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STUTTGART/ Liederhalle: SWR Symphonieorchester unter Teodor Currentzis mit Alexandre Kantorow. Messiaen und Brahms – verwurzelt im christlichen Glauben

22.01.2022 | Konzert/Liederabende

SWR Symphonieorchester unter Teodor Currentzis am 21.1.2022 in der Liederhalle/STUTTGART

Verwurzelt im christlichen Glauben

 

Als „Sinfonische Meditation“ hat Olivier Messiaen seine 1939 entstandene Partitur „Les offrandes oubliees“ (Die vergessenen Opfergaben) bezeichnet. Thema ist hier das Vergessen Gottes in einer von Sünde verdorbenen Welt. Die drei Abschnitte sind mit den Titeln „Das Kreuz“, „Die Sünde“ und „Das Abendmahl“ überschrieben. Teodor Currentzis leitete das SWR Symphonieorchester hier sehr konzentriert – dies zeigte sich sogleich bei der ruhigen Kantilene der Streicher.  Liegende Akkorde gaben dem Ganzen eine höchst eigentümliche Grundierung, die Currentzis in suggestiver Weise betonte. Wie geschickt Messiaen das traditionelle metrische System hier aufgelöst hat, kam immer wieder in bewegender Weise zum Vorschein. Die Melodik fiel sogleich mit ihrer vom gregorianischen Choral geprägten Struktur in ganz besonderer Weise auf. Dann kam es zu einem walpurgishaften Hexensabbat voller rhythmischer Gewalt, den das SWR Symphonieorchester unter Currentzis akribisch bis in die kleinsten Fasern auslotete. Blechbläser und Fanfaren wirkten hier mit ultimativer Macht und klarer Intonation. Mit seiner unendlichen Melodie überzeugte auch der dritte und letzte Teil „Das Abendmahl“. Gedämpfte Sologeigen schufen eine seltsame Atmosphäre.

Der französische Pianist Alexandre Kantorow war dann der bejubelte Solist des Konzerts Nr. 2 in B-Dur op. 83 für Klavier und Orchester von Johannes Brahms. Abgeklärtheit und reife Wärme strahlten hier leuchtkräftig hervor. Sehr romantisch und geradezu märchenhaft tauchte das Hauptthema des ersten Satzes, Allegro non troppo, als Hornruf auf, das vom Klavier-Echo in geradezu geheimnisvoller Weise übernommen wurde. Leichte Intonationstrübungen des Horns minderten die Wirkung nicht. Verschiedene Seiten- und Gegenthemen führten im Orchester zu einer energischen Steigerung, die gut betont wurde. Trotzig unwirsch kam dann das Scherzo daher. Die Sonatenform dieses Satzes wurde vom Trio verbannt, in der Durchführung dominierten die träumerischen Visionen. Der dritte Andante-Satz überzeugte als meditative Impression mit Cello-Einsätzen – und die Klarinetten antworteten wie sphärenhaft aus der Ferne zu der Wendung „Hör‘ es, Vater in der Höhe, aus der Fremde fleht dein Kind“ aus dem Lied „Todessehnen“. Das graziös musizierte Kopfthema des Rondo-Finales mit seinen Abwandlungen und Einkleidungen mitsamt der Bratschenbegleitung hatte Alexandre Kantorow ebenfalls voll im Griff.  Als Zugaben begeisterten Ausschnitte aus der Cello-Sonate von Brahms, der „Feuervogel“-Suite von Strawinsky und den „Annes de pelerinage“ (Italien) von Franz Liszt. Das eruptive Orchesterstück „splinters of ebullient rebellion“ (Splitter einer aufwallenden Rebellion) der schwedischen Komponistin Malin Bang beeindruckte aufgrund seiner ausgeprägten Crescendo-Struktur, die sich immer weiter aufzufächern schien. Da führte das Klappern einer Schreibmaschine zu gewaltigen rhythmischen Klangattacken. Sphärenhafte Sequenzen wurden hier durch eruptive Schlagzeugattacken unterbrochen. Gegensätzliche harmonische Blöcke im Orchester sorgten dabei für eine elektrisierende Klangentfaltung. Serielle Assoziationen wurden nicht geleugnet.

Starker Schlussapplaus im Beethovensaal. 

Alexander Walther

 

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