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STUTTGART: LUISA MILLER – Von der Faszination des Bösen

14.06.2015 | Allgemein, Oper

Stuttgart

„LUISA MILLER“ 13.6. 2015 (WA 25.4.) – Von der Faszination des Bösen

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Die beiden Bösewichte mit des Basses Grundgewalt: Adam Palka (Graf) und Attila Jun (Wurm). Copyright: A.T.Schäfer

Verdis nach wie vor unterschätztes melodramma tragico nach Schillers Trauerspiel stieß auch jetzt bei der Wiederaufnahme-Serie der knapp fünf Jahre alten Inszenierung von Markus Dietz auf begeisterte Publikumskommentare in der Pause und erst recht am Schluss. Allein der dritte Akt ist ein Musterexemplar für die musikdramatische Pranke des Komponisten, für die er auch schon in früheren Werken gerne so manche der Tradition geschuldete Konvention über Bord geworfen hätte. Aber auch die ersten beiden Akte halten so viel fesselnde Verquickung von inspiriertem Melos und raffinierten orchester-gestützten Ausdrucks-Nuancen parat, wie sie der Sturm und Drang-Vorlage entsprechen. Eine Regie kann dieses Potenzial unterstützen, aber auch seine spontane Wirkung ausbremsen. Der Regisseur erzielt hier beides, wobei der zwiespältige Eindruck mehr auf das Konto des Bühnenbildners Franz Lehr geht, dessen häufige Auf- und Niederbewegungen von horizontal hintereinander ausgerichteten Zwischenwänden zwar immer wieder neue Räume schaffen und mitunter auch die beständige Überwachung des Privaten chiffrieren sollen, auf Dauer jedoch nerven. In diese weitgehend leeren und requisitenlosen Räume richtet sich als positive Umkehr des Konzepts die Konzentration ganz auf die Konfrontation der Personen. Hintergrund-Einblendungen von einer Gletscherwelt, einer Riesenblume oder einem zunehmend von Blut überflossenen Reh als Metapher für Luisa sind einige stimmungsvolle Aspekte; die schon anfängliche Anwesenheit von zwei verschleierten Chordamen, auf deren Häuptern Totenköpfe sitzen, erscheint dagegen als dauerhaft lauernde Vorwegnahme des tragischen Endes etwas zu viel der symbolischen Fingerzeige. Die Glaubwürdigkeit der Geschichte garantieren dagegen die an eine historische Vergangenheit gemahnenden Kostüme von Anna Eiermann. Auf das Konto der eigentlichen Regie gehen so manche zu frühe Auftritte von Personen und  der trotz Betroffenheit mit der musikalischen Dringlichkeit nicht Schritt haltende statisch geratene finale Chorauftritt und dem unerklärten Verzicht auf Rodolfos Rachemord am Intriganten Wurm. Was die ansonsten immer wieder zu packenden Begegnungen gebündelte führende Hand des Regisseurs in so manchen Momenten nicht zulässt, gleichen die Sänger mit viel Herzblut aus.

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Die beiden Rivalinnen um Rodolfo: Ramona Zaharia (Duchessa) und Adina Aaron (Luisa). Copyright: A.T.Schaefer

Adina Aaron, die sich bereits vor zwei Jahren als erstklassige Tosca vorgestellt hatte, erweist sich nach der Diva als gleichfalls überzeugendes einfaches Mädchen, dessen Leben ganz nach dem Glauben und ihrer Liebe zum incognito auftretenden Grafensohn und ihrem Vater ausgerichtet ist. Vokal steht ihr die Bandbreite an vokalen Fächern, wie sie die Luisa ähnlich der Traviata fordert,  völlig drucklose Registerwechsel, eine beseelte klangvolle Lyrik mit innigen warmen Piani, eine dramatische Fülle und Kraft sowie eine für den unbeschwerten Anfang lockere Koloratur-Technik mit Belcanto-Gespür zur Verfügung. Gelegentlich nicht sofort anspringende verhalten angesetzte Spitzentöne dürften eine Frage der Abend-Disposition sein.

Diese Ausgeglichenheit fehlt dem Zwischenfachtenor Gaston Rivero, weil bei den Übergängen zwischen stilistisch fein empfundenen Phrasen und dem Ausbruch von impulsiveren Attacken das Timbre farblich schwankt und die zuverlässig sitzenden Höhen mehr grell den strahlkräftig ausfallen. Dennoch darf der figürlich nicht ganz überzeugende Südamerikaner als respektable Besetzung für die viel Stamina und Reserven verlangende Partie des Rodolfo bezeichnet werden. Statt seiner (vielfach) aufgenommenen Arie wurde die seines Bühnenvaters zum Höhepunkt der Aufführung. Wie der polnische Bassist Adam Palka den skrupellosen Grafen Walter mit einem äußeren Panzer an machtvoller Fülle und dennoch im Inneren verankerten Gefühlen, ergänzt von einer spannungsvollen Mimik, zum Leben erweckt, ist ein weiterer Glanzpunkt in der Karriere des gerade mal Anfang-Dreißigers.  Mit dieser felsenfest sitzenden, technisch ausgereiften, mit sonoren Tiefen, strömender Mittellage und vollen runden Höhen, vervollständigt durch ein markantes Timbre und seine große schlanke Erscheinung, ausgestatteten Stimme kann einfach nichts schief gehen. Auf diese Weise fällt es leicht, wie hier, von einer über Leichen gehenden, aber gleichzeitig menschlich bewegenden Bosheit fasziniert zu sein.  Lag es an diesem doch unsympathischen Charakter, dass statt seiner der irritierend eng geführte, und deshalb, abgesehen von klar platzierten Höhen, oft kehlig und im Volumen schmal anmutende Bariton Evez Abdulla als ehrbewusster und zuletzt rührend gebrochener Vater Miller viel höher in der Publikumsgunst lag? Fair war es jedenfalls nicht! Den zweiten Halunken Wurm füllte der Wagner geeichte Attila Jun  mit aller  gebotenen Finsterkeit und der nun errungenen Ausdruckskraft seines etwas grob gestrickten Basses aus. Ramona Zaharia spielt als herzogliche Federica  ihre Attraktivität  mit entsprechend verführerischen Mitteln gegenüber dem ihr zugedachten Rodolfo aus und punktet zudem mit einem kaum weniger lockenden dunkel grundierten, klangvollen und technisch einwandfreien Mezzosopran. Dies tat auf andere Art auch Josefin Feiler aus dem Opernstudio als Luisas Freundin Laura mit klar durchdringendem Sopran und gelöstem Spiel.

Der Staatsopernchor Stuttgart zeigte sich wieder von seiner Schokoladenseite mit den Attributen eines erstklassigen Musiktheater-Ensembles. Marco Comin leitete Verdis vielschichtiges Werk bereits in der Ouvertüre mit die Tragik deutlich vorwegnehmenden, in Wellen scharf herabstürzenden Tutti-Kaskaden. Der Chefdirigent des Münchner Gärtnerplatz-Theaters  stellte sich im weiteren Verlauf als versierter Kapellmeister mit agogischer Begleitung der Sänger und gleichzeitigem Augenmerk auf eine zielgerichtete dramatische Ader im geschlossen agierenden Staatsorchester Stuttgart heraus. Deshalb verwunderte es um so mehr, dass an den Aktschlüssen die Luft ausging, um Verdis  nun einmal theatralisch zugespitzte Finali auch als solche mit bestürzender Geste zu Ende zu bringen.

Aber wie schon anfangs gesagt: viel positive Überraschung und erfreuliche Ovationen eines vielfach erstmals mit diesem Werk konfrontierten Publikums.                             

Udo Klebes

 

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