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STUTTGART: PARSIFAL – Wiederaufnahme

Das Leiden des Gralskönigs

04.03.2018 | Oper


Attila Yun. Copyright: Martin Sigmund

Richard Wagners „PARSIFAL“ als Wiederaufnahme am 4. März 2018 in der Staatsoper/STUTTGART

DAS LEIDEN DES GRALSKÖNIGS

Der Regisseur Calixto Bieito (szenische Leitung der Wiederaufnahme: Valentin Schwarz) hat Richard Wagners Meisterwerk „Parsifal“ in eine apokalyptische Landschaft verlegt, die Zivilisation ist hier vernichtet, es herrscht Ascheregen und die Menschen vegetieren obdachlos dahin. Es geht hier natürlich auch um die Wiedergeburt einer Seele bis zur Erlösung, das war Wagner sehr wichtig. Und es handelt sich um ein Bühnenweihfestspiel, keine normale Oper.

Natürlich kommt dieser Aspekt bei Bieitos Inszenierung zu kurz – trotzdem arbeitet er die verletzte Grundsituation deutlich heraus. Klar wird, dass der Gralskönig Amfortas leidet. Denn der Zauberer Klingsor hat dem von einer „teuflisch schönen Frau“ Verführten mit einem heiligen Speer eine Wunde geschlagen, die nicht heilen will. Bei der Gralsenthüllung bricht die Wunde des Königs jedes Mal von neuem auf. Deshalb knüpft sich alle Hoffnung an die Ankunft des“reinen Toren“, der „durch Mitleid wissend“ werden soll. Da Parsifal von seinem Schicksal nichts ahnt, klärt ihn die Seherin Kundry darüber auf. Die Gralsgemeinschaft ist zwar der Auflösung nahe, doch Parsifal rettet zuletzt den Gralskönig Amfortas.

Die Menschen sind bei Calixto Bieito allerdings in ihem eigenen Leid gefangen, es herrscht Tod und Verzweiflung. Dem Zuschauer begegnen hier immer wieder in suggestiver Weise bedrückende Bilder einer zerstörten Zivilisation, was an Figuren aus Cormac McCarthys Roman „Die Straße“ erinnert. Dort ist der Vater nicht mehr in der Lage, seinem Sohn einen Glauben an die Zukunft zu vermitteln. Der Spielort zeigt eine Ruine, eine zerstörte Brücke. Man begegnet einer Gemeinschaft von Männern, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, ihrer Existenz einen religiösen Sinn zu geben. Es werden aber keine Rituale mehr durchgeführt, weil diese Gemeinschaft in einer schweren Krise ist. Diesen Aspekt arbeitet die Inszenierung deutlich heraus. Die Gegenstände entstehen hier aus einer Notwendigkeit des Handelns heraus.

Das Staatsorchester Stuttgart musiziert unter der impulsiven Leitung von Sylvain Cambreling wie aus einem Guss. Dies zeigt sich bereits beim Gralsmotiv, dessen Intensität ständig zunimmt. Die Musik entschädigt in weiten Teilen auch für den fehlenden „Weihegehalt“ der Inszenierung Calixto Bieitos, was sich zudem beim Motiv der reuevollen Demut am Ende des ersten Aktes offenbart. Schon beim Vorspiel fällt der Klangfarbenreichtum auf, mit dem das Staatsorchester Stuttgart hier unter Cambrelings Leitung musiziert. Die Wechsel von As-, Ces-Dur nach d-Moll werden durchaus geheimnisvoll gestaltet. Das Motiv des Glaubens mit seiner sequenzartigen Umkehr überzeugt bei diesem subtilen Dirigat auch in klangfarblicher Hinsicht. Dass der Quell der musikalischen Inspiration bei diesem Alterswerk angeblich nicht mehr so verschwenderisch strömt, ist eine krasse Fehleinschätzung, die der Dirigent Sylvain Cambreling mit dem vorzüglich musizierenden Staatsorchester Stuttgart offenbart.

Die leuchtende Diatonik der Gralswelt funkelt trotz des visionär-trüben Bühnenbildes von Susanne Gschwender in geheimnisvoller Weise hervor (Kostüme: Merce Paloma).

Markus Marquardt kann als Amfortas die leidenschaftlichen Klagen des Königs mit seinem sonoren Bariton gut verdeutlichen. Das eindrucksvolle Motiv des Leidens kommt auch bei Gurnemanz‘ Worten „Er naht, sie bringen ihn getragen“ in ausdrucksvoller Weise zum Vorschein, weil Attila Jun als Gurnemanz über viele klangfarbliche Facetten verfügt. Der von Christoph Heil und Johannes Knecht in kompakter Weise einstudierte Chor und Kinderchor der Staatsoper agiert mit bestechender harmonischer Durchsichtigkeit. Der Gesang der Männer verleiht dem Schreitmotiv mit der langgezogenen Kantilene Entschlossenheit und formale Kraft. Auch das Motiv der Zerknirschung arbeitet Cambreling mit dem Staatsorchester mit den schnellen Modulationswechseln von es-Moll nach Fes-Dur und Es-Dur nuancenreich heraus.


Daniel Kirch. Copyright: Martin Sigmund

Es tut sich bei dieser Aufführung also ungeheuer viel im Orchestergraben, dessen elektrisierende Funken sich auf die weitere Sängerriege übertragen. Davon wird nicht nur der strahlkräftige Parsifal von Daniel Kirch angesteckt, sondern auch der durchaus dämonische Klingsor von Tobias Schabel. Christiane Libor als Kundry fasziniert mit feurigen Spitzentönen und gesanglich bewegender Mittellage trotz manchmal fehlender Legato-Bögen. Ihre Sopranstimme ist hell und zuweilen sogar jugendlich, wirkt aber nie oberflächlich. Die unheimlich zuckenden Rhythmen des Klingsor-Motivs übertragen sich im zweiten Akt in erstaunlicher Weise auf Kundry, die das Unruhe-Motiv geradezu verinnerlicht. Gerade die sich ständig selbst verletzenden Blumenmädchen, die auch von Parsifal misshandelt werden, erhalten bei Cambreling und dem Staatsorchester Stuttgart dennoch einen geschmeidigen Linienzug der Orchesterkantilene, dessen Intensität ständig zunimmt. Wie Christiane Libor aus dem Verzweiflungsmotiv schließlich das Lockmotiv gestaltet, ist nicht nur vom Timbre her bemerkenswert. Auch darstellerisch gewinnt sie im zweiten Akt immer mehr an Profil. Bei der Passage „Ich sah – ihn – und – lachte…da traf mich sein Blick“, bei welchem die Singstimme vom hohen H auf das tiefe Cis springt, setzt sich Kundrys innerer Wandlungsprozess konsequent fort. Cambreling lässt den Schluss des zweiten Aktes wie ein ohrenbetäubendes Gewitter hereinbrechen.


Daniel Kirch, Attila Yun, Christiane Libor. Copyright: Martin Sigmund

Ein weiterer Höhepunkt dieser Aufführung ist die gewaltige Dekorationsumwandlung im dritten Akt. Kundry klettert wie von Sinnen an dem kaputten Brückengerüst hinauf. Die Totenklage dröhnt durch den Raum, deren Bassstimme im gleichen Rhythmus ununterbrochen weitergeführt wird. Und auch die Intervallschritte dieses Motivs kommen nicht zu kurz. Matthias Hölle als Titurel begeistert mit des Basses Grundgewalt, im dritten Akt wird das nach Erlösung rufende Titurel-Double (Otto Quenzer) von den wildgewordenen Männern der Gralsgemeinschaft im Bad erschlagen. Die Entweihung des katholischen Mysterienfestspiels könnte bei Calixto Bieito nicht gründlicher sein.

Darin aber besteht auch die Problematik dieser Inszenierung. Die Errettung Titurels und seines Sohnes Amfortas durch den als Engel erscheinenden Parsifal ist trotzdem ein überzeugender Regieansatz. Das gleiche gilt für die sich plötzlich öffnenden Saaltüren im Zuschauerraum, wo der Kinderchor mit Engelsflügeln erscheint. Es sind diese großen Gegensätze, die hier oft nicht logisch erscheinen und sich dann doch wie ein Mosaik zusammenfügen. Durch mehr dramaturgische Einheit könnte diese Inszenierung dennoch noch mehr an Glaubwürdigkeit gewinnen. In weiteren Rollen fesseln bei dieser musikalisch weit überdurchschnittlichen Aufführung Heinz Göhrig und Michael Nagl (1. und 2. Gralsritter), Josefin Feiler, Esther Dierkes, Torsten Hofmann, Moritz Kallenberg (1., 2., 3. und 4. Knappe) sowie die Blumenmädchen Josefin Feiler, Esther Dierkes, Fiorella Hincapie, Mirella Bunoaica, Aoife Gibney und Stine Marie Fischer. Stine Marie Fischer ist auch die Stimme aus der Höhe. Vor allem für die Sängermannschaft und für Orchester und Dirigent gab es große Ovationen. 

Alexander Walther

Wien/ Staatsoper: ARIODANTE – Vierte Vorstellung der Premierenserie

Dominik Troger berichtet:

http://www.operinwien.at/werkverz/haendel/aariod4.htm

ST. MARGARETHEN STARTET MIT „DIE ZAUBERFLÖTE“ – UND DANIEL SERAFIN WIRD OFFENBAR DER NEUE „ÜBERCHEF“

Als Daniel Serafin in Mörbisch trotz Fürbitten seines Vaters an Dagmar Schellenberger gescheitert ist, hatte ich fast etwas Mitleid mit ihm – völlig unbegründet, wie sich mittlerweile herausgestellt hat (abgesehen davon, dass Schellenberger bereits Mörbisch-Geschichte ist). Er hat offenbar eingesehen, dass er mit seinem Gesang kaum große Karriere machen würde. Da gibt es Parallellen mit mir, als ich beim Fußball bemerkt habe, dass der Ball nicht eben mein Freund ist, bin ich Chef von Fußballern geworden. 

Nun taucht Daniel Serafin – für mich überraschend – auf einem Foto der Burgenland- und St. Margarethen Granden auf:

 

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