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STUTTGART/ Opernhaus: DAS LIED VON DER ERDE (kombiniert mit „Die Bienenkönige“. Premiere

29.10.2020 | Oper international


Katja Bürkle. Foto: Matthias Baus

Stuttgart/Opernhaus: „DAS LIED VON DER ERDE“  (kombiniert mit „ Die Bienenkönige“ am 27.10. 2020 (Premiere) – szenisches Experiment in umfunktioniertem Rohbau

Nach über 30 Jahren wäre endlich wieder Richard Strauss Festoper „Die Frau ohne Schatten“ auf die Stuttgarter Opernbühne gekommen, wenn nicht die Corona-Pandemie einen Strich nicht nur durch diese Rechnung gemacht hätte.

Da hieß es wie bei einigen anderen Projekten auch Umdenken und aus der Situation etwas Neues zu gestalten, auf andere Art kreativ zu werden. Dass dies auch zu ganz neuen Formen der Präsentation führt, liegt auf der Hand. Der farblich noch unbehandelte Rohbau des Bühnenbildes für Strauss großdimensioniertes Werk bot den Auslöser für eine anderweitige Nutzung. Eine gewisse inhaltliche Nähe führte schließlich zur Idee Mahlers Orchesterlieder-Zyklus einen szenischen Rahmen zu geben und zur Füllung des pausenlosen Abends obendrein Elfriede Jelineks „DIE BIENENKÖNIGE“ aufgrund ihres inhaltlichen Zusammenhangs als Prolog oder andersartiges Gegenüber voran zu stellen.

Nun, Jo Schramms Bühnenraum, ein halbhoch abgeschlossenes Refugium mit einer zentralen kreisförmigen, mittels eines Steges überbrückbaren Vertiefung, einem darum herum führenden Wassergraben und dahinter stufenweis erhöhter Umrandung (was auch ohne Wissen eine Eignung für die Strauss-Oper erkennen lässt) liefert eine durchaus sinnfällige Basis für die Thematik von Tod und Abschied des Menschen bzw. dessen selbst verschuldeter Zerstörung unseres Planeten. Plastiksäcke und Kanister mit der letzten Habe des Menschen sind die einzigen überlebt habenden Übrigbleibsel. Bettina Werner und Claudia Irro haben Kostüme aus dem Fundus dekonstruiert und mit neuen Versatzstücken, teils banal (Jogginghose, Polyesterbluse), aber auch aufwendig (ein Schutzpanzer aus Glasfaser, Kunstharz und Autolack) zusammengesetzt. Die Erzählerin von Jelineks Monolog, ein Wesen vom Planeten Approxima Delta in schwarz glänzendem Lack, das zur Sterbeforschung auf die Erde geschickt wurde (es gibt auch eine Hörspielfassung mit verteilten Rollen) klettert anfangs auf einer Leiter in die Spielfläche. Auf der Suche nach zivilisatorischen Spuren und den Ereignissen, die zur Katastrophe geführt haben, findet das Wesen weit unter der Erdoberfläche Zeugnisse der Wissenschaftler- Kolonie Torona 2. In dieser Ruine trifft es auf Überlebende, die sich von ihren Unterdrückern befreit haben und nun ihrerseits auf Erlösung warten. So lautet es in der Anleitung im knapp gehaltenen Programm-Prospekt. Katja Bürkle  gestaltet diesen langen, in Science fiction-Manier gehaltenen Monolog dank ihrer emphatischen, individuell geprägten Sprechstimme so hinreichend dynamisch, dass gewisse Längen überbrückt werden.

Die erwähnten Überlebenden sind sodann die vier Interpreten, die sich auf Strauss Liederzyklus in der von Arnold Schönberg hinterlassenen und erst 1983 von Rainer Riehn vollendeten Kammerfassung für 29 MusikerInnen abwechselnd verteilen. Verhüllt, bandagiert oder gepanzert sinnieren sie in dieser Endzeitkulisse verloschener Jugend oder verlautbartem Jammer der Erde nach und nehmen getragen von einem Funken Erlösung Abschied, so wie es in den nach chinesischen Gedichten von Hans Bethge gefassten Texten und in Mahlers Musik mit ihrer Naturnähe und Zwischen den Welten-Stimmung mitschwingt. So realistisch Jelineks Apokalypse daher kommt, so kunstvoll verschwimmt die Wahrheit bei Mahler in Einsamkeit und Trauer. Wie gut nur, dass Letzteres durch das mehrmals wiederholte „Ewig“ doch noch einen Funken Licht belässt, indem es bei einem offenen Schwebezustand bleibt anstatt zu enden.

In diesem hier zur Diskussion gestellten thematischen Zusammenhang erhält dann Mahlers Werk einen anderen Blickwinkel, ohne die musikalische Substanz zu beeinträchtigen. Die kammermusikalische Fassung bekommt diesem Werk außerordentlich gut, nimmt dem Ausdrucksreichtum nichts an wesentlicher Bedeutung und kommt den Gesangsstimmen zweifellos seht entgegen, wo sie (vor allem der Tenor) gegen ein immenses Instrumentarium ansingen müssen. Regisseur David Hermann, der laut Auskunft schon länger mit einer szenischen Darstellung Mahler’scher Musik liebäugelte, kann die Sänger so auch ohne Nachteile mal ganz hinten am Boden zusammengekauert oder sehr seitlich arrangieren und den Resten der Zivilisation hingeben lassen.

Ungewöhnlich ist die Aufteilung der sechs Lieder auf vier Stimmfächer, wobei der Sopran die eigenwilligsten Akzente setzt, wenn er sich einem träumerischen, unbeschwerten Bild gespiegelter Jugend hingibt. Die Lockerheit und Transparenz einer sonst damit betrauten Tenorstimme kann Simone Schneider mit ihrem üppigen Sopran trotz fein leuchtender Spitzen nicht ganz erreichen.


Evelyn Herlitzius. Foto: Matthias Baus

Von stärkerer Kontur und sprachlicher Prägnanz ist Evelyn Herlitzius dunkler getönter, leicht angerauter Charakter-Sopran, der obwohl kein Mezzo oder gar Alt (wie üblicherweise besetzt) eine faszinierende Tiefenschärfe in Diktion und Intonation aufweist und damit ihrem Gesang auch ein szenisches Format gibt.

Thomas Blondelle führt seinen kraftvollen lyrischen Tenor mit passend grellem Trunkenheits-Einschlag wenig differenziert und in den mehrheitlich flachen Extremhöhen bis an die Grenze seiner derzeitigen Möglichkeiten, überzeugt aber als imponierend glaubhafte, psychisch angegriffene Gestalt. Das tut auf andere Weise auch Martin Gantner, dessen melancholisch getränkte Nachdenklichkeit berührt, mit etwas trockenem, aber gut gestütztem und plastisch artikulierendem Bariton, womit er die dunklere vokale Seite des Liederzyklus würdig abdeckt.

Bei aller szenischen Bemühung und der en gros gewichtigen vokalen Statur dieser Aufführung erweckten indes die Klänge aus dem hoch positionierten Orchestergraben die größte Aufmerksamkeit. GMD Cornelius Meister  legte mit dem hoch konzentriert wirkenden, nur mit minimalen Tonschwankungen, die diese durchhörbare Kammerversion mit sich bringt, kämpfenden Staatsorchester Stuttgart  all das frei, was in der großsymphonischen Original-Version bei aller dynamischen Auffächerung nicht hörbar ist oder weniger subtil offenbar wird: kammermusikalische Preziosen wie der Dialog von Flöte und Gesangsstimme, die Kolorierung der Holzbläser, die kostbar exponierten Hörner, aber auch die Aufsplitterung diverser Schlagwerke. Ein Beweis dafür, dass Mahlers Werk doch hauptsächlich in der puren Musik stattfindet und darin Stimmungsbilder herauf beschwört, die sich szenisch, so gut gemeint dieses Ersatzprojekt gemeint ist, nicht einfangen lassen, auch wenn das zuletzt von oben herab schwebende, in verschiedenen Farben wie ein Stern schillernde und funkelnde Facettenauge mit dem nun in eine Art Insektenpanzer gesteckten Alphawesen einen starken optischen Schlusspunkt setzt.

Doch die MusikerInnen und ihr Dirigent durften beim anhaltenden, aber nicht so richtig begeisterten Applaus die überschwänglichste Publikumsgunst genießen.

Udo Klebes

 

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