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STUTTGART/ Liederhalle: SWR-SINFONIEORCHESTER unter Davic Afkham – Schostakowitsch und der Ritter Gluck

18.02.2017 | Konzert/Liederabende

SWR Symphonieorchester unter David Afkham im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart

SCHOSTAKOWITSCH UND DER RITTER GLUCK 

SWR Symphonieorchester unter David Afkham am 17. Februar 2017 im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART

Mit „Lumiere et Pesanteur für Orchester“ beschreibt die außergewöhnliche finnische Komponistin Kaija Saariaho die geheimnisvolle Gefühlswelt einer französischen Intellektuellen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Musik wirkt durchsichtig und irrisierend zugleich, verschränkt unterschiedlichste Klangfarben und Stimmungsbilder zu einem leuchtkräftigen Klangkosmos. Die thematischen Verschränkungen in dieser Musik sind wirklich beachtlich. Dieses Stück ist ein eindrucksvolles Extrakt aus ihrem Oratorium „La Passion de Simone“, das Momente im Leben der früh verstorbenen Philosophin Simone Weil beleuchtet. Das Licht und die Schwere werden hier eindringlich beschrieben. Schlagwerk und Bläser umspielen lichte Töne. Auch tiefe Klangfundamente spielen mit. Überirdische Klänge der Zimbeln und Celesta eröffnen das Werk, die Trompete markiert zarte Tonfigurationen. Alles endet in einem Triller, worauf die Oboen transparent antworten. Das steigert den harmonischen Reiz. Zarte Harfenglissandi begleiten Bläserklänge, Vibraphon und den Reigen der Streicher. Mit einem g setzt die Celesta den Schlusspunkt. Dies alles arbeitete der umsichtige Dirigent David Afkham mit dem SWR Symphonieorchester in bemerkenswerter Weise heraus.

Der grandiose Geiger Renaud Capucon stand dann im Mittelpunkt des expressiven Konzerts für Violine und Orchester Nr. 1 a-Moll op. 77 von Dmitrij Schostakowitsch, wo mit tiefen Streichern, Blechbläsern und Pauken sogleich eine düstere Grundstimmung beschworen wurde. Das musikalische Signet Schostakowitschs, nämlich „D-Es-C-H“, klang facettenreich an, beim Scherzo erreichte das irrwitzige Spiel Renaud Capucons eine diabolische Besessenheit. Die monumentale Passacaglia im dritten Satz konnte sich bei dieser ausgefeilten Wiedergabe voll entfalten. Insbesondere die filigrane Solo-Violinstimme arbeitete Renaud Capucon ausdrucksvoll heraus. Eine atemberaubende Schluss-Kadenz riss die Zuhörer zuletzt fast von den Sitzen. Der hochvirtuose Schluss-Satz besaß bei dieser mitreissenden Wiedergabe eine geradezu dämonische Fröhlichkeit. Selbst französisch-klassizistische Vorbilder waren herauszuhören. Es kam so zu einer eindringlichen Verschmelzung von westlichen und russischen Elementen. Die Kühnheiten der Harmonik und die unglaubliche rhythmische Stoßkraft wurden von David Afkham und dem SWR Symphonieorchester sowie dem Geigensolisten Renaud Capucon in atemloser Weise betont. Insbesondere die neoromantischen Phrasen unterstrich der Geiger exzellent – und auch die gewaltigen Intervallspannungen gewannen bei ihm nicht nur in der Kadenz großes Profil. Er konnte sich als Ausnahmesolist glänzend gegenüber dem Orchester behaupten. Eine spieltechnische Meisterleistung ersten Ranges. Als Zugabe spielte Capucon noch eine Episode aus dem legendären „Reigen seliger Geister“ des großen Christoph Willibald Gluck, dem E.T.A. Hoffmann in seiner Erzählung vom „Ritter Gluck“ ein unvergessliches Denkmal setzte. 
Hornthema des Allegro non troppo in der Sinfonie Nr. 2 in D-Dur op. 73 von Johannes Brahms prägte sich in der prägnanten Wiedergabe mit dem SWR Symphonieorchester unter der Leitung von David Afkham tief ein. Die Bassfigur des Themas wurde in ausgezeichneter Weise herausgearbeitet. Und das Motiv der leisen Posaunen-Akkorde warf dunkle Schatten. Das Violinthema mit seiner heiteren Gelöstheit triumphierte schließlich. Celli und Bratschen gaben der Entwicklung dann eine neue Richtung, was David Afkham mit dem Orchester facettenreich betonte. Nach der Exposition kam es zu erregten Konflikten, die souverän gelöst wurden. Das Adagio non troppo schwang sich dann aus einer geheimnisvollen Cello-Melodie empor. Biedermeierlich und naturnah zugleich wirkte das Allegretto grazioso, wo man sogar gelegentlich an einen Geschwind-Walzer dachte. Eine „ländliche Festlichkeit“ hat laut Kalbeck das Finale angeregt, wo das SWR Symphonieorchester noch einmal in die Vollen ging und alle Reserven ausschöpfte. Das thematische Material wurde hier gründlich ausgereizt und gemahnte auch an das Kopfthema des ersten Allegro. Vor allem die breite und enthusiastische „Hymne an die Natur“ gelang den Streichern vortrefflich. Anklänge an die erste Sinfonie von Brahms ließen sich bei dieser durchdachten Interpretation ebenfalls nicht verbergen. Nur gelegentlich wünschte man sich eine noch zupackendere Emotion und spieltechnische Emphase.  

Alexander Walther

 

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