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STUTTGART: PIQUE DAME – der Orchestergraben als Ort der Handlung. Premiere

12.06.2017 | Oper

Stuttgart

„PIQUE DAME“ 11.6. 2017 (Premiere) – Der Orchestergraben als Ort der Handlung

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Brilliert in einer Nebenrolle: Yuko Kakuta. Copyright: A.T.Schaefer

Ob Zufall oder nicht? Jedenfalls ein simpler, aber doch Welten trennender Vergleich: sowohl in der letzten Stuttgarter Opernpremiere, Brittens „Death in Venice“ als auch in der jetzigen von Tschaikowskys 1890 uraufgeführtem Spielerdrama, agierte der Hauptdarsteller in T-Shirt und Kapuzenpulli. Bei Gustav von Aschenbachs Innenschau stört dies überhaupt nicht, weil Inszenierungskonzept und Interpret dem Werk genau in die Hände spielen, bei Germans getriebenem Weg in den Wahnsinn reduzieren sich dagegen Profil und Glaubwürdigkeit, und erhalten auch keine Unterstützung durch die Verkörperung. Es geht hier nicht darum, zwei Neuproduktionen gegeneinander auszuspielen, lediglich um das Beispiel, anhand zweier in die Gegenwart versetzter Stücke zu zeigen, wann ein modernes Konzept sinnfällig ist und funktioniert und wann es scheitert.

Jetzt aber klar zu Tschaikowsky: schwärmerische Liebes-Thematik und abgründiges Raunen, volksliedhafte Couplets und verträumte Romanzen, massive Natur-Elemente und stilisierte Schäferweisen – der musikalische Kosmos der nach Alexander Puschkins Novelle von 1833 entstandener Oper ist reichhaltig und vor allem kontrastreich, ihr beständiger Wechsel ein unaufhörliches Spannungsfeld. Als solches macht es GMD Sylvain Cambreling mit dem quer durch alle Instrumentengruppen gut disponierten Staatsorchester Stuttgart während der gesamten Aufführung hör- und erlebbar. Da werden Motive klar konturiert, Kantilenen (ganz besonders in den Celli) leuchtend und voller Innenspannung intoniert, Holzbläser zu farbreichen Stimmungsträgern, Extreme schroff und schonungslos herausgestellt, aber auch schlankere und leichtere Töne für die Reminiszenzen an Mozart und Gretry entwickelt. Bei aller Emphase, die aus dem Orchestergraben den Raum erfüllt, ist den Stimmen auch in den lärmenderen Abschnitten  genügend Freiraum zur Entfaltung eingeräumt.

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Helene Schneiderman, Rebecca von Lipinski, Erin Caves. Copyright: A.T.Schaefer

Auf dieser Basis stimmten also die Vorraussetzungen für eine unmittelbar in allen ihren unterschiedlichen Erscheinungen packende Realisierung des Werkes. Das Hausherren-Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito  verhedderte sich dagegen mit der Ausstatterin in den zeitlichen Divergenzen zwischen der zugrundeliegenden Novelle und der von Tschaikowskis Bruder Modest erfolgten Operneinrichtung und plättete dabei die Widersprüche zwischen deren Entstehungszeiten, dem Anachronismus des recht brauchbar gelungenen Schäferspiels und dem nur noch peinlichen Auftritt der Zarin Katharina als Blondine, die unter einem Umhang ihre Bademode präsentiert, zum sozialkritischen Hintertreppen-Roman in einem St. Petersburger Elendsviertel. Anna Viebrock ließ dafür auf der Drehbühne wechselnde herunter gekommene Stadthäuser-Fassaden mit Eisenbalkonen und vielen steilen Treppen sowie Hinterhof-Durchgängen errichten. Diese bröckelnden Hauswände entpuppen sich jedoch auf der Rückseite als leere Hülle, so dass nur Aussenräume sichtbar bleiben.

Zum dramatischen Verlauf der Handlung trägt diese Symbolik ebenso wenig bei wie das häufige Nutzen der Treppen als Fluchtweg oder als bloßes Mittel, die Regie in Gang zu halten. Was die Szene auch mangels einer teilweise geforderten unheilvollen Beleuchtungseinrichtung schuldig bleibt, kann das fixe Inszenatoren-Gespann auch mit seiner sonst so geschickten Hand für Personen-Interaktionen nicht ausgleichen. Ein wesentlicher Verlust an Konflikt-Potenzial und Glaubwürdigkeit liegt in der Einebnung der Standesunterschiede, wo doch die Verbindung Germans zu Lisa und ihrer durch das Wissen um drei Gewinn bringende Karten geheimnisumwitterten Großmutter in der Brisanz der Unerreichbarkeit liegt. Diese moskovitische Venus oder „Pique Dame“ genannte Gräfin, die einst für den Preis einer Liebesnacht das Geheimnis jener drei Karten erpresst hat, bekommt zwar als Sonder-Requisite eine altertümliche fahrbare Aufzug-Kabine, durch die ihre Auf- und Abtritte erfolgen, als Relikt der Vergangenheit an die Seite gestellt, doch sie selbst ist auch eine herunter gekommene Frau in grauer Langhaar-Perücke und schäbiger Kleidung, die mit dem Einkaufswagen durch die Gegend fährt und zum Flachmann greift. Die Dämonie als wesentlicher Faktor ihrer musikalischen Charakterisierung bleibt völlig ausgespart, stattdessen sehen wir eine noch nicht zum alten Eisen gehörende Frau, die ihr Gesicht immer wieder hinter einer großen Sonnenbrille versteckt. Wenn sich German der am Boden Liegenden langsam zudringlich nähert, greift sie nach ihm und berührt seine Lippen, als ob ihr im Angesicht des Todes ein einstiger Liebhaber in Erinnerung kommen würde. Ganz am Ende tritt sie ihm noch einmal leibhaftig entgegen und drückt ihm einen Kuss auf die Lippen – der Todesbringer, weil sich German nicht wie vorgesehen, selbst richtet? Kammersängerin Helene Schneiderman vermag dieses gegen jegliche Konvention gerichtete Rollen-Konzept mit ihrer Persönlichkeit, Präsenz und einem über bislang ungeahnte dunkle fahle Farben verfügenden Mezzosopran vollkommen auszufüllen. Die verloren gegangene Aura um diese Person geht indes auf das Konto der Regie.

German selbst ist vom Offizier der Vorlage zum Streuner im schwarzen T-Shirt mit Emblem Peters des Großen und Kapuzenpulli degradiert – seine Spielsucht, die eher eine Drogensucht ist (Spritze!) mündet nicht in einen Ehrverlust. Für diesen erniedrigten und konturenlosen Charakter hätte es eines präsenteren und über mehr (leise) Zwischentöne verfügenden Tenors bedurft als es dem eher blassen Amerikaner Erin Caves zur Verfügung stand. Als Wagner- und Strauss-Interpret hatte er sich in Stuttgart überaus positiv eingeführt, und so stattet er den German auch mit viel heldischem Potenzial, üppiger Mittellage und kräftigen (in der Premiere) nicht immer ganz intonationsreinen Spitzentönen aus. Letztlich ist er aber ein Opfer der Regie wie auch Rebecca von Lipinski, die als Lisa in ihrem Kampf widerstreitender Gefühle erstaunlich wenig Kontur erhält und alleine mit ihrem wie immer klaren, zu schwebenden Lyrismen und resonanzreichen Forte-Ausbrüchen fähigen Sopran einen vokalen Glanzpunkt setzt.

Auch das weitere Personal punktet in erster Linie gesanglich: Vladislav Sulimsky als aus St.Petersburg gastierender Graf Tomsky mit warm fülligem und in den Höhen sicher gestütztem Bariton, Shigeo Ishino als eher verschlossener, fast unbeweglich beobachtender Gegenspieler Fürst Jeletzky mit seinem grobkörnigen und dabei sauber und tonschön phrasierenden Bariton, Stine Marie Fischer als Lisas Freundin Polina mit klangvollem Alt, Maria Theresa Ullrich als in diesem Umfeld deplazierter Gouvernante mit herzhaftem Mezzosopran, Yuko Kakuta als agile Mascha und hyperaktiv brillante Prilepa in der Schäfer-Spieleinlage auf Lisas Verlobungsfest sowie Germans individuell gezeichnete Freunde Torsten Hofmann (Tschekalinski), David Steffens (Surin), Gergely Nemeti (Tschaplitzki) und Michael Nagl (Narumov). Letztere profitierten als kleine Gruppe von der Aufmerksamkeit, die die Regie dem wieder einmal hinreissend aus dem Vollen seines vokalen und darstellerischen Könnens schöpfenden Staatsopernchor Stuttgart (Einstudierung: Johannes Knecht) geschenkt hat. Auch im größten Ballungsmoment wurde da Transparenz gewahrt. Der Kinderchor der Staatsoper wurde statt des ursprünglichen, aber zeitlich hier natürlich nicht mehr passenden Aufmarschs als Soldaten von Tomsky zum Ballspiel kommandiert.

Trotz einiger auf alle verteilter ( bei German auffallend verhaltener) Begeisterung war die Gesamtreaktion eher gebremst – der Schatten der Inszenierung lastet wohl doch zu schwer auf Tschaikowskys von Natur aus sprengkräftigem Psycho-Drama.

Udo Klebes

 

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