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STUTTGART/ Liederhalle: HAYDNS „JAHRESZEITEN“ mit der Gaechinger Cantorey und Hans-Christoph Rademann

12.02.2018 | Konzert/Liederabende

STUTTGART/ Liederhalle: Joseph Haydns „Jahreszeiten“ mit der Gaechinger Cantorey und Hans-Christoph Rademann am 11.2.2018

EINDRINGLICHE NATURBETRACHTUNGEN

Wie vier Tafelbilder malt Haydn mit liebevoller Naturbetrachtung den Ablauf des Jahres vom Frühling bis zum Winter. Wie sich die Jahrezeiten in der Seele des Menschen spiegeln, hat er eindringlich festgehalten. Der Pächter Simon (Bass), seine Tochter Hanne (Sopran) und der junge Bauer Lukas (Tenor) prägen die Szene. Schon die poetische Einleitung des „Frühlings“ gelingt Hans-Christoph Rademann und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen transparent. Vier lastende Largo-Takte malen die klirrend-froststarre Welt des Winters, dann springt das Frühlingsmotiv hervor und weckt sprießendes Leben. Die Gaechinger Cantorey erfüllt den Chor „Komm, holder Lenz“ aufgrund der lieblichen Melodie mit glühendem Leben. Arttu Kataja (Bass) gestaltet Simons Arie „Schon eilet froh der Ackersmann“ mit erfrischender Emphase. „Sei nun gnädig“ bitten alle mit großer gesanglicher Leuchtkraft. Und beim Anblick der grünen Felder singen Lukas und Hanne das Freudenlied „O wie lieblich“, wobei Regula Mühlemann (Sopran) und Werner Güra (Tenor) stimmlich sehr gut zueinander passen. Beim erhaben dargebotenen Schlusschor „Ewiger, mächtiger, gütiger Gott“ weckt Rademann mit dem Ensemble ganz bewusst Assoziationen zu Mozarts „Zauberflöte“. Die von Rezitativen durchsetzte, durchsichtige Einleitung des „Sommer“-Bildes gewinnt dank Hans-Christoph Rademanns Dirigat eine ungeahnte Intensität, die immer mehr zunimmt. Vor allem das Schauspiel des Sonnenaufgangs gerät hier zum eindrucksvollen Höhepunkt, dessen dynamische Stärke nicht nachlässt. Auch die pastoralen Rufe des Horns stechen hervor. „Sie steigt herauf, die Sonne“ singt Regula Mühlemann in vielen abwechslungsreichen Klangfarben – und nach und nach fallen Solisten und Chor ein, langsam steigt in Halbtonschritten die Melodie empor, stützt sich auf Akkorde kühner Harmonien.

Jauchzend grüßt die Gaechinger Cantorey die Sonne, „des Weltalls Seel‘ und Auge“. Blätterauschen umrahmt die geheimnisvolle Waldesstille. Wunderbare Gefühlstiefe strahlt Hannes Arie „Welche Labung für die Sinne!“ aus, weil Regula Mühlemann hier mit ungeahnt weichem Timbre und glühendem Ausdruck agiert. In den Flöten zuckt schon der erste Blitz, wobei Rademann mit dem konzentrierten Ensemble die symbolischen Tonmalereien hervorragend betont. Das Toben der Elemente spiegelt sich im Chor-Ausruf: „Ach! Das Ungewitter naht!“ Beim „Herbst“-Bild schildert dann „des Landmanns freudiges Gefühl über die reiche Ernte“ das Stimmungsbild. Hanne preist ihre Treue zu Lukas, während Simon das spannungsreiche Abenteuer der Jagd in glühendsten Farben schildert. Hornklänge und Jagdrufe reissen die Hörer bei dieser Interpretation mit. Rademann wählt bewusst atemlos-rasche Tempi, wie feurige Funken preschen die Rhythmen heran. „Die dicken Nebel, womit der Winter anfängt“ schildert die einfühlsam gestaltete Einleitung des Schlussteils. Der Wanderer muss hier angesichts der verschneiten Flur mühsam seinen Weg suchen. Die Frauen singen beim Schnurren des Spinnrades – ganz versteckt meldet sich schon Wagners „Fliegender Holländer“. Der Chor bekräftigt ausgelassen den Refrain des heiter-schnippischen Liedes. Hymnisch schwillt der an Händel gemahnende Gesang immer mehr an. Und die Gaechinger Cantorey unter Rademann überzeugt mit bemerkenswerter gesanglicher Leuchtkraft. Es ist eine Interpretation, die die Modernität Haydns als Komponist und Tonmaler exemplarisch unterstreicht. Haydn selbst merkte an, dass er noch nie „eine solch besoffene Fuge“ geschrieben habe.

Jubel.

Alexander Walther