbrachter Nacht wird so zum aufregenden Zwiespalt zwischen letzter Umklammerung der Geliebten und der Suche nach einem geeigneten Moment die notwendige Flucht in die Verbannung anzutreten. Zweifellos ermöglicht ihm hier auch die Partnerin sich psychologisch so tief zu öffnen. Die Reihe der Beispiele könnte noch weiter fortgesetzt werden. Es bleibt aufregend zu verfolgen, wie McKie in den kommenden Jahren mit noch wachsender Rollen-Erfahrung Schauspiel und Tanz weiter verfeinern wird.

Im Pas de trois, dem einzigen Moment wo die Technik über dem Ausdruck steht, gab es den seltenen Fall eines diesbezüglich ebenbürtigen Tänzer-Trios, in dem jeder für sich alleine genommen die besten Voraussetzungen hatte, aber aus welchen Gründen auch immer nicht synchronisch harmoniert haben. Filip Barankiewicz erreichte als Mercutio eine optimale Deckung an akkurater, aufgeladener Sprungkraft und humorvoll-verinnerlichter Gestaltung.

Daniel Camargo ist ein Beispiel, wie sich Benvolio trotz reichlich vorhandenen Charmes und in weit höheren Herausforderungen gar außergewöhnlich bewiesener technischer Meisterschaft im laufenden Repertoire nicht so mit links aus dem Ärmel schütteln lässt – seine regelmäßig verpatzten Landungen in jenem Pas de trois sind eigentlich nur vor diesem Hintergrund erklärbar.

Bei allem auf Romeo gerichteten Schwerpunkt dürfen einige Debuts in den weiteren Rollen nicht unerwähnt bleiben, auch wenn sie unterschiedlich erfolgreich ausgefallen sind.

Viel Belebung erfährt das Trio der Zigeunerinnen durch die Aufnahme von Rachele Buriassi, die sich mit Heißblut ins Geschehen warf und nach Mercutios Tötung mit den Fäusten recht vehement auf Tybalt eintrommelte, und Elisa Badenes, deren jugendliches Feuer, egal was sie tut, so richtig ansteckend ist. Zusammen mit der vielfach erprobten und nicht weniger spielfreudigen Magdalena Dziegielewska ergibt das in jedem Moment zündende Frauen-Power.

Weniger rollengerecht sah es bei den Männern aus: Matteo Crockard-Villa mag die Choreographie noch so korrekt und in den letzten Aufbäumungen gar auffallend individuell ausfüllen, aber er ist mangels einer auffälligeren Erscheinung und seines eher weichen Typs das Gegenteil von einem Menschen wie Tybalt, der bei jedem seiner Auftritte Gefahr und Furcht vermitteln sollte. Auch wenn es Nebenrollen sind, unwichtig ist keine: Petros Terteryan ist ein gefühlvoller Pater Lorenzo, Louis Stiens ein Herzog von Verona, der den Fehler begeht, etwas zu viel händeringende Gestik und erbitterte Mimik zu investieren und damit übers Ziel hinaus schießt. Das lässt sich beheben.

Nikolay Godunov bleibt vor allem als im Madrigal mit Julia schön und weich schwebende Hebe-Figuren ermöglichender Graf Paris in Erinnerung. In den Charakterrollen von Julias Eltern und der Amme bewährten sich vielfach erprobte Darsteller.

Corps de ballet und Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von James Tuggle ergänzten als solide Stützen Cranko/Prokofieffs Werk.

Udo Klebes

 

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