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STUTTGART/ Liederhalle: RADIO-SINFONIEORCHESTER STUTTGART DES SWR unter Stephane Deneve

21.11.2014 | Konzert/Liederabende

STUTTGART/ Liederhalle:  Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR im Beethovensaal in der Liederhalle Stuttgart – 21.11. 2014

 WOLKEN UND HIMMELSBLAU

Konzert des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR am 21. November 2014 im Beethovensaal der Liederhalle

Ein rein amerikanisches Programm präsentierte das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unter der einfühlsamen Leitung von Stephane Deneve im Beethovensaal. „Blau…wie der Himmel“ von Jennifer Higdon („Blue Cathedral“ für Orchester) beschreibt in eindringlicher Weise eine Reise durch eine Glaskathedrale in den Himmel. Anlass hierfür war der Auftrag des renommierten „Curtis Institute of Music“ in Philadelphia zu dessen 75. Geburtstag. Jennifer Higdon ist hier Professorin für Komposition. Sie möchte in ihrer facettenreichen Komposition das Blau des Himmels darstellen. Ende, Einsamkeit und Gemeinschaft symbolisieren hierbei die Vorstellung von Kathedralen. Aufgrund der präzisen Wiedergabe durch das intensiv musizierende Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR konnte man diese magische Klangreise durch Wolken und Himmelsblau mit ihren gewaltigen dynamischen Steigerungen sehr gut nachvollziehen. Der Hörer kam tatsächlich vom Chorraum her, schwebte den Mittelgang zwischen riesigen Kristallsäulen entlang, die Figuren bewegten sich in bunten Glasfenstern. Flöte und Klarinette spielen bei diesem durchaus reizvollen Rondo die Hauptrolle. Das Leitmotiv in den Streichern lebte bei der leidenschaftlichen Wiedergabe voll auf und führte in Ganztönen bis zu strahlendem D-Dur. Frieden und Ruhe im Jenseits wurden so lebendig. Eine ekstatische Ausdehnung der Seele erreichte neue Dimensionen. Bläserfanfaren verkündeten das Leitmotiv im Stil von Aaron Copland. In sphärenhafter Dichte schien dieses Werk zuletzt in die Ewigkeit zu wandern, was Stephane Deneve mit dem glutvoll musizierenden Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR sehr gut betonte. Der renommierte französische Pianist Jean-Yves Thibaudet war anschließend der einfühlsame Pianist in George Gershwins Concerto in F, wo er die jazzartigen und spätromantischen Momente gleichermaßen intensiv betonte. Das Mondäne und Zwielichtige kam dabei ebenso wenig zu kurz. Chromatische Arabesken und Girlanden behaupteten sich in bewegender Weise. Die Schwermut der Negermelodien blitzte bei dieser hoch konzentrierten Wiedergabe hell auf, deren Strukturen sich immer mehr verdichteten. Raffinement verband sich mit vitaler Ursprünglichkeit und Einfallsfrische. Das eher lyrische Hauptthema wurde von Jean-Yves Thibaudet in hervorragender Weise herausgearbeitet. Als Zugabe interpretierte Thibaudet noch nuancenreich das Intermezzo op. 118 Nr. 2 von Johannes Brahms sowie ein Gershwin-Stück. Das melodische Strömen zeigte hier große Ausdruckskraft. Unregelmäßige Rhythmik, Polytonalität und Vierteltonmusik wurden dann bei „The Unanswered Question for Chamber Orchestra“ von Charles Ives überzeugend herausgearbeitet. Die dissonant-moderne Satzkunst zeigte bei dieser Wiedergabe durch das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unter der Leitung von Stephane Deneve großen Ausdrucksreichtum. Auch die dissonant-moderne Satzkunst war so präzis herauszuhören. Die unterschiedlichen Ebenen der Komposition wurden bei dieser Wiedergabe in Kammerorchester-Form geschickt übereinander gelegt. Und der leise, choralartige Gesang der Streicher erreichte dabei eine ungeahnte Intensität. Auch die Solo-Trompete stellte hier sieben Mal ein fragendes Motiv, das von vier Flöten beantwortet wurde. Gerade diese Passagen gelangen bei der konzentrierten Interpretation am besten. Zum Abschluss fesselte dann die wahrhaft aufwühlende Wiedergabe von John Adams „Doctor Atomic Symphony for Orchestra“, wo Stephane Deneve mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR die thematische Verzahnung mit glühender Deutlichkeit bei den einzelnen Sätzen „The laboratory“, „Panic“ und „Trinitiy“ unterstrich. Thematisch greift Adams mit seiner aufwühlenden Oper „Doctor Atomic“ Tage und Stunden vor der Zündung der ersten Atombome auf einem Testgelände in New Mexico auf. Im Zentrum stehen dabei Robert Oppenheimer und General Leslie Groves, aber auch Oppenheimers Frau Kitty. Oppenheimers Arie geht auf ein beeindruckendes Sonett des englischen Dichters John Donne zurück: „Zerschlage mein Herz, dreifaltiger Gott“.  Das bewegende Pauken-Ostinato zu Beginn der „Symphony“ erinnerte deutlich an Bernd Alois Zimmermanns Oper „Soldaten“ – erschreckende Deutlichkeit erreichte auch das flirrende Tremolo der Streicher. Glissando-Effekte wechselten mit col-legno-Passagen ab. Das Auf-dem-Steg-Spielen der Streicher verdichtete sich immer mehr, und auch die Pizzicato-Passagen ließen bei dieser Wiedergabe keineswegs zu wünschen übrig. Und auch die Staccato-Attacken gingen total unter die Haut. Der ergreifende Gesang der Solo-Trompete mündete in eine energisch-grandiose Stretta, bei der Stephane Deneve mit dem glanzvoll musizierenden Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR alle Register seines Könnens zog.    

 Alexander Walther

 

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