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STUTTGART: MEISTERWERKE – Bahnbrechendes aus Amerika – Ballett-Wiederaufnahme

Stuttgarter Ballett: „MEISTERWERKE“ 20.4. 2013(WA-Premiere) – Bahnbrechendes aus Amerika

Werke dreier maßgeblicher amerikanischer Choreographen vereint der neu kombinierte Ballettabend und zeigt dabei, auf welch unterschiedliche Art für die jeweilige Entstehungszeit Innovatives ausfallen kann.

„DIE VIER TEMPERAMENTE“

hatte George Balanchine selbst (für ihm zur Verfügung stehende 500,– US$!) bei Paul Hindemith als Komposition für Klavier und Streichorchester in Auftrag gegeben und danach 1946 für die Ballett Society New York, der kleineren Vorläufer-Compagnie des heutigen New York City Ballet, choreographisch entworfen. Gemäß der in Thema und vier Variationen unterteilten Partitur lässt Balanchine das Stück mit drei Pas de deux, die das musikalische Hauptthema auf unterschiedliche Art beleuchten, den Variationen der in jedem Menschen verschieden ausgeprägten Temperamente vorangehen. Das medizinische Verständnis dieser Körpersäfte als vier bestimmende Elemente des Lebens (Erde, Wasser, Feuer und Luft) spielt jedoch lediglich als Idee eine Rolle, weder Musik noch Choreographie legen sich diesbezüglich interpretatorisch fest.

Im leeren Bühnenraum und in schlichten Trikots ist alles in der gewohnten Weise Balanchines auf den Tanz konzentriert, seine Erweiterung der klassischen Ècole de Danse wurde hier nochmals fortgesponnen, das Neigen und Brechen aus der zentralen Achse um einige Grade ausgedehnt. Der Tänzer tritt ganz hinter den Dialog von Musik und Choreographie zurück, und doch kommt alle Bewegung, der jede Äußerlichkeit fremd zu sein scheint, direkt aus ihren Körpern. Eine führende und hochtalentierte Compagnie wie das Stuttgarter Ballett kommt um diese spezielle Technik nicht herum, und so kam es nun gut 10 Jahre nach der hiesigen Erstaufführung zu einer großteils neu besetzten Wiederaufnahme. Nanette Glushak, die als Abgesandte des Balanchine Trust zur Einstudierung gekommen war, hatte sich bereits eine Woche vor dieser Premiere bei einer Rahmenveranstaltung hinter den Kulissen in höchstem Lob über das Potenzial der Stuttgarter Compagnie geäußert. In der Tat war nun auch eine geschlossene Ensemble-Leistung zu bestaunen, in der auch nicht einer der SolistInnnen explizit hervor ragte. Alexander Zaitsev vertritt passend zaghaft und doch entschieden die Melancholie, Maria Eichwald und Friedemann Vogel verströmen perfekt und natürlich zugleich die Lebensfreunde des Sanguinischen, Marijn Rademaker entfaltet gelassen und doch konzentriert phlegmatische Züge, Rachele Buriassi bringt die Unbeherrschtheit des Cholerischen mit Attacke auf den Punkt, die drei Themen-Paare Oihane Herrero und Damiano Pettenella, Magdalena Dziegielewska und Brent Parolin, Myriam Simon und Evan McKie sind musikalisch ebenso genau wie vierzehn Mädchen, die die Temperamente in unterschiedlichen Zusammensetzungen umspielen und ergänzen. Zuletzt feiern alle ihre Vereinigung in einem von ausgedehnten Hebungen gekrönten Finale.

DANCES AT A GATHERING“


Amatriain, Reilly.Gathering: Heitere Höhenflüge: Alicia Amatriain und Jason Reilly in „Dances at a Gathering“. Foto: Ulrich Beuttenmüller

 ist die bemerkenswerte Tat des einem breiten Publikum vor allem als Musical-Produzenten am Broadway („West Side Story“ und „Anatevka“ ) bekannten Jerome Robbins, der es hier 1969 geschafft hat, mit der Huldigung des schönen apollinischen Tanzes romantischer Natur in einer Zeit Besorgnis erregender Ereignisse genau den Nerv der darob gespaltenen amerikanischen Bevölkerung zu treffen, in dem er einen Gegenentwurf, eine Atmosphäre der Unbeschwertheit und des Friedens vor der leeren Kulisse eines nur leicht bewölkten Himmel-Prospekts kreierte. Ursprünglich sollte es nur ein Pas de deux für eine Gala beim New York City Ballet werden, schließlich wurde aufgrund von Probenunpäßlichkeiten und eingesprungener bzw. hinzu gekommener Tänzer ein halber Abendfüller mit 10 SolistInnen daraus. Wie so vielen Kollegen hatte es auch Robbins die Musik Fréderic Chopins angetan, die bei all ihrer Poesie und den mehrheitlich positiven Stimmungen der hier ausgewählten Mazurken, Walzer, Etuden, Scherzi und Nocturnes die frühe Todesahnung des Komponisten, und damit gleichsam das Ende der heiter ausgelassenen Begegnungs-Tänze an einem unbestimmten Ort der Zusammenkunft (so die freie Übersetzung des Titels) durchschimmern lassen. So markiert diese Aneinander-Reihung von verschiedenen Soli bis zum Pas de six auch ein letztes Eintauchen in Nostalgie vor dem sich bereits ankündigenden Abschied. Wenn im letzten Abschnitt plötzlich alle stehen bleiben, wie gebannt in die Ferne starren/horchen und einer der Tänzer den Boden berührt, liegt bereits der Donner in der Luft, ehe alle paarweise auseinander gehen.

Indem Robbins zwischen den von Anmut und Grazie getragenen klassischen Formen ganz alltägliche Momente des Innehaltens, Nachdenkens wie auch witzig ironischer und oftmals überraschender Wendungen untereinander gestattet, gewinnt er dem handlungslosen und doch bedeutungsvollen Ablauf eine menschliche Normalität ab, die das Stück nicht nur tänzerisch bewundernswert, sondern auch menschlich liebenswert macht.

Die vielfach ausgeprägten Charaktere der Compagnie wirken auch über die rein optische Unterscheidung verschieden farbiger Kostüme hinweg und wurden von Ben Huys vom Robbins Right Trust offensichtlich getreu vorbereitet, so locker und fröhlich geben sie sich trotz aller technischen Schwierigkeiten bei diesem Treffen: Sue Jin Kang fügt ihrem großen Repertoire mit der Frau in Grün immer noch weitere Facetten hinzu und versteht es auch hier so etwas wie unvergängliche Schönheit in ihre Darstellung zu legen, Angelina Zuccarini steuert in Apricot ihrer effektiven Musikalität würzige Laune bei, Anna Osadcenko (Mauve), Alicia Amatriain (Pink) und Myriam Simon (Blau) demonstrieren die große Bandbreite lyrisch empfindsamer Tanzstile. Bei den Männern schießt Friedemann Vogel (Grün) mit seiner trotz ausgeprägter Muskelkraft erzielten Leichtigkeit und Brillanz buchstäblich den Vogel ab, dicht gefolgt von Jason Reilly (Purpur), dem bei ähnlicher Gewichtung seit einiger Zeit eine bemerkenswert gute Form zu bescheinigen ist. Alexander Jones (Blau) und Daniel Camargo (Ziegelrot) sind mit unaufdringlich bestechender Technik und sichtbarem Spaß Beteiligte. Nur Marijn Rademaker (Braun) wirkt bei aller untadeligen Umsetzung in seinem Kostüm (lange Hose und innen getragenes weites langarmiges Hemd) in seinem sonst so entwaffnenden Charme gezierter als gewohnt.

Die größte Ovation ging zurecht auf das Konto des Pianisten Glenn Prince, der eine Stunde pausenlos für konzentriert nuancierte Chopin-Stimmung sorgte.

LE SACRE DU PRINTEMPS“


 Zaitsev, Osadcenko, Reilly. Sacre:   Faszinierende Körper-Skulpturen in „le Sacre“: Anna Osadcenko und Jason Reilly (rechts), Alexander Zaitsev mit Ensemble (Mitte). Foto: Ulrich Beuttenmüller

Auch 100 Jahre nach der als einer der größten Skandale der Musik- und Tanzgeschichte in die Annalen eingegangenen Uraufführung von Igor Strawinskys Komposition zu Waslaw Nijinskys Choreographie im Pariser Theatre des Champs-Élysées überrollt dieses progressive, von Disharmonien und schneidenden Rhythmen geprägte Werk noch heute so manchen im Publikum wie eine Lawine. Nachdem die Original-Choreographie verloren gegangen ist, haben sich zahlreiche Tanzschöpfer dieser Feier des Archaischen gestellt, darunter auch Glen Tetley. Seine 1974 in München uraufgeführte Version hatte zwei Jahre später ihre Stuttgarter Premiere, wo er mit der Gabe, nicht nur das Was, sondern auch das Wie des Tanzens beizubringen, das Stuttgarter Ballett während seiner Interimszeit als Direktor auf die Methode des Modernen Balletts, die bereits bei der Natürlichkeit des Gehens und Schreitens über die Bühne beginnt, eingeschworen und somit entscheidend für die Zukunft vorbereitet hatte.

Tetley holt das als Bilder aus dem heidnischen Russland untertitelte Stück heraus aus historischen Ritualen und verortet es in einem von beige-, braun- und Grüntönen dominierten Motiv-Leinwänden umgebenen Bühnenraum und hautfarbenen Trikots (beides: Nadine Baylis ). Das von der Gemeinschaft zur Überwindung des Alten und Entstehung des Neuen (Frühling) dargebrachte Opfer ist hier ein Jüngling, dem Alexander Zaitsev eine Intensität des inneren Kampfes, eine Ergebenheit und letztlich eine Selbstkasteiung abgewinnt, die in Verbindung mit der Unerbittlichkeit des stampfenden und vorwärtsdrängenden Rhythmus überwältigt. Dieser schonungslosen Hingabe an eine Rolle, die dem zum Ende der Spielzeit scheidenden Ersten Solisten bereits bei seinem Debut vor vielen Jahren wie auf den Leib geschrieben schien, standen die weiteren Beteiligten in nichts oder nur wenig nach. Noch nie war Anna Osadcenko als sich so verzehrende Ausdruckstänzerin zu erleben. Gespannt bis in die letzte Faser, entwickelte sich ihr Pas de deux mit dem selbst hier noch mit Leichtigkeit Kräfte raubende Körper-Balancen austarierenden Jason Reilly zu einem Höhepunkt. Dieser Sog setzte sich fort in einer Vierergruppe mit zwei Paaren sowie in dem jeweils 9 Mädchen und Jungs umfassenden Corps de ballet, das dem wild orgiastischen Vorwärtsdrang der Musik mit einer total enthemmten Ganzkörper-Verausgabung folgte. Nach dem Entschwinden des Opfers auf einer Schaukel in die Luft zum letzten Orchesterschlag herrschte kurze atemlose Stille, ehe sich die aufgestaute Begeisterung, in die auch Bronwen Curry von der Tetley Legacy und das unter der Leitung von Gastdirigent Mikhail Agrest mit Farbreichtum und viel Innenspannung agierende Staatsorchester Stuttgart einbezogen wurden, Luft machen konnte.

Zweifellos ein Abend der Meisterwerke, deren Wiedergaben ihrer Größe vollkommen entsprach.

 Udo Klebes

 

 

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