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STUTTGART: OTHELLO – Ballett von John Neumeier – „Die Macht der Suggestion“

STUTTGART: OTHELLO – Die Macht der Suggestion – Ballett, 5.7.2013

 
Jason Reilly (Othello) und Evan McKie (Jago) Foto: Stuttgarter Ballett

Zum zweiten Mal nach 2008 nimmt das Stuttgarter Ballett John Neumeiers „Othello“ wieder in sein Repertoire auf und das mit Recht, denn obwohl das Werk 1985 für das Hamburg Ballett choreographiert wurde, scheint es mit seinen charakterstarken und komplexen Figuren wie geschaffen zu sein für Stuttgart und dessen auch schauspielerisch sehr begabten Tänzer.

Den Kern des Dramas „Othello, der Mohr von Venedig“ von Shakespeare, beschrieb Victor Hugo sehr treffend: „Was ist Othello? Das ist eine Nacht. Eine gewaltige fatale Gestalt. Die Nacht ist verliebt in den Tag. Die Finsternis liebt die Morgenröte, der Afrikaner betet die Weiße an. Desdemona ist für Othello die Klarheit und der Wahnsinn. Deshalb verfällt er der Eifersucht so rasch….Die Eifersucht verwandelt den Helden jäh in ein Ungeheuer, der Schwarze wird zum Neger. Es ist, als ob die Nacht dem Tod ein rasches Zeichen gegeben hätte.“

Basierend auf Shakespeare kreierte Neumeier ein Ballett in 2 Akten, unterteilt in jeweils 10 Musik-Stimmungsbilder, das tänzerisch ein sehr breites Spektrum umfasst: vom afrikanischen Tanz des wilden Kriegers, über die lasziven Bewegungen der Kurtisane Bianca, dem stampfen und toben Jagos, sowie dem fröhlich unschuldigen Tanz der Primavera, bis hin zum zärtlichen, fast in Zeitlupe verlaufenden, Pas de deux der Liebesnacht zwischen Desdemona und Othello. Das minimalistische Bühnenbild, bestehend aus einem mit weißen Leinen bedeckten Metallgerüst, das gleichzeitig Schiff und Schlafgemach darstellt, dient auch als gehobene Bühne für das Staatsorchester Stuttgart, das unter James Tuggle die gegensätzlichen Klänge von Naná Vasconcelos, Arvo Pärt, Alfred Schnittke u. a. sehr stimmungsvoll interpretierte.

Demnach wie Jason Reilly nun Othello tanzt, könnte man sagen dies sei die Rolle seines Lebens, so souverän sind seine Bewegungen und natürlich seine Ausstrahlung. Beeindruckend, wie er alle Facetten aus Othellos Charakter gleichermaßen beherrscht: lustvoll im wilden Tanz, präzise und intensiv, wie in einem Flow, im Solo aus dem 1. Akt und sanft und hingebungsvoll im Liebes-Pas de Deux. Noch strahlend und charmant im „Morgenlied“ zu Beginn des zweiten Aktes, überzeugt er vor allem durch die sukzessive Wandlung zum von Zweifeln geplagten Mann, der aus Eifersucht tötet. An seiner Seite stellt Alicia Amatriain bei ihrem Rollendebüt eine etwas einfältige Desdemona dar, zu oft wirkt ihr Lächeln wie eine maskenhafte Starre. Schade, denn tänzerisch beherrscht sie dafür die Rolle umso mehr und ist am überzeugendsten in den ernsthaften Szenen wie das Pas de Deux der Liebesnacht sowie in ihrem Versuch, Othello noch umzustimmen und von ihrer Unschuld zu überzeugen.

Evan McKie debütiert als ein spöttischer und kühler Jago, der jedoch auch von Hass bis Wahnsinn getrieben wird. Seine langen Glieder lassen zudem die feinen Bewegungen effektvoll und die gewalttätigen Bewegungen furchteinflößend zur Geltung kommen. Sein spöttisches Lachen offenbart seinen Plan und er versteht es eindrucksvoll, die Suggestion durch Bewegung auszudrücken. Die Macht seiner Suggestion löst das Drama aus und pflanzt in Othellos Kopf den Samen, den Jago weiter nährt und der sich unaufhaltsam weiterentwickelt. Opfer seiner Pläne werden auch seine Frau Emilia (würdevoll Qual ertragend – Sue Jin Kang) und der ahnungslose Cassio (von brav bis leidenschaftlich – Alexander Jones).

Insgesamt ein sehr starkes Ensemble, das für einen intensiven Abend sorgte. Verdient viel Jubel, auch für John Neumeier, der Stuttgart die Ehre gab und sich sichtlich darüber freute, in dem Theater, in dem einst seine Karriere begann, immer noch so beliebt zu sein.

Dana Marta

 

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