Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/ Liederhalle/Mozartsaal: Hommage an Inge Borkh der Internationalen Hugo Wolf-Akademie

05.05.2022 | Konzert/Liederabende

STUTTGART/ Liederhalle: Hommage an Inge Borkh der Internationalen Hugo Wolf-Akademie im Mozartsaal der Liederhalle – ein verspätetes Ständchen zum 100. Geburtstag (4.5.2022)

Erinnerungen an eine geniale Sängerin

klavierduo stenzl(c)andreas keller
Klavierduo Stenzl. Foto: Andreas Keller

Das Klavierduo Stenzl mit Hans-Peter und Volker Stenzl eröffnete dieses denkwürdige Erinnerungskonzert an die unvergessene Sopranistin Inge Borkh (die insbesondere als Richard-Strauss-Interpretin Furore machte und jüdische Wurzeln besaß) mit Franz Schuberts Fantasie f-Moll zu vier Händen D 940. Hier schimmerte die Sonatenform eindrucksvoll durch, weil die beiden einfühlsamen Pianisten die Strukturen überzeugend offenlegten. Und die formale und poetische Einheit faszinierte die Zuhörer hier immer wieder. Die ständige Wiederholung des Quartensprunges hatte dabei etwas Elektrisierendes. Das Zurücksinken des Themas ins Pianissimo und Dur besaß etwas ungemein Geheimnisvolles. Nach der präzisen Motivwiederholung setzte im Bass dann markant das Gegenthema ein. Und auch das Zerfließen ins Tremolo gelang den beiden Pianisten ausgeprochen eindrucksvoll. Die chromatische Rückung von F-Dur nach fis-Moll geriet höchst präzis. Aus dem Melos entwickelte sich dabei die Polyphonie sehr konsequent. Das zweite Thema mit seinen kontrapunktischen Schärfen setzte sich dann konsequent durch. Übermächtige Gewalten schienen hier durch melodischen Zauber gelegentlich beruhigt zu werden. Aus scharfen Dissonanzen meldete sich daraufhin die Schlusskadenz. Und auch die opernhaften Reminiszenen wurden ausgezeichnet getroffen.

Der Journalist Thomas Voigt, der zusammen mit Inge Borkh ein gemeinsames Hörbuch produzierte, erinnerte sich an die berühmte Sängerin auf bewegende Weise. Er erwähnte nicht nur ihre ergreifende Debütrolle in Menottis „Konsul“, sondern auch ihre großartige Darstellung der „Elektra“ von Richard Strauss. An diesem Abend konnte man beispielsweise die „Orest“-Szene in einer Aufnahme mit dem Dirigenten Fritz Reiner als Hörbeispiel hören. „Was für eine Künstlerin!“ sagte laut Voigt hier der Wiener Kritiker Karl Löbl. Ihr Vater sei übrigens auch Konsul gewesen und die Familie habe vor den Nazis ins Ausland fliehen müssen, so Voigt. Und auch als Chanson-Sängerin konnte Inge Borkh immer wieder überzeugen.

Download
Christina Landshamer. Foto: Marco Borggreve

Die 1917 in Mannheim geborene Sopranistin war aber auch Schauspielerin, was ihr bei der Gestaltung ihrer Rollen auf der Bühne wiederholt  zugute kam. Wie wunderbar passte dann der im Jahre 1869 entstandene „Liebeslieder-Walzer“ op. 52 von Johannes Brahms zu diesem Programm. Christina Landshamer (Sopran), Marie Seidler (Mezzosopran), Kai Kluge (Tenor), Kresimir Strazanac (Bass-Bariton) und das Klavierduo Stenzl machten die unglaublich reiche dynamische Skala dieses Werkes vortrefflich deutlich. Dies zeigte sich nicht nur bei den reizvollen kontrapunktischen Satzkünsten von „Nein, es ist nicht auszukommen mit den Leuten“, sondern auch bei den überaus leidenschaftlichen Aufschwüngen von „O die Frauen“, wo die Sänger bei den Legato-Bögen geradezu ins Schwelgen gerieten. Aber auch die feine klangliche Differenzierung kam beispielsweise bei Nummern wie „Rede, Mädchen, allzu liebes“, „Ein kleiner, hübscher Vogel“ oder „Am Donaustrande“ nicht zu kurz. Der Charakter dieser heiteren und neckischen Lieder triumphierte. Und auch der poetische Tastenanschlag unterstrich die melodisch eingängigen Kantilenen der Sängerinnen und Sänger, die den jugendlich drängenden Gestaltungswillen von Brahms sehr treffsicher zu Gehör brachten.

Inge Borkh, die die Veranstaltungen der Hugo-Wolf-Akademie oft besuchte, hätte an diesem Konzert sicherlich große Freude gehabt.

Alexander Walther

 

Diese Seite drucken