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STUTTGART: MEISTERWERKE – Konstanten, Schwankungen und ein starker Abend

Stuttgarter Ballett: „MEISTERWERKE“ 13.+21.6.2013 – Konstanten, Schwankungen und ein starker Abschied


Ein letztes Mal das Opfer – Alexander Zaitsev in „Le sacre“. Copyright: Stuttgarter Ballett

 Nicht nur, dass jedes der drei Stücke dieses Programmes mehrere Aufführungsbesuche lohnt, locken immer wieder verschiedene Debuts, die für spannende Erwartung und variierende Interpretationsansätze sorgen.

Eine wertvolle Chance bekam nun der ab der neuen Spielzeit zu den Halbsolisten gehörende Robert Robinson. Sein bislang gezeigtes Ausdrucks-Potential investierte er nun äußerst anschaulich und profiliert in den Melancholiker von George Balanchines „DIE VIER TEMPERAMENTE“. Mit vielsagend sprechendem Gesicht und ergänzend in den Körper einfließenden Ecken und Kanten übertraf er damit so manchen Vorgänger, auch wenn nicht zu übersehen ist, dass er den speziellen technischen Anforderungen dieser Neoklassik in Reinkultur noch nicht immer ganz gewachsen ist – vor allem im Hinblick auf das nachfolgende sanguinische Paar, dessen Charakter Maria Eichwald und Friedemann Vogel mit einem Höchstmaß an konzentrierter Perfektion und Gelöstheit entfalten.

Unter den sämtlich neu besetzten drei Themen-Paaren konnten vor allem Elizabeth Wisenberg und Louis Stiens mit spritzig ironischer Note einen Ausgleich zu noch vorhandenen Ungenauigkeiten leisten, während Anna Osadcenko und Nikolay Godunov eine ganz strenge Linie vertreten und Hyo-Jung Kang und Constantine Allen schon einiges von Balanchines Akkuratesse und Glanz erzielten.

Im Mittelpunkt des Abends stand Solist Arman Zazyan, weil er vor seiner Premiere im letzten Teil inmitten einer weitgehend bewährten Besetzung von Jerome Robbins „DANCES AT A GATHERING“ mit Maria Eichwald, Jason Reilly sowie Angelina Zuccarini und Filip Barankiewicz als führenden Farbtupfern seinen ausgeprägten Sinn für Witz und Lustbarkeit ausspielen konnte.

Mit fast beängstigendem, bannend verstörtem Blick und akzentgenauer kraftvoller Behendigkeit startete Zazyan sein Debut als Opfer in Glen Tetleys „LE SACRE DU PRINTEMPS“ – eine Form, die er im weiteren Verlauf leider (noch) nicht ganz durchzuhalten vermochte, aber unmissverständlich seine grundlegende Eignung für diesen konditionell enorm fordernden Part zeigte. Von der rasanten Schlusssteigerung der Strawinsky-Komposition, die choreographisch in einer christus-parallelen Opferung gipfelt, ließ er sich dann genauso mitreißen wie das gesamte Ensemble.

Wie beschwört von den verstörend geheimnisvollen Klängen agiert Rachele Buriassi in höchster Anspannung und markanter körperlicher Kontur. In den teils waghalsigen (Hebe-)Positionen wird sie maßgeblich von der Sicherheit und Zuverlässigkeit des ebenfalls debutierenden Roland Havlica unterstützt. Als eines der beiden nachgeordneten Paare hielten erstmals Miriam Kacerova und Brent Parolin der sportiven Härte der Bewegungen gut stand.

Mikhail Agrest entlockte dem Staatsorchester Stuttgart eine rhythmisch transparent bleibende und kompositionsgemäß geschärfte Wiedergabe.

 Die letzte Vorstellung dieser Programm-Kombination acht Tage später, diesmal unter der Leitung von Wolfgang Heinz, stand ganz im Zeichen des Abschieds von Alexander Zaitsev, dem nun langjährigsten Ersten Solisten der Compagnie. Mit der Mitwirkung in allen drei Choreographien hatte er eine vor allem auch konditionell gewaltige Herausforderung zu bestehen, konnte dadurch aber noch einmal seine vielseitige stilistische Versiertheit und zuverlässige Technik, und nicht zuletzt eine Form beweisen, die in künftigem Freischaffen andernorts noch einiges von dem 38jährigen erwarten lässt und seinen Abtritt in Stuttgart umso bedauerlicher macht.

Ein letztes Mal gab er dem Melancholiker in Balanchine/Hindemiths choreographisch-musikalisch geschlossenem Neoklassiker das Profil des um alle Feinheiten wissenden Tänzers, ließ er im braunen Gewand bei Robbins/Chopins heiter-bewölktem Tanztreffen seinen Körper zum musikalisch völlig gelösten Stimmungsträger von Freud und Kummer werden, und warf er sich mit totaler Hingabe und einer bestechend exakten rhythmischen Konsequenz in die exaltierten Windungen des titelgebenden Tetley/Strawinsky-Opfers, zuletzt wie der Gekreuzigte als mahnendes Monument zwischen den Seilen hängend.

Solch eine Leistungs-Demonstration ist an Abschiedsabenden eher die Ausnahme. So mancher/m wurde wohl auch erst jetzt bewusst, welche Note das Stuttgarter Ballett mit dem immer etwas im Schatten der anderen Ersten Solisten gestandenen Tänzer verliert, weshalb er zuletzt endlich die (z.T. stehenden) Ovationen erhielt, die ihm auch schon früher nach so manch einprägsamer Vorstellung gegönnt gewesen wären. Dem Dank und den guten Wünschen für die Zukunft, die zuletzt auf einer Leinwand hinter der Tanzfläche aufleuchteten, schließt sich an: Udo Klebes

 

 

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