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STUTTGART/ Liederhalle: PABLO HERAS-CASADO DIRIGIERT DAS SWR-SYMPHONIEORCHESTER (Brahms, Schostakowitsch)

22.03.2019 | Konzert/Liederabende

Pablo Heras-Casado dirigerte das SWR Symphonieorchester am 21.3.2019 in der Liederhalle/STUTTGART

MIT WILDER LEIDENSCHAFT

Mit voluminösem Glanz agierte das SWR Vokalensemble in der subtilen Einstudierung von Ines Kaun bei der Motette für vierstimmigen Chor a cappella op. 74 Nr. 1 „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ von Johannes Brahms unter der Leitung von Pablo Heras-Casado. Frage, Hilfeschrei und Anklage vereinigten sich dabei in facettenreicher Weise, wobei es dem Dirigenten auch gelang, die dynamischen Kontraste offenzulegen. Homophone Ausrufe beherrschten den ersten Teil der Motette, wobei es danach zu machtvollen Steigerungen kam. Und die folgenden Abschnitte auf Texte aus dem Alten und Neuen Testament sowie aus Luthers Kirchenlied „Mit Fried und Freud fahr ich dahin“ beeindruckten aufgrund der klaren und intensiven Diktion des SWR Vokalensembles, der auf einmal sechs- statt vierstimmig agierte. Auch der Schlusschoral ging unter die Haut.

Nicht weniger eindrucksvoll interpretierte das SWR Vokalensemble zusammen mit dem SWR Symphonieorchester dann das Schicksalslied für Chor und Orchester op. 54 von Johannes Brahms nach Texten von Hölderlin. Dieses Werk kommt dem „Deutschen Requiem“ von Brahms am nächsten, was die gelungene Wiedergabe unter Pablo Heras-Casado deutlich zeigte. Die Seligkeit der Götter steht hier der Ungewissheit des Menschengeschlechts gegenüber. Eine unsagbare Sehnsucht nach Verklärtheit beherrschte diese bemerkenswerte Interpretation, wo das SWR Vokalensemble zusammen mit dem SWR Symphonieorchester glänzen konnte. Erdentfernte Klänge korrespondierten mit voll dahinströmenden Melodien: „Ihr wandelt droben im Licht auf weichem Boden, selige Genien“. Die auffahrenden Streicher beschworen die Leere, während die heftigen Rufe des Blechs deutlich wurden: „Doch uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhen“. Immer verzweifelter wurde hier der Gesang des Chores, die Qual der Stürzenden trat in erschütternder Weise hervor. Die Leere der dunklen Tiefe wurde dabei klanglich in hervorragender Weise getroffen. Das Sehnsuchtsbild des Elysiums offenbarte auch Verheißung.

Zum Abschluss interpretierte Pablo Heras-Casado mit dem vorzüglichen SWR Symphonieorchester die Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47 von Dmitrij Schostakowitsch, wo „Das Werden der Persönlichkeit“ beschrieben wird. Der Wechsel zwischen Zerknirschtheit und Orgiastik wurde dabei in zahlreichen kontrapunktischen Finessen herausgestellt. Bruckner, Mahler und Tschaikowsky blieben immer wieder spürbar – aber nie aufdringlich. Pablo Heras-Casado legte auf klangliche Kontraste großen Wert. Alexis Tolstoi meinte, dass man hier die „Symphonie des Sozialismus“ habe. Sie begann mit dem Largo der unter Tage arbeitenden Massen, ein Accelerando entsprach dem undurchsichtigen System der Untergrundbahn, das Allegro symbolisierte mit seinem Schwung die gigantischen Maschinen der Fabrik und ihren Sieg über die Natur. Im Adagio kam es bei dieser Wiedergabe dann zur überaus eindringlichen Synthese von sowjetischer Kultur, Wissenschaft und Kunst. Gewaltige Blechbläsereinwürfe und Schlagzeug-Kanonaden begleiteten das Finale, wo sich die Begeisterung der Massen offenbarte. Das intensiv-dramatische Leben dieser Sinfonie wurde auch bei den Staccato-Attacken  ausgezeichnet getroffen. Alles war klanglich überaus abwechslungsreich und die Spannung ließ keinen Augenblick nach. Eine kühne Thematik setzte sich durch, die lineare Verarbeitung und eine klare Zweistimmigkeit zeigten hier viele Facetten. Als Zugabe spielte das SWR Symphonieorchester unter Heras-Casado noch zum Gedenken an den Tod von Michael Gielen die „Maurerische Trauermusik“ von Wolfgang Amadeus Mozart, die allerdings noch erhabener hätte sein können. Großer Jubel.   

Alexander Walther

 

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