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STUTTGART/ Literaturhaus: Internationale Hugo-Wolf-Akademie – LiedBÜHNE Friedrich Hölderlin – Stream

08.03.2021 | Konzert/Liederabende

Internationale Hugo-Wolf-Akademie: LiedBÜHNE Friedrich Hölderlin – Stream aus dem Literaturhaus/STUTTGART

Unterfutter für Protestlieder

Friedrich Hölderlin hat die Komponisten immer wieder inspiriert, auch in neuerer Zeit. Salome Kammer (Stimme) und Teodoro Anzellotti (Akkordeon) präsentierten suggestiv verschiedene Liedvertonungen von Friedrich Hölderlin. Zunächst waren sechs Hölderlin-Fragmente op. 61 aus dem Jahre 1958 von Benjamin Britten zu hören. Auch bei dieser Komposition kommen die wesentlichen Strömungen der abendländischen Musikentwicklung zusammen. Selbst Brittens Affinität zur Renaissance-Musik zeigt sich dabei in den verschiedenartigsten Klangfarben, die sich immer weiter aufzufächern scheinen – insbesondere bei „Die Heimat“, Die Jugend“ oder „Hälfte des Lebens“. Strawinsky, Mahler, Schönberg lassen grüßen. Und auch die Welt von „Peter Grimes“ beeindruckt dabei zwischen Nachimpressionismus und Verismus mit vielen Facetten. Manchmal blitzen auch folkloristische Einflüsse auf.

Chromatische Spitzfindigkeiten betonte Salome Kammer sehr geschickt. Frei schwingende Kantilenen und heftige klangliche Impulse standen hier dicht beieinander. Auch die ausgeprägten Kontrastwirkungen in Form und Klangfarbe kamen bei der subtilen Wiedergabe nicht zu kurz.  Vor allem Salome Kammers melodische Flexibilität hinterließ dabei einen tiefen Eindruck. Anschließend rezitierte sie eindrucksvoll Hölderlins spätes, schwieriges Gedicht „An die Madonna“,  das er von 1802 bis 1807 schrieb: „Viel hab‘ ich dein und deines Sohnes wegen gelitten, o Madonna…“ Hier kommen die sprachrhythmischen Eigenarten der Syntax voll zum Vorschein. Von Charlotte Seither erklangen anschließend „HörenMachen. Neun Sprechakte für Stimme solo frei nach Friedrich H.“ (2020) nach dem Gedicht „An die Madonna“ als Uraufführung. Kleinste Fragmente und Partikel sprechen den Zuhörer fast schon in dadaistischer Weise an.  Hier werden die Einflüsse von Hans Zender deutlich,  denn die Sprache wird in raffinierter Weise in semantische Keimzellen zerlegt. Dynamische Abstufungen betonte Salome Kammer dabei ausgezeichnet. Als Unterfutter für Protestlieder komponierte Hanns Eisler seine „Hölderlin Fragmente“ aus dem „Hollywood Liederbuch“. Salome Kammer arbeitete dabei zusammen mit Teodoro Anzellotti die thematischen Verästelungen der Kompositionsweise hervorragend heraus. „An eine Stadt“ (Heidelberg) oder „Erinnerung“ beeindruckten hier mit großem Klangfarbenreichtum. Zum Abschluss erklang von Hans Zender „Ein Wandersmann…zornig“ aus „Hölderlin lesen V“ aus dem Jahre 2013. Hier wird deutlich, dass Zender Hölderlin nicht singend vertonen wollte. Die Klänge des Akkordeons bleiben teilweise liegen, kunstvoll flankiert von Staccati und Trillern. Gesprochene Partien werden dabei in vielschichtiger Betonung vom Akkordeon begleitet. Eine gewisse Verbindlichkeit der Aleatorik bleibt dabei immer spürbar. Dynamik und Rhythmik gehen eine sehr eigentümliche Verbindung ein. Extreme Kontraste und zuweilen statische Klangkomplexe stehen hier dicht beieinander. Worte werden laut und leise betont. Sprachmontage wird dabei von klanglicher Mehrschichtigkeit ergänzt. So konnte man sich der starken Wirkung dieses Konzertabends unter dem Motto „Wie mein Glück ist mein Lied“ nicht entziehen.  

Alexander Walther

 

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