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STUTTGART: „ONEGIN“ – GASTSPIEL DES BOLSCHOI BALLETT – Crankos Klassiker getanzt mit russischer Seele

08.01.2015 | Allgemein, Ballett/Tanz

STUTTGART:ONEGIN“ – GASTSPIEL DES BOLSCHOI BALLETT 06.01.2015 – Crankos Klassiker getanzt mit russischer Seele

 Onegin Bolshoi Ballett
Große Gefühle in perfekter Technik: Evgenia Obraztsova (Tatjana) und Vladislav Lantratov(Onegin) Foto: Stuttgarter Ballett

Als auf Einladung des Direktors Sergei Filindas Stuttgarter Ballett im Mai 2013 mit „Romeo und Julia“ im Bolschoi Theaterin Moskau gastierte, wagte das Stuttgarter Publikum wohl kaum zu hoffen, Solisten des Bolschoi Ballett wieder in Stuttgart sehen zu können. Doch der Austausch zwischen den Compagnien ging weiter, im Juli 2013 durfte zum ersten Mal das Bolschoi Ballett Crankos „Onegin“ tanzen, kurze Zeit später traten darin fünf Tänzer des Stuttgarter Balletts mit dem Bolschoi Ballett in Moskau auf und nun war es tatsächlich so weit: bis auf die verletzungsbedingt ausgefallene Olga Smirnova als Tatjana trat die vollständige Premierenbesetzung in Stuttgart zum Gegenbesuch auf.

„Onegin“ wird mittlerweile von allen bedeutenden Ballettcompagnien getanzt, Dieter Gräfe hat aber wohl lange gezögert, die Rechte auch der berühmtesten Ballettcompagnie der Welt zu vergeben, vermutlich aus Skepsis, wie die Choreographie eines Nicht-Russen, basierend auf dem allseits bekannten Versepos Alexander Puschkins, in Moskau ankommen mag. Mit entsprechender Spannung hat auch das Publikum in Stuttgart die Interpretation von Crankos Meisterwerk durch Solisten des Bolschoi Ballett erwartet und es hat sich mehr als gelohnt.

Von Anfang an bestechen diese mit lupenreiner Technik, die allen fünf Tänzern eine unglaubliche Geschmeidigkeit und Weichheit in allen Bewegungen ermöglicht und somit manche Stellen der Choreographie in neuem Licht erstrahlen lässt. Jedes Element wird mühelos ausgetanzt, keine Drehung wird ausgelassen, denn diese auf den Punkt zu enden wirkt bei ihnen spielerisch, Beine und Füße sind immer aufs Äußerste gestreckt, was die Linien noch sauberer als sonst wirken lässt. Technik alleine würde jedoch steril wirken und wer das Bolschoi Ballett kennt weiß, dass auch dort, ähnlich wie in Stuttgart, hohen Wert auf den Ausdruck und das Erzählen einer Geschichte gelegt wird.

So verzaubert bereits im ersten Akt Anna Tikhomirova als wunderbar verspielte und spritzige aber auch selbstsicher wirkende Olga, die ihren Verlobten leicht um den Finger wickelt. Ihre Verspieltheit gepaart mit naiver Koketterie wird ihr im zweiten Akt jedoch zum Verhängnis, löst sie doch durch ihren Flirt mit Onegin ein Drama aus. Neben ihr wirkt Semyon Chudin als verträumter Poet Lenski anfangs etwas unscheinbar, das Gleichgewicht wird jedoch in denPas de deux mit Tikhomirova, in denen beide wie eine Einheit wirken und ihre Version von Welt und Liebe zeigen, schnell wieder hergestellt. Davor beeindruckt Chudin bereits mit unglaublicher Leichtigkeit in seinem Solo. Gereift durch den Verrat Onegins und der Wankelmütigkeit Olgas, zeigt Chudinim zweiten Akt einen ganz anderen Lenski, der zutiefst enttäuscht glaubt, nur mehr im Duell mit dem erfahrenen Schützen Onegin Erlösung zu finden. Auch in dem Solo vor dem Duell besticht seine Technik: wo andere in den Arabesquen aufhören, fängt Chudin erst an und hebt diese noch höher auf die Spitze, fast in Zeitlupe lässt er sich nach hinten gekrümmt am Boden sinken und bringt damit Lenskis innere Zerrissenheit auf zutiefst berührende Art zum Ausdruck. Ein beachtlicher Auftritt des Ersten Solisten, der vergessen ließ, wie schwer diese Rolle ist, die wahrscheinlich nur von einer Handvoll Tänzern auf der ganzen Welt in dieser Manier getanzt werden kann.

 Onegin Bolshoi Ballett 1
Anna Tikhomirova (Olga), SemyonChudin (Lenski) Evgenia Obraztsova (Tatjana) und Vladislav Lantratov (Onegin) Foto: Stuttgarter Ballett

In der eigenen geistigen Welt schwebend wirkte Evgenia Obraztsova als Tatjana in der Anfangsszene, sie wird jedoch gleich nach dessen Auftritt von der dunklen Erscheinung Onegins eingenommen. Schüchtern und zögerlich versucht sie sich ihm anzunähern, ihre Gefühle kann sie jedoch nur im Traum, im Spiegel-Pas de deux, richtig zum Ausdruck bringen: hingebungsvoll lässt sie sich in Onegins Arme fallen und scheint in den vielen Hebungen und Würfen schier zu fliegen. Diese Leidenschaft weicht im zweiten Akt, als sie Onegin nach der Duellszene mit eisigem Blick tief in die Augen schaut, wird jedoch im letzten Pas de deux durch Onegins nun erwiderteLiebe wieder entfacht, was dem Ende nur mehr Dramatik verleiht: herzzerreißend, wie sie sich doch aus seinen Armen reißen, ihn verbannen kann und am Ende verzweifelt und vor Schmerz bebend fast zusammenbricht.

In der Hauptrolle setzte Vladislav Lantratov schon bei seinem Auftritt  mit wunderbar überheblichen Blick das erste Zeichen für seine sehr nuancierte Interpretation des Onegin. Ihm gelingt es, den hochmütigen, blasierten Mann von Welt zwar distanziert, aber nie kühl wirken zu lassen. Schon im Pas de deux mit Tatjana im ersten Akt (das leicht auch als ein Solo interpretiert werden kann, hat Tatjana hier ja eher nur einen begleitenden Part) zeugt seine Mimik auch vom bewegten Innenleben und man ahnt hier schon die Gefühle zu denen er fähig ist undzu denen er sich erst im letzten Akt, als es schon zu spät ist, bekennen wird. Im Spiegel-Pas de deux beflügelt er als leidenschaftlich Liebender auch seine Partnerin, die er immer sehr sicher und elegant durch die schwierigen Hebefiguren trägt. Gekonnt und charmant flirtet er im zweiten Akt rücksichtslos mit Olga, doch sein Gang zum Duell mit dem Freund Lenski ist von Zweifeln geplagt. Stolz und Wut, als dieser seinen Versöhnungsversuch mit einer Ohrfeige erwidert, lassen ihn diese  im Duell vergessen, bis zu Tatjanas vorwurfsvollen Blick, der ihn anschließend fast zu Boden sinken lässt.

Im Schluss-Pas de deux verzichtet Lantratov überraschend auf den üblichen Schnurrbart und zeigt sein Alter nur durch die nun ergrauten Haare, was der Rolle jedoch zugutekommt, denn seine Mimik ist somit weiterhin gut ersichtlich. Zusammen mit Obraztsova baut er den dramatischen Höhepunkt des Abends so atemberaubend auf, dass man denkt, diesmal mag die Geschichte anders zu Ende gehen und Tatjana bringt es doch nicht übers Herz, ihn noch abzuweisen. Auch technisch auf höchstem Niveau, zeigte der junge Russe eine ungewöhnlichewie auch berührende Leistung.

In der Rolle des Fürsten Gremin überzeugte Vitaly Biktimirov als selbstbewusster Aristokrat. Das Staatsorchester Stuttgart begleitete unter der Leitung von James Tuggle  sehr stimmig durch den Abend, an dem sich auch das Stuttgarter Ensemble einwandfrei zeigte.

Sergei Filin, der die Vorstellung aus der ersten Reihe sah, stand nach einigen Minuten Applaus bereits zum Gehen auf und hatte wohl mit so einem Erfolg seiner Schützlinge auf der Uraufführungsbühne in Stuttgart nicht gerechnet. Er musste sich jedoch wieder setzen, denn das Publikum wollte die sichtlich gerührten Gastsolisten nicht so schnell gehen lassen, zum Schluss gab es noch Standing Ovations vom Parkett bis zu den Rängen. Ein Abend voll großer Gefühle, der dem Publikum und wohl auch den Solisten noch lange in Erinnerung zu bleiben vermag.

Dana Marta

 

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